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Spielzeug der Propaganda

Syrischer Diktator Assad möchte nach fast acht Jahren Krieg zum Alltag zurückkehren – das Fußball-Nationalteam soll ihm bei der Asienmeisterschaft dabei helfen

Damaskus Bis zum Jahr 2011 ist Rami fast täglich aus Damaskus nach Homs gefahren. In drei Jahren verpasste er nur ein Spiel seines Clubs. Dann kam der Bürgerkrieg, der in Syrien alles veränderte. Laut Schätzungen wurden in ihm bisher rund 500 000 Menschen getötet. Einmal noch, im Jahr 2014, ist Rami trotz des Krieges ins Stadion gegangen. Viele Plätze neben ihm blieben leer. Seine Freunde waren tot, im Gefängnis oder an der Front. Wenige Monate später ist Rami nach Deutschland geflohen.

Der Fußballbetrieb in Syrien wurde mit Ausbruch des Krieges in stark reduzierter Form aufrechterhalten. Dieser Umstand könnte jetzt dem Präsidenten des Landes, Baschar al-Assad, dabei helfen, zumindest scheinbar zur Normalität zurückzukehren. An diesem Samstag beginnt in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Asienmeisterschaft. Zu den 24 Teilnehmern gehören auch Nationen, die durch Kriege und Krisen gezeichnet sind: Jemen oder Irak. Besonders im Fokus: die Auswahl Syriens.

„Der Fußball zeigt die Zerrissenheit unseres Landes“, sagt Rami, 24, der inzwischen im Ruhrgebiet lebt. Die Spiele des syrischen Nationalteams verfolgt er im Internet, doch aus den sozialen Medien hält er sich weitgehend raus: „Viele Leute beanspruchen die Mannschaft für ihre politische Meinung, der Ton ist sehr hart und oft verletzend.“ Für Millionen Syrer ist Fußball eine Ablenkung vor dem Terror – für andere ist er ein Werkzeug der Diktatur.

Früher hat die syrische Mannschaft ihre Heimspiele in Damaskus oder Aleppo bestritten, seit Kriegsbeginn spielt sie im Exil, häufig in Südostasien. Mitunter haben dort Spieler und Offizielle T-Shirts mit Fotos von Assad getragen. Das Massenphänomen Fußball sei eine Unterstützung für das Regime, sagt Syrien-Expertin Kristin Helberg: „Assad möchte zurück in die internationale Gemeinschaft. Er braucht Gelder für den Wiederaufbau des Landes. Ein Symbol wie die Nationalmannschaft kann ihm auf der Suche nach Investoren helfen.“

Mittlerweile sind viele der Nationalspieler, die vom früheren DDR-Coach Bernd Stange (70) trainiert werden, im Ausland unter Vertrag. Doch auch dort stehen sie unter dem Einfluss der syrischen Regierung. Der Leistungsträger Firas al-Khatib trat 2012 aus Boykott gegen das Regime aus dem Nationalteam zurück. 2017 kehrte er für die WM-Qualifikation als Kapitän zurück. Setzte die Regierung al-Khatib unter Druck? Das amerikanische Portal ESPN schrieb 2017: „Mindestens 38 Spieler aus den ersten beiden Ligen und Dutzende weitere aus den unteren Ligen wurden erschossen, bombardiert und gefoltert.“ Dutzende Spieler werden vermisst, Hunderte Sportler haben rechtzeitig das Land verlassen.

Der Weltverband Fifa verbietet die politische Vereinnahmung des Fußballs, mehrfach hat sie Nationalverbände suspendiert. Doch gegenüber Syrien hält sich die Fifa zurück. Nimmt sie Rücksicht auf den Assad-Verbündeten Russland? In Statements teilte die Fifa mit, solche „tragischen Umstände“ würden weit über den Verantwortungsbereich des Fußballs hinausgehen.

Sollte Syrien nun bei der Asienmeisterschaft, bei der für Kirgistan auch Vitalij Lux vom Regionalligisten SSV Ulm aufläuft, das Unmögliche schaffen, würden wohl Hunderttausende Menschen feiern. Es wären Bilder, die Diktatoren eigentlich vermeiden wollen. Und auch sonst birgt die Meisterschaft Zündstoff: etwa wenn Saudi-Arabien am 17. Januar in der Vorrunde auf Katar, Gastgeber der WM 2022, trifft. Die Saudis stehen zusammen mit Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten nämlich in einer Art kalten Krieg mit den Kataris. Und dann droht dem sunnitischen Saudi-Arabien in der K.-o.-Runde auch noch ein Spiel gegen den schiitischen Erzrivalen Iran.

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Erstellt:
5. Januar 2019, 03:14 Uhr

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