Tod von Chamenei
Starrköpfig in den Untergang
Irans Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei wollte sein Regime retten – und scheiterte. Ein Rückblick auf sein Leben und seinen Einfluss.
© Uncredited/Office of the Iranian Supreme Leader/AP/dpa
Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei wurde am Samstag von US-amerikanischen Streitkräften im Iran umgebracht.
Von Thomas Seibert
Ajatollah Ali Chamenei hat den Iran über fast vier Jahrzehnte hinweg geprägt – sein Tod ist eine Wegmarke für das Land und könnte das Ende der Islamischen Republik einläuten. Chamenei starb bei den neuen Luftangriffen von Israel und USA am Samstag, wie israelische Staatsmedien am frühen Sonntagmorgen bestätigten. Ganze Generationen von Iranern kennen keinen anderen Mann an der Spitze des Staates.
Vielen Iranern war Chamenei verhasst. Sie nannten ihn einen Diktator und hoffen nun auf den Sturz seines Regimes. Der 86-jährige iranische Revolutionsführer wollte die Islamische Republik retten, doch als Veteran der Revolution von 1979 blieb sein Handeln in ideologischen Denkmustern verhaftet, die sich längst überlebt hatten. Chamenei war taub für innenpolitische Reformforderungen und manövrierte den Iran in die außenpolitische Isolation.
Im Januar ließ er eine landesweite Protestwelle niederschlagen und tausende Demonstranten töten. Die Schuld dafür suchte er nicht bei den Missständen im Land, sondern bei angeblichen Aufrührern aus dem Westen. Selbstkritik war ihm fremd.
Chamenei wurde im nordost-iranischen Maschhad geboren und schlug schon früh die Laufbahn eines Geistlichen ein; Ende der 1950er Jahre studierte er bei dem späteren Staatsgründer Ajatollah Ruhollah Khomeini, den er zwei Jahrzehnte später als Revolutionsführer beerben sollte. Als Aktivist im islamistischen Widerstand gegen das Schah-Regime wurde Chamenei mehrmals verhaftet. Als 1978 die Revolution begann, gehörte er zur Führungsriege der Islamisten; nach Khomeinis Rückkehr aus dem französischen Exil ein Jahr später stieg Chamenei zu einem engen Berater des neuen starken Mannes auf. 1981 wurde Chamenei zum Präsidenten gewählt, nach Khomeinis Tod 1989 rückte er an die Spitze der Islamischen Republik, wo er bis zu seinem Tod blieb.
Bis zu seinem Tod vertrat Chamenei die Linie Hardliner
Der nun getötete Revolutionsführer gehörte zu einer Generation, die Verfolgung, Umsturz und nach dem Überfall des Iraks auf den Iran 1980 auch Krieg erlebte. Im Jahr 1981 wurde Chamenei bei einem Attentat schwer verletzt und konnte seitdem seinen rechten Arm nicht mehr gebrauchen.
Chameneis Weltsicht wurde von diesen Kämpfen geprägt: Er zählte die Gegner der Islamischen Republik im Innern ebenso zu seinen Feinden wie die USA und Israel und lieferte sich einen jahrelangen Machtkampf mit dem 2017 verstorbenen Präsidenten Ajatollah Akbar Haschemi Rafsandschani, der Pragmatismus in der Außenpolitik und eine wirtschaftliche Öffnung des Landes forderte. Chamenei stand bis zu seinem Tod an der Spitze der Konservativen, der Revolutionsgarde und der Hardliner, die dem Westen tief misstrauen.
Oberste Prioritäten Chameneis waren die ideologische Festigung und der Fortbestand der Islamischen Republik; diese Ziele waren ihm wichtiger als die demokratische Legitimation des Regimes durch Wahlen oder der Wohlstand der Bürger. Der Revolutionsführer spielte immer wieder andere Akteure im Iran gegeneinander aus und konnte sich so fast vier Jahrzehnte lang an der Macht halten: Als Chamenei 1989 Regimechef wurde, hatte in den USA gerade die Amtszeit von Präsident George Bush dem Älteren begonnen.
Chamenei war überzeugt, dass die Islamische Republik nur zu retten sein würde, wenn die Hardliner das gesamte Regime beherrschten, wie der Iran-Experte Alex Vatanka vom Nahost-Institut in Washington in einem Buch über Chamenei und Rafsandschani schrieb. Vereinbarungen mit dem Westen wie dem Atomabkommen von 2015 stand Chamenei immer skeptisch gegenüber, auch wenn der Vertrag vorübergehend einen Wirtschaftsboom im Iran auslöste.
Persönlich sei Chamenei ein Mikro-Manager gewesen, sagt Vatanka: stur und nicht oft in der Laune, sich andere Meinungen anzuhören. Damit entfernte sich Chamenei mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit vieler Iraner. Forderungen der jungen Generation nach mehr persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten und der Abschaffung von sozialen Vorschriften wie der Kopftuchpflicht für Frauen waren ihm suspekt. Als vor vier Jahren hunderttausende Iraner mehr politische Teilhabe verlangten, ließ Chamenei die Revolutionsgarde auf die Demonstranten los. Der Revolutionsführer ließ Wahlen zugunsten der Hardliner manipulieren. Die wachsende Korruption der Elite nahm er hin.
Islamische Republik nach Chameneis Tod geschwächt
In der Außenpolitik verwendete der Regimechef viel Geld und politisches Kapital darauf, ein Netzwerk aus Verbündeten gegen Israel zu schaffen. Diese „Achse des Widerstandes“ sollte Israel unter Druck setzen und den Iran vor Angriffen der Amerikaner und Israelis schützen. Doch der Überfall des iranischen Verbündeten Hamas auf Israel im Oktober 2023 leitete Chameneis Scheitern ein. Israel besiegte die Hisbollah im Libanon, der syrische Präsident Baschar al-Assad stürzte, und schließlich griff Israel den Iran direkt an. Dabei zeigte sich, wie stark der israelische Geheimdienst Mossad den iranischen Staatsapparat unterwandert hatte.
In den letzten Jahren seines Lebens konzentrierte sich Chamenei darauf, die Herrschaft der Hardliner über seinen Tod hinaus zu sichern, doch auch das gelang ihm nicht. Der 2021 gewählte Präsident Ebrahim Raisi galt als Chameneis Favorit für das Amt des Revolutionsführers, doch Raisis Tod bei einem Hubschrauberabsturz im vorigen Jahr durchkreuzte Chameneis Plan für eine Machtübergabe an einen treuen Gefolgsmann.
Nun ist das Gegenteil von dem eingetreten, was Chamenei immer gewollt hatte: Die Islamische Republik ist nach seinem Tod nicht stärker, sondern schwächer denn je. Chamenei hat zudem keinen designierten Nachfolger – und es ist nicht sicher, ob es überhaupt einen weiteren iranischen Revolutionsführer geben wird.
