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Stich für Stich zum Parament

Backnanger Werkstatt „Knotenpunkt“ fertigt in Handarbeit textile Arbeiten für Kirchen

Im „Knotenpunkt“ in Backnang werden textile Arbeiten für Kirchen gefertigt, etwa für Kanzel oder Altar. Das Besondere: In Baden-Württemberg ist die Werkstatt einzigartig. Die Arbeiten entstehen entweder direkt von Hand oder an handbetrieben Maschinen. Und das erfordert Konzentration und ruhige Hände.

Dorothea Walter lässt sich hin und wieder ganz gern über die Schulter schauen, während sie an ihrer Arbeit sitzt. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Dorothea Walter lässt sich hin und wieder ganz gern über die Schulter schauen, während sie an ihrer Arbeit sitzt. Fotos: J. Fiedler

Von Silke Latzel

BACKNANG. Dorothea Walter ist hoch konzentriert. Präzise und mit einer bewundernswerten Leichtigkeit führt sie ihre Nadel durch ein scheinbares Gewirr von Fäden. Doch sie behält den Überblick. Auch wenn sie oft unsichtbar für ihre Augen auf der Unterseite des Stoffs hantiert, ist sie dennoch treffsicher, die Nadel findet immer ihr Ziel. Walter ist eine von sechs Angestellten im „Knotenpunkt“, einer Werkstatt für textiles Arbeiten mit Sitz in Backnang. Das Besondere an der Werkstatt: Sie ist in BadenWürttemberg einzigartig. Und auch deutschlandweit gibt es solche Werkstätten nicht mehr allzu oft, gerade noch 17-mal. Hier entstehen hauptsächlich textile Arbeiten für Kirchen, aber auch öffentliche Gebäude.

Walter arbeitet gerade an einem Parament. Paramente sind im Kirchenraum verwendete Textilien, die künstlerisch aufwendig gestaltet sind, etwa ein Altar- oder Kanzelschmuck. Sie werden von Kirchengemeinden im „Knotenpunkt“ bestellt und dort dann angefertigt – als Stickerei oder am Webstuhl. Ganz wichtig dabei: Je nachdem für welche Zeit im Kirchenjahr werden unterschiedliche Farben verwendet, beispielsweise violett für die Adventszeit, rot an Pfingsten, grün für die festlose Zeit im Sommer.

Wenn eine Anfrage in die Werkstatt kommt, zieht Chefin Elke Gassen los, um sich die Gegebenheiten vor Ort anzuschauen. Wie fällt das Licht in den Raum? Welche Farben passen? Wie groß kann und soll das Parament werden? Dann wird ein erster Vorschlag virtuell erstellt, um zu sehen, ob die Farbenideen passen und gefallen. Die Motive erstellen die Mitarbeiter des „Knotenpunkts“ nicht selbst – sie haben rund 40 Künstler in der Hinterhand, die ihnen Ideen und Entwürfe liefern. Jeder Entwurf wird maximal fünfmal umgesetzt. Und auch dabei sieht er niemals gleich aus. Denn derjenige, der den Wunsch dann umsetzt und stickt, setzt noch einmal ganz eigene Akzente, lässt seine Persönlichkeit mit in die Arbeit einfließen. „Wir haben schon ein bisschen Spielraum“, sagt Walter. „In meinen Stickereien ist auch immer viel von mir selbst. Jeder von uns legt Wert auf ganz bestimmte Dinge. Und die sieht man dann auch am Ende in der Arbeit.“ Generell empfindet sie das Sticken als meditativ und entspannend. „Manchmal sitzen wir hier auch und hören ein Hörbuch nebenbei“, sagt sie lachend. Nur in der „kritischen“ Phase, der Vorbereitung, könne sie keine Ablenkung gebrauchen. „Da muss ich mich voll konzentrieren.“

Hat sich der Kunde für ein Motiv entschieden, wird es von einer kleinen Zeichnung zuerst auf eine Folie und dann auf den Grundstoff übertragen. Dabei muss man sehr aufmerksam sein, erklären Walter und Gassner.

Das größte Parament, das in der Werkstatt jemals gefertigt wurde, ist zehn Meter lang und eineinhalb Meter breit. Es hängt in einer Kirche von der Decke herab, erzählt Gassen. „Das dauert natürlich sehr, sehr lang“, sagt sie. Wie lang genau, ist nicht einfach zu sagen. Das Parament, an dem Walter derzeit arbeitet, misst beispielsweise keinen Quadratmeter, in der Werkstatt rechnet man dafür aber schon mit etwa 400 Arbeitsstunden.

Und diese Handarbeit hat natürlich auch ihren Preis. Genau Beträge möchte Gassen nicht nennen, weil einfach zu viele Faktoren eine Rolle spielen und sie keine falschen Vorstellungen vermitteln möchte. Vierstellige Beträge, von klein bis groß, sind es allerdings meistens.

Wer im „Knotenpunkt“ arbeitet, ist handwerklich begabt und hat Spaß an dieser Art von Tätigkeit. „Es wäre schon gut, wenn man Sticker ist oder Schneider“, so Gassen lachend. „Aber zum Beispiel lernen wir unsere Mitarbeiter für die Webmaschinen selbst an.“ Seit 1990 ist die gelernte Lehrerin im Bereich der Paramentik tätig, arbeitete zunächst als Leiterin der Paramentenwerkstatt Stuttgart, bevor sie 1997 die Werkstatt privat übernimmt. „Beruflich brennt mein Herz hierfür“, sagt sie. Über den „Umweg“ über das Lehramtsstudium ist sie heute dennoch froh: „Deshalb darf ich nämlich auch ausbilden.“

Die kleine Zeichnung (links unten) ist die Vorlage, nach der die Stickerin sich richtet.

© Jörg Fiedler

Die kleine Zeichnung (links unten) ist die Vorlage, nach der die Stickerin sich richtet.

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Erstellt:
13. November 2019, 11:30 Uhr

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