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Studie: Personalnot in Kitas

dpa Düsseldorf. Sie sollen erziehen, fördern, integrieren und natürlich gut auf die ihnen anvertrauten Kinder aufpassen: Von Erziehern wird viel verlangt, was in der Praxis oft kaum einlösbar ist. Eine Befragung deutscher Kitaleiter offenbart drastische Lücken.

Zahnbürsten und Zahnputzbecher mit den Vornamen der Kinder stehen in einer Kindertagesstätte auf einem Tisch. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Zahnbürsten und Zahnputzbecher mit den Vornamen der Kinder stehen in einer Kindertagesstätte auf einem Tisch. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Wachsende Personalnot, wenig Anerkennung und ein kleines Gehalt für eine große Aufgabe - so sehen Erzieher die Situation in den Kindertagesstätten.

Zum Deutschen Kitaleiterkongress in Düsseldorf stellte der Chef der Gewerkschaft Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, am Mittwoch die wesentlichen Ergebnisse der jüngsten repräsentativen Befragung zu dem Themenkomplex vor.

PERSONALMANGEL: Nur acht Prozent der Kindertagesstätten in Deutschland hatten 2019 durchgehend eine auskömmliche Personalausstattung zur Verfügung. Jede vierte Kita gab dagegen an, sogar in über 40 Prozent der Betreuungszeit mit zu wenig Personal gearbeitet zu haben. Im Vergleich zum Vorjahr sei das eine Steigerung entsprechender Rückmeldungen durch Kita-Leitungen um acht Prozent, kritisierte der Vorsitzende der Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Der Zustand sei „flächendeckend dramatisch“ und das Versagen der Politik „schockierend und verantwortungslos“.

PERSONALSCHLÜSSEL: 94 Prozent der Kitas haben nach Angaben der befragten Leitungskräfte im Bereich der unter dreijährigen Kinder eine Fachkraft-Kind-Relation, die hinter der wissenschaftlichen Empfehlung von 1:3 zurückbleibt. Bei den über Dreijährigen verfehlen demnach 76 Prozent den statistischen Betreuungsschlüssel von 1:7,5.

SICHERHEIT: Viele Kitas müssten „regelmäßig und über so lange Zeiträume mit so wenig Personal auskommen, dass nicht einmal mehr eine ordnungsgemäße Aufsichtsführung möglich ist“, kritisieren die Autoren der Studie, die unter wissenschaftlicher Begleitung des Koblenzer Professors für Sozialmanagement, Ralf Haderlein, entstanden ist. Dies berge Sicherheitsrisiken für die Kinder und erhöhe das Haftungsrisiko der Kitas und ihrer Träger.

PERSONALBEDARF: Allein für den Bereich der Kindertagesbetreuung rechnen Experten bis 2025 mit einem zusätzlichen Personalbedarf von rund 310 000 Fachkräften. Allerdings schließen nur etwa 30 000 Personen jährlich erfolgreich ihre Erzieherausbildung ab. Nötig sei eine bundesweite Fachkräfte-Offensive, mahnte Beckmann.

IMAGE: 76 Prozent der 2795 Befragten erleben in der Gesellschaft weiterhin das Vorurteil: „Wir spielen, basteln und betreuen die Kinder nur“ - ähnlich viele wie in den Vorjahren. Die Autoren der Studie schlagen eine Image-Kampagne vor - auch für bestimmte Zielgruppen wie Männer oder ausländische Fachkräfte. Noch immer sind etwa 93 Prozent der Erzieher in Deutschland weiblich.

BEZAHLUNG: Mehr als 61 Prozent der Befragten empfinden ihr Gehalt als nicht wirklich angemessen - 15 Prozent sogar als völlig unangemessen. „Kita-Leitungen führen kleine bis mittelständische Unternehmen, doch auf dem Gehaltszettel schlägt sich das nicht nieder“, bilanziert die Studie. „Wir steuern auf eine Havarie zu“, warnte Beckmann. Ein großer Teil der Leitungspositionen müssen in den kommenden Jahren neu besetzt werden. Wenn ein Rechtsanspruch auf Ganztagsschulbetreuung umgesetzt werde, steige die Konkurrenz um Fachkräfte weiter. Ohne eine attraktivere Bezahlung sei der Engpass nicht zu beseitigen.

OFFENE STELLEN: 78,5 Prozent der Kita-Leitungen beklagten, es sei im Vergleich zum Vorjahr noch schwieriger geworden, offene Stellen zu besetzen. Dabei meldeten städtische Kitas weniger Probleme als ländliche.

GRATIS-KITA:Dass viele Bundesländer lieber Elternbeiträge reduzieren oder abschaffen wollen, statt die Qualität von Kitas zu erhöhen und den Personalmangel abzubauen, sei für viele überlastete Erzieher „ein Schlag ins Gesicht“, kritisierte Beckmann. Immerhin empfänden 69 Prozent der Befragten ihre Arbeitsbelastung als akut gesundheitsgefährdend. Vom „Gute-Kita-Gesetz“ erwarten deshalb 46 Prozent der Befragten keine oder kaum positive Wirkungen.

DIGITALISIERUNG:Mehr als 61 Prozent verfügen über einen schnellen Internet-Anschluss in ihrer Einrichtung. Jede zweite Kita verfügt darüber hinaus über eine gute oder zumindest ausreichende Ausstattung mit Geräten wie PC, Tablet, Digitalkamera, Smartphone oder Laptop. Deutlich besser ausgestattet als öffentliche oder kirchliche Einrichtungen sind demnach private. Die Autoren der Studie schlagen einen „Digital-Pakt Kita“ vor.

LÄNDER-NOTEN:Mehr als 75 Prozent der Leiter sind tendenziell eher unzufrieden mit der Kita-Politik ihrer Landesregierung. Jeder fünfte verteilte sogar die Note „ungenügend“. Besonders unzufrieden äußerten sich der Studie zufolge die Befragten in Hessen (rund 91 Prozent), NRW (rund 88 Prozent) und Bayern (rund 84 Prozent) über die landespolitischen Bemühungen. Die höchste Zufriedenheitsquote zeigte sich dagegen mit rund 45 Prozent in Hamburg.

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Erstellt:
4. März 2020, 14:48 Uhr

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