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Syrien – ein endloser Krieg?

Nahostexperte Jörg Armbruster versucht die Syrienkrise zu erklären – Seif Arsalan spricht über seine Flucht nach Deutschland

Seif Arsalan erzählt in seinem Buch „Aus Syrien geflüchtet“ seine Geschichte.Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Seif Arsalan erzählt in seinem Buch „Aus Syrien geflüchtet“ seine Geschichte.Foto: J. Fiedler

Von Andreas Ziegele

BACKNANG. Die bis auf den letzten Platz gefüllte Aula des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) zeigt, dass die Organisatoren ein Thema gefunden haben, das die jungen Schüler interessiert. Tief beeindruckt zeigen sie sich von den Schilderungen seiner Flucht nach Europa und dem Buch von Seif Arsalan, der eigentlich anders heißt, aber den Namen zu seinem und dem Schutz seiner Verwandten, die teilweise noch in Syrien leben, als Pseudonym gewählt hat.

Wenn man jemand als Experten für den Mittleren und Nahen Osten bezeichnen kann, dann ist das mit Sicherheit Jörg Armbruster. Der 70-Jährige begann in den 90er Jahren als ARD-Korrespondent im Mittleren und Nahen Osten und lebte viele Jahre in Kairo. Als Moderator des „Weltspiegel“ erlebte er die Revolution in Ägypten mit und berichtete auch aus Damaskus. „Syrien war vor zehn Jahren eines der schönsten Länder in dieser Region“, sagt Armbruster mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Den Schülern des BSZ erläutert er an diesem Tag die schwierige Gemengelage in Syrien und sieht dabei noch lange kein Ende der Krise. „Daran wird auch das Treffen von Merkel, Putin, Macron und Erdogan am Wochenende in Istanbul nichts ändern“, ist er sich sicher. Zumal an diesem Treffen weder die USA noch syrische Vertreter dabei sein werden. Bei diesem Treffen soll es um die Zukunft der im Norden Syriens liegenden Provinz Idlib gehen. Nach seinen eigenen Zahlen leben dort drei Millionen Zivilisten, die nicht an Kämpfen beteiligt sind. Darunter sind eine Million Kinder. „Gleichzeitig gibt es hier Tausende von Milizen der Dschihadisten der unterschiedlichsten Härtegrade – von al-Qaida bis zum IS.“

Aber es ist nicht nur diese Region, die Syrien so unübersichtlich macht. Armbruster erläutert den Schülern die gesamte Komplexität der Kriegsparteien in diesem Land. Und nicht immer ist es ganz einfach, die Situation, die sich zudem nahezu täglich ändert, zu erfassen. Durch seine Erfahrungen und seine Erzählweise – immer wieder berichtet er von seinen persönlichen Erlebnissen – gelingt es ihm aber, den Schülern das Thema näher zu bringen. „Ich habe heute zum ersten Mal richtig verstanden, um was es in Syrien eigentlich geht“, sagt ein Schüler nach dem Vortrag.

Armbruster sieht Syrien vor allem als ein „Schlachtfeld der Stellvertreterkriege“. Der Aufstand der Syrer im Jahr 2011 hat sich zu einem Konflikt entwickelt, der den Nahen Osten verändert hat und verändern wird. Saudi-Arabien bekriegt sich hier mit dem Iran, die Türkei mit den Kurden und die Russen unterstützen den Diktator Baschar al-Assad, um ihren militärischen Einfluss in der Region nicht zu verlieren. Mit einem Zitat des resigniert zurückgetretenen UN-Sondergesandten für Syrien, Staffan de Mistura beendet Armbruster dann seinen Vortrag: „Es ist unendlich schwer, diese Gemengelage zu verstehen. Wer gegen wen und warum?“

Bescheiden und etwas schüchtern betritt dann Seif Arsalan die Bühne. Der 21-Jährige stammt aus Duma in der syrischen Region Ost-Ghouta. Vor Jahren floh er mit seiner Mutter und dem älteren Bruder zunächst nach Damaskus. Der Bruder half in der syrischen Hauptstadt den Menschen, die in den Straßen hausen mussten, mit Lebensmitteln und zog damit den Zorn des Assad-Regimes auf sich. Die Flucht führte die Familie dann zunächst ins türkische Adana. „Wir haben vier Versuche unternommen, um nach Griechenland zu gelangen. Den dritten und noch gescheiterten Versuch beschreibt er in seinem Buch, aus dem er vorliest. Schon beim Zuhören erfasst einen die ganze Dramatik dieser Flucht mit einem Schlepperboot.

„Von Lesbos ging es mit der Fähre dann nach Athen und anschließend mit der Bahn, dem Bus und zum Teil zu Fuß nach Deutschland“, schildert Arsalan. Über die Stationen Heidelberg und Villingen-Schwenningen ist der junge Mann mit seiner Mutter dann in Winterbach im Remstal gelandet, wo er „gute Menschen gefunden hat“. Trotz allem bleibt er ein Kriegskind mit vielen bösen Erinnerungen und quälenden Gedanken an seine alte Heimat. Aber er will hier nun in Frieden leben und schaut optimistisch nach vorne. Schnell hatte er auch erkannt, „dass die deutsche Sprache der Schlüssel zu allem hier ist“, wie Arsalan sagt, der davor neben der arabischen auch die englische Sprache beherrschte. An der kaufmännischen Schule in Schorndorf schloss er das „Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf“ mit 1,0 ab. Derzeit besucht er das Technische Gymnasium und ist seinem Traum schon ein Stück näher: einem Studium der Mechatronik. Und so wie sich der junge Mann gibt, wird es kein Traum bleiben.

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Erstellt:
24. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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