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Terroristen im Fokus

Ermittler des Stuttgarter Landeskriminalamts hören unter anderem Telefone ab und überwachen Computer – um Anschläge zu verhindern

Im Landeskriminalamt versuchen zig Beamte, Terroristen auf die Spur zu kommen. Sie pflegen dafür internationale Netzwerke und werden auch beim amerikanischen FBI ausgebildet.

Stuttgart Baden-Württembergs Landeskriminalamt (LKA), morgens um acht: weißer Raum, elf Neonröhren lang, blaue Stühle, links Schränke, rechts Fenster. In der Mitte eine Wand, die sich harmonikaartig zusammenfalten lässt. Acht Führungskräfte der für internationalen Terrorismus und politisch motivierte Ausländerkriminalität zuständigen Inspektion des baden-württembergischen LKA sitzen um weiße Tische.

Ihre Themen: In Wien haben Polizisten am Vortag einen 42-jährigen Iraker verhaftet, der in Bayern und Berlin Anschläge auf Bahnstrecken verübt haben soll. Gibt es möglicherweise aus dem Umfeld des Sympathisanten der Terrorgruppe Islamischer Staat Kontakte nach Baden-Württemberg?

Das ist überhaupt die Frage, die allmorgendlich die Runde beschäftigt: Gibt es Informationen, die in irgendeiner Form für den internationalen Terrorismus in Deutschland und besonders in Baden-Württemberg relevant sind? Auch deshalb wird aus Berlin der Kriminale zugeschaltet, den das LKA ins Gemeinsame Terrorabwehrzentrum des Bundes abgestellt hat. Seine Nachricht an diesem Morgen: Offiziell spricht das Bundeskriminalamt (BKA) nun von 1050 Personen, die aus Deutschland in die östlichen Mittelmeerländer gereist sind. Die Hälfte von ihnen seien in Kampfhandlungen verstrickt gewesen, jeder fünfte Ausgereiste sei eine Frau. Der überwiegende Teil der Kriegsreisenden sei jünger als 30 Jahre. 200 seien in Syrien und im Irak gestorben. Jeder Dritte der 1050 befinde sich wieder in Deutschland. 110 von ihnen haben nach den Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden an Kämpfen in Syrien oder im Irak teilgenommen oder eine militärische Ausbildung in den östlichen Staaten absolviert.

Die Beamten richten den Fokus wieder auf Baden-Württemberg. Sie diskutieren laufende Observationen, bewerten abgehörte Telefonate und terminieren anstehende Vernehmungen. Bilanz nach einer halben Stunde: „Eine ruhige Nacht!“

Während seine Beamten in Stuttgart den kommenden Tag planen, drückt Alexander Stalder in Garmisch-Partenkirchen die Schulbank. Der Kriminaldirektor ist der einzige, dessen Namen in dieser Geschichte stimmt: Zu groß ist die Gefahr, dass seine Mitarbeiter bedroht werden, sollte ihre wahre Identität bekannt werden.

Für Stalder stehen an diesem Morgen im US-geführten Marshall-Center Fallanalysen und eine Planübung auf dem Stundenplan. Gemeinsam mit Sicherheitsexperten aus 25 Ländern büffeln die Teilnehmer des Programms für Terrorismus- und Sicherheitsstudien, wie Ermittler in anderen Ländern Terror bekämpfen, tauschen sich über Bedrohungen aus, analysieren Entwicklungen in Terrorgruppen. Kursleiter Professor James Howcraft ist überzeugt: „Es braucht Netzwerke des Vertrauens, um Terrornetzwerke zerschlagen zu können.“

Wie Stalders Netzwerk. Seit 2010 ist er Baden-Württembergs erster Terroristenjäger. Darin auch bei der US-Bundespolizei FBI ausgebildet. Jetzt am Marshall-Center. Zahlreiche Auslandsaufenthalte. „Ohne auf internationale Kontakte zurückgreifen zu können, auf Menschen, die ich persönlich kenne, wäre unsere Arbeit deutlich erschwert“, sagt Stalder. Vor drei Jahren heftete ihm der spanische Innenminister Jorge Fernandez das „Cruz al Merito Policial“ an die Brust, weil der Kriminaldirektor und sein Team ein hochrangiges Mitglied der baskischen Terrororganisation ETA in Baden-Württemberg ermittelten und festnahmen.

90 Polizisten, Dolmetscher, Islamwissenschaftler und IT-Spezialisten führt der 48-Jährige an. Mit Anti-Terror-Paketen stockte die Landesregierung seit 2015 auch die Planstellen für Terrorfahnder im LKA deutlich auf. „Vor allem junge Ermittlerinnen und Ermittler“, sagt Stalder. Genau das sei ein Vorteil: Leute voller Energie. Aber auch die Herausforderung: „Der Kampf gegen den Terrorismus ist durch die Anschläge im September 2001 aus einem Schattendasein getreten. Das Phänomen gehört zu den größten Bedrohungen unserer Gesellschaft, die intensive Strafverfahren nach sich ziehen.“ Ermittlungen in solchen Verfahren müssten daher besonders penibel für Richter, Staatsanwälte und Verteidiger aufbereitet werden.

Offenbar mit Erfolg: In mehreren Terror-Verfahren gaben Richter den Ermittlern mit auf den Weg: „Können Sie Ihren Kollegen anderer Sicherheitsbehörden nicht einmal beibringen, wie Akten aufzubereiten sind?“

Die roten Aufwärts- und grünen Abwärtspfeile zeigen Michelle Schmidt, wie aktiv nachts ein Tatverdächtiger war. Rot zeigt die Telefonate, die der Terrorverdächtige in den vergangenen acht Stunden geführt hat, grün die, die er bekommen hat. Bis weit nach ein Uhr hat er telefoniert. „Die Telefonate, die wir mitgeschnitten haben, sind in der nächsten Spalte gespeichert“, erklärt Polizeioberkommissarin Schmidt.

Hat ein Richter die Telefonüberwachung eines Verdächtigen angeordnet, zapft eine andere Abteilung des LKA deren Telefone an, möglicherweise auch deren Rechner. Analysten wie die 25 Jahre alte Ermittlerin können dann Gespräche mithören oder Mails lesen. Sprechen die Abgehörten in fremden Sprachen, ziehen die Polizisten Dolmetscher hinzu: Ein Dreieck zeigt, dass diese Gespräche übersetzt werden müssen.

„Terrorismus ist zu einem Faktor geworden, der auch unser Leben in Deutschland prägt. Deshalb habe ich mich für diese Aufgabe entschieden“, sagt Schmidt. 2016 hörte ein Kollege von ihr Telefonate in Mannheim ab – und wurde Zeuge, wie zwei Teenager einen Anschlag in Aschaffenburg planten. Das Duo wurde festgenommen und zu mehrjährigen Jugendhaftstrafen verurteilt.

Hunderttausende Fotos, Hunderte Videos und lange Dialoge mit Kurznachrichten – das ist oft nur die Ausbeute eines einzigen Handys, das Kristina Abel auszuwerten hat. „Bei einer Durchsuchung beschlagnahmen wir aber mitunter drei, vier Geräte“, erzählt die Polizeikommissarin. Mit oft bestialischem Inhalt: Enthauptungs- und Foltervideos muss die 26-Jährige ebenso bewerten wie mehrmonatige Chats über Whatsapp: Wo hat wer wann was genau getan? Hat jemand dabei nur zugeschaut?

Am Anfang, sagt die Ermittlerin, habe sie richtig Herzklopfen gehabt, wenn sie solche Videos angeschaut habe. „Irgendwann wird das normal.“ Ein Computerprogramm hilft, die Handyinhalte für Richter und Staatsanwälte aufzuarbeiten. Respekt hat die Polizistin davor, irgendetwas nicht zu finden, was relevant für ein Strafverfahren ist oder auf einen geplanten Anschlag hindeutet. „Dann“, sagt Abel leise, „wird es eng“.

Der Weg zu den Terrorjägern führt durch eine Glastür. „Ab hier müssen Sie lächeln!“, fordert ein Schild die Besucher auf. Niemand scheint das so verinnerlicht zu haben wie Necirvan al-Dschaf. Der 45 Jahre alte Deutsche mit kurdischen Wurzeln scheint nur zu lächeln: 1995 aus dem Nordirak nach Deutschland geflüchtet. Asylbewerber. Dolmetscher in einer Spedition. Seit 2003 für das LKA. Erst freiberuflich, seit zwei Jahren fest angestellt. „Ich bin als Flüchtling gekommen und habe ein Zuhause gefunden.“

Telefonate, Vernehmungen, abgefangene E-Mails – al-Dschaf übersetzt Gespräche und Texte aus dem Kurdischen und Arabischen, samt dazugehöriger Dialekte, gerichtsverwertbar ins Deutsche. „Früher konnte ich nach solchen Einsätzen kaum einschlafen“, sagt er. Heute ist es selbstverständlich für den Dolmetscher, die Polizisten zu Razzien zu begleiten. Schusssichere Weste inklusive. Wie er es erlebt, wenn er mit Rassismus in Deutschland konfrontiert wird? Al-Dschaf lächelt, zuckt mit den Schultern: „Ich wäre sehr enttäuscht, wenn mein Deutschland perfekt wäre.“

An die erste Festplatte, die er 2007 im LKA auswertete, erinnert sich Peter Schäffer noch genau. „Die kam aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet und war bei einem Baden-Württemberger beschlagnahmt worden“, erzählt der 52 Jahre alte Islamwissenschaftler. Seitdem sind ungezählte Datenträger hinzugekommen. Ihre Inhalte markieren die dschihadistischen Kriegsgebiete dieser Welt: Propagandavideos, Ruckelfilmchen von Kämpfen und Fotos aus dem Kaukasus, aus dem westlichen und nördlichen Afrika. Vom Balkan. Und natürlich aus Syrien und dem Irak.

Gemeinsam mit Frank Hauser wertet Schäffer das aus, was Ermittler bei Durchsuchungen finden und beschlagnahmen. Auffällig, so die beiden Religionsexperten, seien die Veränderungen, die sie bei Terrorverdächtigen in den vergangenen Jahren feststellten: „Die Kenntnis über und die Identifikation mit dem Islam nimmt ab“, sagt Hauser. „Der Dschihad wird ohne Probleme neben dem Alkoholkonsum gelebt.“ Das sei auch darauf zurückzuführen, dass sich „viele Leute berufen fühlen, etwas über den Islam zu verbreiten“.

Einen radikalen zumal. Haben Stalder, Schmidt, Abel, al-Dschaf und Schäffer dessen Anhänger aufgespürt, kehrt das Führungsteam zurück in den weißen Raum der morgendlichen Lagebesprechungen. Die Falt- wird zur Trennwand. Für Tische in Hufeisenform, 13 Computer und Bildschirme. Riesiger Screen an der Stirnwand: Aus dem Besprechungsraum wird das Lagezentrum der Inspektion, aus dem heraus kritische Einsätze koordiniert werden.

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Erstellt:
6. April 2019, 03:14 Uhr

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