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Unbestechlich

US-Sonderermittler Robert Mueller hat Donald Trump im Visier – Ex-Chef des FBI soll Russlandaffäre aufklären

Stuttgart/Washington Robert S. Mueller spricht langsam und macht Pausen, um den Worten seiner kurzen Ansprache Nachdruck zu verleihen. „Ihr könnt schlau, aggressiv, wortgewandt und auch überzeugend sein“, sagt er vor den versammelten Schülern einer Abschlussklasse eines Elite-Internats im Seglerstädtchen Marion in Massachusetts. „Wenn ihr aber nicht ehrlich seid, dann wird euer Ruf leiden. Und wenn der erst einmal ruiniert ist, kann er nie wiederhergestellt werden.“ Die vier Werte, die er als Marineinfanterist und beim FBI gelernt habe, seien, der Öffentlichkeit zu dienen, Unbestechlichkeit, Demut und Geduld.

Robert Mueller hält diese Rede Ende Mai 2017, zwei Wochen nachdem er vom US-Justizministerium den Auftrag erhielt, „jede Verbindung und/oder Koordination“ zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem Wahlkampfteam und der russischen Regierung zu untersuchen. Dahinter steht der Verdacht, Trump und sein Umfeld hätten mit Moskau kooperiert, um 2016 die Demokratin Hillary Clinton als Präsidentin zu verhindern. Der athletische 74-Jährige erwähnt Trump oder seine neue Aufgabe mit keiner Silbe. Er hält nur Wort. Er hatte der Schule die Rede versprochen. Seine Enkelin gehört zu den Absolventen. Die Rede war sein letzter öffentlicher Auftritt. Seine einzigen offiziellen Sätze stammen vom Tag derErnennung als Sonderermittler: „Ich nehme die Verantwortung an und werde sie nach bestem Können und Vermögen erfüllen.“ Seither gibt es vom obersten Trump-Ermittler nichts mehr: keine Pressekonferenzen, keine Interviews, keine undichten Stellen.

„Robert Mueller ist ein extrem integrer Mann“, meint ein westlicher Diplomat, der ihn kennengelernt hat. Als einer der letzten überparteilichen Köpfe in Washington genieße er großen Respekt in allen politischen Lagern. Kein Zufall also, dass die Justiz ihn ausgesucht hat, um gegen den eigenen Präsidenten zu ermitteln. Er sei „sehr klug beraten“, das Licht der Öffentlichkeit zu meiden, so der USA-Kenner. „Sonst wäre ihm die Sache politisch längst um die Ohren geflogen.“

Es ist schon ironisch: In der geschwätzigen US-Hauptstadt, in der sich Politiker vor Eitelkeit überschlagen, fasziniert derzeit kaum jemand mehr als der große Schweiger Mueller, von dem auch nur wenige aktuelle Fotos zirkulieren. Ohne dass er sich die Rolle je ausgesucht hätte, ist er schon jetzt eine Schlüsselfigur der Trump-Ära. Ironisch ist dabei auch, dass Mueller mit Haut und Haar das Paradebeispiel eines Anti-Trumps ist: auf der einen Seite der zurückhaltende und selbstgestrenge Ostküsten-Mann, der sein Leben der Verteidigung von Institutionen und Normen gewidmet hat, und auf der anderen der selbstverliebte US-Präsident, der sich um Institutionen und Regeln kaum schert, der ständig gegen sie verstößt.

Beim Magazin „Time“ landet Mueller bei der Wahl der„Person des Jahres 2018“auf Platz drei – nach todesmutigen Journalisten und Trump. „Muellers Schweigen hat Parteigänger zu lautstarker Spekulation verleitet“, so das Magazin. „Für Kritiker auf der Rechten ist er ein übereifriger Ankläger, der machttrunken und weit über seinen Auftrag hinaus Trump aus dem Amt jagen will. Für Linke ist er ein kämpferischer Held, der nicht eher ruht, bis er den Präsidenten vor Gericht bringt.“

Dieses Schwarz-Weiß-Denken schafft eher einen Mythos, als dass es auf Fakten basiert. Trotzdem: „Mueller verkörpert das Beste an der US-Justiz“, sagt der Regensburger Politologe Stephan Bierling mit Blick auf dessen 20 Monate dauerndes Bestreben, Unrecht aufzudecken und dabei auch nicht vor dem mächtigsten Mann im Staat, dessen Familie und Freunden zurückzuschrecken. „Das ist Teil der Selbstkorrektur des amerikanischen Systems“, betont Bierling. Laut US-Senat wurde Mueller auch von russischen Desinformationskampagnen über soziale Medien attackiert, um seine Glaubwürdigkeit zu untergraben. So sei verbreitet worden, er sei korrupt und habe mit „radikalen islamischen Gruppen“ gemeinsame Sache gemacht.

Dabei steht Muellers Biografie für die aussterbenden Werte der weißen angelsächsisch-protestantischen Ostküsten-Elite: Nachkomme eines deutschen Einwanderers aus Pommern, der Mitte des 19. Jahrhunderts in New York ankam und dort den deutschen Umlaut „ü“ ins englische „ue“ umtauscht, wird Robert Swan Mueller III 1944 geboren. Aus welchem Holz er geschnitzt ist, zeigt seine Entscheidung nach dem Tod eines engen Studienfreundes in Vietnam: Dem frisch verheirateten 22-jährigen Privatuni-Zögling stehen alle beruflichen Möglichkeiten offen. Doch in dem eskalierenden Krieg meldet er sich lieber freiwillig und wird Fallschirmjäger. Verwundet und mit Tapferkeitsorden kehrt er zurück, studiert Jura und wird Staatsanwalt.

Nach Jahren als Leiter der Strafrechtsabteilung im Justizministerium macht Präsident George W. Bush den Republikaner Mueller zum FBI-Chef. Eine Woche nach dem Amtsantritt ereignen sich die Terroranschläge des 11. September 2001. Die USA, die ganze Welt aber auch das FBI verändern sich grundlegend. In den kommenden zwölf Jahren, zunächst unter Bush, später unter Präsident Barack Obama, verwandelt er die Bundespolizei in eine Geheimdienst- und Terrorabwehrbehörde.

Viele Spezialisten aus seiner FBI-Zeit arbeiten nun auch für ihn in seiner Funktion als Sonderermittler: Experten für Steuerhinterziehung und Geldwäsche, aber auch erfahrene politische Experten wie der Jurist James Quarles, der schon an den Watergate-Ermittlungen gegen Präsident Richard Nixon Mitte der 70er Jahre mitwirkte. Mit seinem Team ackert Mueller von früh bis spät in einem unauffälligen Bürogebäude ein paar Blocks südlich von der Museumsmeile in der US-Hauptstadt.

Das alles macht Trumps Umfeld zunehmend nervös. So halten sich der Präsident und seine Anwälte zunächst damit zurück, neben der Untersuchung(„Hexenjagd“)auch den Sonderermittler selbst persönlich zu verunglimpfen. Doch seit Mueller einige Ex-Berater herumgedreht und in die Enge getrieben hat, ist Schluss mit dem Entgegenkommen. Einige Beobachter vermuten sogar, dass Trump denHaushaltsstreit und die damit verbundene Teilschließungder US-Verwaltung absichtlich zuspitze, um von der Russlandaffäre abzulenken. Erst am Wochenende reagierte der Präsident in einem Interview mit seinem inoffiziellen Sprachrohr Fox News zutiefst beleidigt auf die rhetorische Frage, ob er je für Russland gearbeitet habe. Und Trump attackiert Mueller jetzt auch namentlich. Sein Anwalt Rudy Giuliani versucht die Arbeit des Ermittlers in der Öffentlichkeit unglaubwürdig zu machen. Das Kalkül: Selbst wenn Mueller Beweise dafür präsentiert, dass der Präsident Gesetze gebrochen hat, würden republikanische Senatoren nicht für eine Amtsenthebung Trumps stimmen, solange die Wähler die Sache für eine Erfindung eines parteiischen Regierungsapparats halten.

Diebisherige Bilanz der Mueller-Untersuchungennimmt sich schon recht beachtlich aus: sieben Verurteilungen und Schuldeingeständnisse. Zudem wurden 26 Russen und drei russische Unternehmen angeklagt. Doch die ganz große Frage wartet weiter auf eine Antwort: Liefert Mueller Beweise dafür, dass Trump mit einer ausländischen Macht geheime Absprachen getroffen hat, um 2016 ins Präsidentenamt gewählt zu werden, oder dass er bei der Aufklärung der Affäre die Justiz behindert hat?

Sein Leben lang will Mueller an seinen Taten und nicht an Worten gemessen werden. In einer Zeit, in der Politiker und Bürokraten sich permanent zu TV-Kameras, Twitter, Instagram und Co. hingezogen fühlen, scheint dies hoffnungslos aus der Zeit gefallen. Doch für Mueller ist diese Art der Bescheidenheit ganz normal. Den Schülern in Marion erzählt er, wie er sich in dunklen Stunden an der Spitze des FBI einem engen Freund aus Uni-Tagen anvertraut hat. „Nimm dich selbst nicht zu ernst“, habe dieser ihm geraten. „Weil es hier auch sonst niemand tut.“

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Erstellt:
15. Januar 2019, 03:14 Uhr

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