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Untätigkeit lässt den Geduldsfaden reißen

Bürger nutzen Fragestunde im Gemeinderat, um Dampf abzulassen – Siebersbach ist ständig von Überschwemmungen bedroht

Der Siebersbach im gleichnamigen Sulzbacher Teilort ist für die Bewohner eine ständige Gefahr, dass er bei Hochwasser für Überschwemmungen sorgt. Vor allem, weil der Durchlass der sogenannten unteren Brücke zu gering dimensioniert ist. Seit Jahren fordern die Bürger Nachbesserungen an dieser Schwachstelle. Nun ließen Anwohner in der jüngsten Gemeinderatssitzung Dampf ab.

Der Siebersbach kann sich innerhalb kürzester Zeit in ein reißendes Gewässer verwandeln. Foto: privat

Der Siebersbach kann sich innerhalb kürzester Zeit in ein reißendes Gewässer verwandeln. Foto: privat

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. In der Sonne glitzert und plätschert das Bächlein munter durch das schmucke Dorf im Lautertal, springt über große Kieselsteine, vorbei an gelben Wasserlilien, unter der schmalen, blumengeschmückten Brücke hindurch. Nichts lässt ahnen, in welch reißenden Strom sich das Gewässer verwandeln kann, wenn es im Hinterland von Krebsbach und Birkenbach regnet, von wo es gespeist wird, und welche Bedrohung für die umliegenden Häuser es dann darstellt.

Beim letzten Starkregen platzte Britta Kienzle der Kragen: „Ständig wird in Sulzbach von erfolgreichen Hochwasserschutzmaßnahmen gesprochen – und bei uns hier in Siebersbach passiert gar nichts!“ Dabei habe sie seit 15 Jahren bereits bei jeder Gemeinderatswahlrunde auf das Problem aufmerksam gemacht: „Alle fünf Jahre. Nichts ist passiert.“ Vor allem ärgere sie, „dass das so abgetan wird. Als ob man davon nichts weiß.“

Wie Ortsanwalt Hermann Scheub erzählt, wurde im Zuge der Ortssanierung vor 20 Jahren auch die untere Brücke über den Bach begutachtet und für zu schwach befunden, „da hätte weder der Heizöllaster noch die Müllabfuhr drüber dürfen, ins Neubaugebiet.“ Das Brücklein wurde daher verstärkt – explizit nur provisorisch, mit einer zusätzlichen, bis 30 Tonnen belastbaren Decke. Aber bekanntlich hält ja nichts so lange wie ein Provisorium und so befindet sich die alte Brücke mit dem engen Durchlass, die einfach überbaut worden war, immer noch mitten im Ort. Mehr noch: Seit im Zuge der (geldaufwendigen) Renaturierung Sandsteinmauern den Wasserlauf begrenzen, kann das Bachbett aus Stabilitätsgründen nicht mehr ausgebaggert werden wie früher üblich. Die Folge: Durch angespültes Geröll ist der Wasserdurchlass inzwischen auf 70 Zentimeter lichte Höhe geschrumpft. „Früher konnte man da locker gebückt drunter durch gehen“, erzählt Siegfried Kienzle, der nebenan im renovierten, alten Bauernhaus seiner Vorfahren wohnt. Das schafft jetzt höchstens noch ein Kind.

Führt der Bach viel Wasser wegen Starkregen oder Gewitter, gibt es an diesem Engpass einen Rückstau: Der Weg des geringsten Widerstands führt das schlammige Wasser dann auf die Straße und unter anderem in Kienzles antiken Sandsteinkeller. 2013 strömte es gar den ganzen Erlenweg hinunter bis in die Scheune der Familie Feucht und füllte unterwegs sämtlichen Anliegern die Keller. Dieses ganze Gebiet ist auch laut Hochwasserrisikokarte des Online-Portals der Landesanstalt für Umwelt als gefährdet eingestuft.

„Keine Ahnung, wer da geschlafen hat“

„Schon als ich Kind war, sind da regelmäßig die Brotlaibe im Bach geschwommen und die Mostfässer an der Kellerdecke getrieben“, erzählt Hermann Scheub. Der 65-jährige gebürtige Siebersbacher selbst wohnt weiter bachaufwärts: „An unserer oberen Brücke hatten wir nie das Problem“. Die wurde seinerzeit auch in einer Gemeinschaftsaktion erneuert; um die untere wollte sich dagegen die Gemeinde kümmern. „Keine Ahnung, wer da geschlafen hat“, moniert Scheub, schließlich seien ja im Zuge der Hochwasserschutzmaßnahmen alle Sulzbacher Wasserläufe begutachtet worden. Freilich: Der Siebersbach mündet über die Lauter erst unterhalb von Sulzbach in die Murr, „der stört die Sulzbacher wohl nicht.“

Vor Jahren hatte man eine große Portion Sandsäcke gefüllt und für Notfälle im alten Waaghäusle deponiert. Dieses Jahr waren diese schon zweimal zum schützenden Deich aufgebeugt worden und hatten das Schlimmste verhindert. Wenn es heftig regnet, hat der verantwortungsbewusste Ortsanwalt zu Hause keine Ruhe, schaut ständig nach dem Bach vor dem Fenster: „Wenn das Wasser bei uns an den Rohren steht, dann ist’s da unten kurz vor dem Überlaufen. Ich hör das schon am Rauschen – das geht rasend schnell!“ Letzten Januar war es nachts um halb Elf so weit, „da bin ich los und hab bei allen geläutet.“ Im strömenden Regen wurden dann gemeinsam die Sandsäcke aus ihrem Depot geholt und vor den Kellertüren aufgestapelt. Auch bei den Nachbarn, die gerade nicht zu Hause waren. „Das ist ja selbstverständlich.“

Dann ist es am 21. Mai schon wieder so weit: Noch zwei Zentimeter und das Wasser wäre übergelaufen. Britta Kienzle reißt der Geduldsfaden, sie zückt die Kamera und besucht noch am selben Abend mit dem Ortsanwalt zusammen die Bürgerfragestunde des Gemeinderats. Die Misere wird vorgetragen und untermauert mit hochaktuellen, druckfrischen Fotos des neuesten Elementarereignisses.

In der illustren Runde schaut man in betretene Gesichter, der Schultes verspricht rasche Abhilfe und tatsächlich taucht schon am nächsten Tag ein Trupp des zuständigen Ingenieursbüros IWP auf und beginnt mit der Vermessung des Bachlaufs, sogar am Feiertag. Tatsächlich ist das besagte Problem Bürgermeister Dieter Zahn durchaus bekannt, aber „das ist kein einfacher Fall – Sie müssen sich mal die beengten Verhältnisse anschauen. Wo soll denn da das Widerlager für die Brücke hin?“

In einem Punkt gibt er der kritischen Einschätzung der Einheimischen Recht: „Siebersbach ist natürlich nicht unwichtig, aber an anderen Stellen ist das Schadenspotenzial erheblich höher.“ Bei dem 33 Millionen schweren Gesamtprojekt Hochwasserschutz habe man Prioritäten setzen müssen, „und die arbeiten wir nacheinander ab.“ Nun warte man auf die Auswertung der unlängst erfassten Daten und „dann schauen wir uns die Sache mit IWP zusammen an“.

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Erstellt:
15. Juni 2019, 06:00 Uhr

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