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Von der grauen Mauer zum Kunstwerk

Zwei Backnanger haben sich als professionelle Objektgestalter selbstständig gemacht. Mit der Sprühdose verwandeln sie triste Betonwände oder andere Objekte in fotorealistische Bilder.

Die Graffiti-Künstler arbeiten sich von Ebene zu Ebene vor.

© Alexander Becher

Die Graffiti-Künstler arbeiten sich von Ebene zu Ebene vor.

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Mit der Kapuze ins Gesicht gezogen und der Atemschutzmaske über Mund und Nase sprüht Thomas Idler schwarze Farbe an die Gartenmauer einer Backnanger Wohnsiedlung. Es handelt sich aber nicht um eine Nacht-und-Nebel-Aktion, bei der an einer Hauswand eine Schmiererei zurückbleibt, sondern um die ersten Züge eines Kunstwerks. Und die beiden Männer, die mit den Sprühdosen hantieren, sind auch keine nächtlichen Unruhestifter, sie sind von der Hausbesitzerin beauftragt worden. Denn Thomas Idler (29) und sein Kollege Marius Blum (28) sind professionelle Graffiti-Künstler. Sie werden engagiert, um auf Fassaden, Autos oder anderen Objekten kleine Kunstwerke zu erschaffen.

Die beiden treten nach einigen Minuten Sprayen einen Schritt von der Wand zurück und betrachten die ersten Züge ihres Werks. Wo andere nur wirre Linien aus grüner und schwarzer Farbe sehen, haben Idler und Blum ein ganz anderes Bild im Kopf: eine dunkle unterirdische Höhle, die Wurzeln der Bäume und Sträucher winden sich nach unten, und ein Stück weiter fließt ein unterirdischer Fluss durch das Bild. Bis aber auch andere Betrachter dieses Motiv auf der etwa 30 Meter langen Mauer entdecken werden, wird es noch etwa vier weitere Arbeitstage brauchen, an denen noch viele Dosen gelehrt werden müssen.

Idler und Blum sind zusammen aufgewachsen, bereits als Jugendliche haben sie gemeinsam kreative Projekte umgesetzt. Beide haben lange als Grafikdesigner gearbeitet, in ihrer Freizeit aber Aufträge für Graffiti-Kunstwerke angenommen. Anfang 2020 haben sich die Freunde dann selbstständig gemacht und ihre Agentur Adkru gegründet. Aus dem Nebenjob aus Leidenschaft wurde für sie ein Vollzeitjob. Neben dem künstlerischen Aspekt widmen sie sich außerdem dem Web- und Grafikdesign und geben unterschiedlichste Workshops zum Thema Kunst mit der Spraydose. In den Workshops geben sie ihre Erfahrung an andere weiter. Vom Junggesellenabschied bis zum Workshop in Schulen ist alles dabei. Außerdem veranstalten sie auch Live-Events, bei denen Zuschauer beim entstehen eines Kunstwerks zuschauen können, zum Beispiel beim Besprühen eines Autos als Werbeaktion einer Firma.

Professionelle Graffiti-Kunst statt nächtlicher Schmierereien

Die beiden haben ihre Leidenschaft für die Sprühdose nicht beim nächtlichen Taggen entdeckt, sondern als weiteres Medium ihrer Kunst. „Wir waren nie die Typen, die zocken oder Freitagabend groß feiern gehen. Wir haben stattdessen lieber etwas Kreatives gemacht.“ Für ihre Kunstwerke nutzen sie übrigens nicht nur die Spraydose: die unterschiedlichsten Materialien können zum Einsatz kommen. Auch mit Kreide, Window color, Acrylfarben oder sogar Wachs arbeiten sie. „Bei der Objektgestaltung bietet sich aber die Spraydose einfach an, weil man mit ihr sehr großflächig arbeiten kann“, sagt Blum. „Wichtig ist eigentlich nur, dass man sich sein Kunstwerk visuell genau vorstellen kann. Dann ist das Medium tatsächlich egal.“ Unter dem Namen Adkru nehmen sie Aufträge in allen möglichen Stilrichtungen an – von Fotorealismus bis Comicstil. Ein wenig vom eigenen Kunststil und der eigenen Erfahrung fließt aber immer mit ein. Es gibt immer Vorgespräche mit den Auftraggebern und dann weitere Treffen, um die Umsetzung der Ideen zu diskutieren. „Manchmal wollen die Leute zum Beispiel ein Bild aus dem Urlaub als Kunstwerk an der Wand haben, da halten wir uns dann genau dran. Aber wir beraten auch, was zum Beispiel die Farbwahl angeht, oder machen Alternativvorschläge, die Kunden überraschen“, sagt Idler.

Und ihre Kunst kommt gut an. Bereits vor der Gründung der eigenen Agentur haben sie mehrere Jahre unter dem Namen Art Development Graffiti-Kunstwerke als Nebenjob erstellt. Vom Privatkunden, der seine Wohnzimmer- oder Garagenwand mit einem realistischen Porträt bemalt haben möchte, bis zur großen Firma, die einen Aufenthaltsraum gestalten oder mit einer etwas anderen Art der Werbung auf sich aufmerksam machen möchte. „Wir werden auch viel von Städten und Gemeinden beauftragt, um unschöne Flecken zu überdecken oder um Schmierereien vorzubeugen.“ So haben sie zum Beispiel die Stromkästen der Stadt Nürtingen gestaltet und die Brücke am Zeller Weg in Backnang in eine Waldlandschaft verwandelt. Auch für das aktuelle Projekt im Größeweg wurde ein realistisches Naturmotiv gewählt. Auch die lange Gartenmauer wurde in der Vergangenheit von Unbekannten mit unschönen Schriftzügen verunziert. Diese sollen nun verdeckt werden. „Eine schöne Bemalung ist oft vorbeugend. Das wird normalerweise respektiert und keiner malt einfach drüber. Und außerdem lädt es weniger zu Schmierereien ein als eine ganz leere Fläche“, sagt Blum.

Doch obwohl sie seit einigen Jahren professionell Kunst an Gebäude malen, schlagen ihnen noch immer Unverständnis und Vorurteile entgegen. „Viele sind auch einfach noch nicht aufgeklärt. Sie wissen gar nicht, dass eine Spraydose nicht immer eine Schmiererei bedeutet“, sagt Idler. Es kam auch schon häufiger vor, dass die Polizei gerufen wurde oder dass sie bei Kontrollfahrten überprüft wurden. Zwar versuchen sie immer, mit dem Auftraggeber abzusprechen, dass alle weiteren Anwohner über ihre Arbeit Bescheid wissen, doch trotzdem kommt es immer wieder vor, dass sie sich der Polizei gegenübersehen. „Wir zeigen einfach unsere Auftragsbestätigung vor, dann ist das kein Problem.“ Die zwei Künstler wollen den Vorurteilen aber auch aktiv entgegenwirken, und deshalb filmen sie ihre Arbeit, ob für die eigenen Social-Media-Kanäle oder für die ihres Kunden. „Viele Leute wissen ja gar nicht, wie so was entsteht. Für sie ist das total faszinierend“, sagt Idler über die Reaktionen in den sozialen Medien.

Je nach Größe und Motiv planen sie etwa ein bis drei Tage Arbeit vor Ort für einen Auftrag ein. Wie viel es kostet, hängt von der Arbeitszeit, aber noch von weiteren Punkten ab: Größe, Aufwand oder Anzahl der verwendeten Farben sowie Entsorgungskosten der leeren Dosen spielen mit rein. „Die Farben können wir nicht mischen, wie bei Acrylfarben zum Beispiel. Wenn wir eine ganz bestimmte Farbe brauchen – wenn auch nur für einen winzigen Punkt –, muss eine ganze Dose gekauft werden“, sagt Idler. Die Auftragslage ist trotzdem gut: Mit guten Stammkunden beim Webdesign und viel positiver Mundpropaganda für ihre Objektgestaltung kommen die Beiden auf weit mehr als 40 Arbeitsstunden pro Wochen. „Aber das ist okay. Wir würden ja auch im Feierabend ohnehin kreativ arbeiten“, sagt Idler. Außerdem gebe es nicht allzu viel Konkurrenz in ihrem Bereich, sie schätzen die Zahl der professionellen Objektgestalter auf weniger als 100 in ganz Deutschland, in der Region wissen sie nur von einem weiteren Team mit Sitz in Stuttgart. Und auch im Ausland waren sie bereits gefragt. Für Aufträge reisten sie unter anderem nach Liverpool, Kapstadt oder sogar bis nach Australien.

So entsteht das Kunstwerk mit der Sprühdose.

Ist ein Auftrag final abgesegnet, werden zunächst dort grobe Linien an der Wand gezogen, wo sich dunkle Flächen von helleren abgrenzen oder wo sich später ein bestimmtes Motiv – in diesem Fall zum Beispiel eine Wurzel – befinden soll. Blum hat bei dieser Arbeit immer die Spraydose in der einen Hand, die Vorlage in der anderen. Immer wieder wandert sein Blick beim Sprühen zu dem Bild. „Die Herausforderung hier ist es, die Maßstäbe richtig hinzubekommen. Man steht ja direkt vor der Wand und hat immer nur einen kleinen Ausschnitt im Blick. Man muss immer genau wissen, wo im Bild man sich gerade befindet“, erklärt er. Sind die Linien gezogen, werden langsam die großen Flächen gefüllt. Da die Farben zu 100 Prozent decken, arbeiten sich die Künstler in Ebenen voran. So muss der Hintergrund komplett fertig gemalt sein, bevor die Arbeit an Motiven im Vordergrund überhaupt begonnen werden kann. Vor allem die abschließenden Detailarbeiten kosten noch viel Zeit, auch wenn sie dem untrainierten Auge nicht sehr auffallen. Schatten und Highlights seien aber für ein realistisches Bild sehr wichtig, so die Künstler. Und genau darin sind sie Profis. „Nicht jeder kann ein Motiv fotorealistisch umsetzen, aber genau das ist besonders faszinierend an unserer Arbeit“, sagt Blum.

Ganz zum Schluss wird noch zweimal ein Schutzlack auf dem gesamten Kunstwerk aufgetragen. „Dadurch hält sich das Graffiti für etwa zehn Jahre“, sagt Idler. Auf der absoluten Wunschliste der Künstler steht ein richtig großes Mural an einer ganzen Hauswand, wie es in Berlin oder anderen Großstädten häufig zu sehen ist. „Als leidenschaftliche Backnanger würden wir so was natürlich gerne in der Stadt machen. Zum Beispiel würde sich das Parkhaus von Windmüller gut dazu eignen“, meint Idler mit einem Augenzweinkern.

Wurzeln wachsen von oben in die Höhlenlandschaft, ein Fluss fließt im Hintergrund. Das fertige Graffiti nach der Verwandlung von der grauen Mauer zur unterirdischen Höhle. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Wurzeln wachsen von oben in die Höhlenlandschaft, ein Fluss fließt im Hintergrund. Das fertige Graffiti nach der Verwandlung von der grauen Mauer zur unterirdischen Höhle. Fotos: A. Becher

An einer Gartenmauer entsteht ein Graffiti. Das Adkru-Team hat dabei etwa vier Tage zu tun.

© Alexander Becher

An einer Gartenmauer entsteht ein Graffiti. Das Adkru-Team hat dabei etwa vier Tage zu tun.

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Erstellt:
27. Juni 2020, 06:00 Uhr

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