Von lebensgefährlicher Entschlossenheit

Hans und Sophie Scholl gehörten der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an. Sophie Scholls Geburtstag jährt sich am Sonntag zum 100. Mal. Auch Murrhardt ist ein Gedenkort. In der Walterichstadt trafen sich die eng verbundenen Familien Scholl und Nägele.

Sophie Scholl, vertieft in ihre Lektüre. Fotos: privat

Sophie Scholl, vertieft in ihre Lektüre. Fotos: privat

Von Elisabeth Klaper

MURRHARDT. Sophie Scholl, am 9. Mai 1921 im hohenlohischen Forchtenberg geboren, war musisch-künstlerisch begabt und vielseitig interessiert. Als Gymnasiastin engagierte sie sich zunächst in der nationalsozialistischen Jugendorganisation „Bund Deutscher Mädel“, entwickelte sich aber nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Gegnerin des Regimes. Ab 1942 studierte sie an der Universität München Biologie und Philosophie, wurde Widerstandskämpferin und Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, in der ihr Bruder, Medizinstudent Hans Scholl, eine führende Rolle spielte.

Auch „Murrhardt ist ein Gedenkort und eine Stätte der Mahnung: Hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald erblühte ein Trieb der ,Weißen Rose‘ an starker Ranke, gehalten durch ein unerschütterliches Gitterwerk der Freundschaft, aus den Wurzeln der Geschichte in die Gegenwart und Zukunft sprießend“, verdeutlicht Heimatgeschichtsforscher Christian Schweizer. Denn „Murrhardt war ein Knoten im vielfältigen Netzwerk der NS-Gegner, Persönlichkeiten aus dem militärischen wie zivilen Widerstand waren hier aktiv und beheimatet. Die Freundschaft der Kinder der Familien Scholl und Nägele weitete sich kraftvoll in den liberalen und sozialen Geist einer erhofften friedlichen Zukunft“, so seine Einschätzung.

In Hans Scholls Briefen tauchen seine Schwester Sophie genauso wie Rose Nägele auf.

Für Hans Scholl könnten seine Schwester Sophie und Rose Nägele zwei ähnlich charakterstarke Frauen gewesen sein, wie die Briefe Hans Scholls an Rose Nägele es nahelegen. Beide seien einander äußerlich und charakterlich ähnlich gewesen. „Die gemeinsamen Erlebnisse in friedvoller Natur und lebendiger Kultur inspirierten die überzeugende Liebe zur Heimat, die durch den schrillen, klirrenden Schmerz des Nationalsozialismus zerstört zu werden drohte“, formuliert es der Leiter des Carl-Schweizer-Museums.

Für den Namen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ könnten die Liebe und die „geschwisterliche“ Seelenverwandtschaft von Hans Scholl zu Rose Nägele Pate gestanden haben. Inge Scholl schrieb nach der Hinrichtung ihrer Geschwister am 22. Februar 1943 an die Familie Nägele: „Sophie und Hans sind strahlend in den Tod gegangen, so verklärt, dass in Sophies Augen keine Träne mehr Raum fand. (...) Mögen sie in einer seligen Heimat weiterwachsen, in der es kein Verlieren, keinen Abschied gibt!“ Diese Heimat zu schaffen sei unser heutiger und zukünftiger Auftrag, betont Christian Schweizer.

Die Familie von Otto Nägele, Arzt und Bruder des Kunstmalers Reinhold Nägele, die nach dessen Emigration 1939 das „Wochenendhäusle“ am Murrhardter Linderst übernahm, und die Familie Scholl waren bereits vor Beginn der NS-Diktatur befreundet. Zwischen den Kindern gab es mehrere Verbindungen: Hanspeter Nägele freundete sich etwa 1934 mit Hans Scholl an. Beide gehörten zur „Rominshorte“, einer Gruppe innerhalb der am 1. November 1929 gegründeten deutschen Jungenschaft, einem Teil der Bündischen Jugend, schreibt Hans-Joachim Seidel in seinem 2017 erschienenen Buch „Hans Scholl und die Bündische Jugend. Die Freundschaft der Familien Scholl und Nägele“. Diese aus der Wandervogelbewegung hervorgegangenen bürgerlichen, politisch und konfessionell unabhängigen Jugendbünde unternahmen Wanderfahrten ins Grüne, veranstalteten Lager und Heimabende und suchten eine Rückbesinnung auf Heimat und Natur. Im Juni 1933 vom NS-Regime aufgelöst, übernahmen deren Aktivitäten die NS-Jugendorganisationen „Hitlerjugend“ (HJ) und „Bund Deutscher Mädel“ (BDM). Die Freundschaft der Familien Scholl und Nägele dokumentiert ein umfangreicher Briefwechsel, erhalten als Nachlass von Inge Aicher-Scholl im Institut für Zeitgeschichte in München.

„Murrhardt war ein privater, aber auch politischer Rückzugsort, ab 1937 besuchten die Geschwister Scholl die Nägeles in Stuttgart und ab 1939 in Murrhardt“, feierten gemeinsam und unternahmen Ausflüge und Wanderungen, erzählt Schweizer. Seidel berichtet: Am 18. Mai 1939 wanderten die Geschwister Scholl mit den Kindern der Familie Nägele über die Schwäbische Alb. Dabei schlug Hanspeter Nägele Sophie Scholl vor, seine Übersetzung des Peter Pan aus dem Englischen mit Zeichnungen zu illustrieren. Als sie im Herbst fürs Abitur in Ulm zu Hause war, gestaltete sie diese Illustrationen. Hanspeters Sprachkunst und Sophies Bleistiftzeichnungen beeindrucken im erst 1989 zweisprachig veröffentlichten Buch. Sophie Scholls Widmung lautet: „Für Hanspeter, die Illustration zu Peter Pan mache ich nur mit möglichst einfachen Strichen. (...) Sie ist (...) von einem schlafenden Kind abgezeichnet.“ Rose Nägele besuchte Familie Scholl und schrieb: „Bei Scholls war es sehr nett und ich habe mich mit Hans sehr gut über Frankreich und die Franzosen unterhalten, er hat mir dann auch einige Ratschläge für den Kauf von französischen Büchern gegeben.“ Weiter berichtet sie von einem „Streifzug durch die Wälder bei Ulm“, Liedersingen, Besteigen des Münsterturms. Seit November 1941 studierte Hanspeter in Straßburg und war lange in medizinischem Einsatz in Russland, wie Hans Scholl und Alexander Schmorell (ebenfalls Mitglied der „Weißen Rose“). Am 21. November 1942 trafen sie sich im Häusle in Murrhardt.

Darüber schreibt Hanspeter in seinen Erinnerungen: „Hans bot mir an, bei seiner Aktion der Auflehnung mitzuarbeiten, der er dann später den Namen der weißen Rose gab, wohl unserer Schwester Rose zuliebe, die ihm damals sehr nahestand.“ Zwar brachte Hanspeter „volles Verständnis für seine Auflehnung“ zum Ausdruck, fragte aber nach, wie viele Divisionen er habe. „Denn wenn er nicht zugleich eine Blitzaktion gegen die Spitze der Pyramide durchführe, sei sein Unternehmen reiner Selbstmord. – ,Also willst du nicht mitmachen?‘, fragte Hans. ,Nein, nicht in der Form, die du planst (...)‘ – Ich hatte also instinktiv vorausgesehen, dass er nur in Verbindung mit der Armee etwas unternehmen konnte mit Aussicht auf Erfolg. Ich habe noch regelmäßig (fast) alle Briefe der weißen Rose (...) erhalten und meinen Geschwistern mitgeteilt. Aber: Es war entschieden ein zu heißes Eisen. Und hat schließlich zu dem befürchteten grausigen Ende geführt“, zitiert Seidel Hanspeter Nägele. Christian Schweizer ergänzt: „Alle drei waren angehende Militärmediziner, als Sanitätsfeldwebel im Militärdienst abwechselnd an der Front und im Studium. Hanspeter Nägele sollte Kopf der Weiße-Rose-Bewegung in Straßburg werden, aber er ließ sich dazu nicht motivieren, weil er dies für lebensgefährlich hielt.“

Über die Beziehung zwischen Hans Scholl und Rose Nägele schreibt Robert M. Zoske in seiner Biografie „Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose“ von 2018: „Im März 1941 (...) ging er mit der neunzehnjährigen Rose Nägele auf Skitour im österreichischen Montafon. (...) Im Schnee Vorarlbergs begann nun eine neue Liebe. Die brennenden Gefühle dauerten allerdings bei Hans kaum mehr als einen Monat. (...) Korrespondiert haben beide aber weiterhin – noch bis zwei Tage vor Hans Scholls Verhaftung am 18. Februar 1943. Nun hatte er jemanden gefunden, dem er seine Gedanken über Gott und die Welt mitteilte. Allerdings blieb der Briefwechsel in dieser Hinsicht einseitig, denn Rose Nägele war mehr an ihrem praktischen, erdverbundenen Studium der Landwirtschaft als an Gedankengebäuden interessiert. Doch das hinderte Hans nicht, ihr seine Reflexionen darzulegen. Ihr gegenüber konnte er auch die ,dunklen Seiten‘, die ,Schatten‘ seiner Seele, die Tendenz zu Trübsinn, Weh- und Schwermut ansprechen. Die Beziehung blieb weitgehend auf einer seelisch-geistigen Ebene.“

Schweizer macht Verbindungen von Widerstandskämpfern in Süddeutschland aus.

„Es existierte in Süddeutschland ein weit verzweigtes Netzwerk des Widerstands gegen das NS-Regime“, berichtet Schweizer von seinen Recherchen. In Spruchkammerakten über Freunde von Widerstandskämpfer Rudolf Hartmann fand er Hinweise, dass die Mitglieder der „Weißen Rose“ wohl auch die Verbindung zum militärischen Widerstand fanden. Eugen Grimminger aus Crailsheim, Buchprüfer für die landwirtschaftliche Genossenschaft in Württemberg, besorgte Papier und Druckmaschinen für die Flugblätter. Diesen bedeutenden Aspekt der hiesigen Geschichte gelte es stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken und Schülern die greifbaren lokalen Bezüge zum Widerstand gegen die NS-Diktatur besser zu vermitteln, unterstreicht Christian Schweizer.

Wegen der aktuell schwierigen Situation der Coronapandemie kann der geplante Vortrag mit Spaziergang zum Gedenken an Sophie Scholls 100. Geburtstag nicht stattfinden, doch er werde nachgeholt, sobald dies möglich ist, versichert Christian Schweizer.

H. Übelmesser-Larsen

H. Übelmesser-Larsen

100 Grußworte von 100 Menschen zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl: Helga Übelmesser-Larsen

Im Rahmen eines Beitrags zur Aktion „100 Grußworte von 100 Menschen zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl“ in deren Geburtsstadt Forchtenberg erzählt die historisch interessierte Murrhardterin Helga Übelmesser-Larsen: „Zu meiner Schulzeit wurde das Thema ,Drittes Reich‘ vollständig ausgeklammert. Was kein Wunder war, da die Lehrer doch in diesem System aufgewachsen waren. Mein Interesse an der NS-Vergangenheit wurde bei mir als 15-Jährige mit dem Buch ,Exodus‘ geweckt. In romanhafter Form wurde darin das historische Geschehen rund um die Überfahrt von verzweifelten Holocaustüberlebenden und jüdischen Flüchtlingen ins britische Mandatsgebiet Palästina beschrieben. Und andererseits war 1967 der Sechs-Tage-Krieg in Israel nach dem ägyptischen Aufmarsch von 1000 Panzern und fast 100000 Soldaten an den Grenzen Israels. Später erfuhr ich dann auch Geschichten über Widerstandskämpferinnen und -kämpfer in meiner Heimat. Durch das Engagement von Renate S. Deck mit ihren Aktivitäten der ,Weißen Rose‘, dem Besuch in Forchtenberg und Veranstaltungen in der Georg-Elser-Gedenkstätte in Königsbronn unter anderem zu ,Frauen im Widerstand‘ erfuhr ich, dass Sophie Scholl sich mehrfach in meiner Geburtsstadt aufgehalten hat. Murrhardt war ein Kommunikationspunkt unterschiedlicher NS-Widerstandskreise und Personen. (...) Es ist wichtig, sich weiterhin bewusst mit der Nazischreckenszeit und dem Holocaust auseinanderzusetzen. Der Mut von Sophie Scholl und ihrer Mitkämpfer im Widerstand hat mich sehr beeindruckt. Und auch heute ist es wieder umso entscheidender, sich gegen Rassismus, Antisemitismus, Extremismus, Diskriminierung und Menschenverachtung zu stellen.“

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Erstellt:
8. Mai 2021, 06:00 Uhr

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