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Von Mahlgraden und fallendem Korn

Beim Mühlentag können Besucher das Innenleben auch noch produzierender Häuser erkunden – Müllerberuf ist Thema

An den Mahl-, Säge- und Ölmühlen im Schwäbischen Wald war wieder viel Programm geboten. Besucherscharen machten sich zur Sichtung heimischer Technik-Denkmäler auf, schauten sich in Mühlenläden um, ließen die Wanderung bei Salzkuchen und Hefezopf ausklingen und lernten viel über die Heimat kennen.

Auch die Mahlmühle in Unterweissach gewährt spannende Einblicke in ihr historisches Innenleben wie auch in den Beruf des Müllers. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Auch die Mahlmühle in Unterweissach gewährt spannende Einblicke in ihr historisches Innenleben wie auch in den Beruf des Müllers. Foto: A. Becher

Von Heidrun Gehrke

ALFDORF/WEISSACH IM TAL. Die Wasserturbine der Voggenbergmühle pflügt nach Auskunft von Voggenbergmüller Gerhard Meyer bis heute durch den Mühlkanal der Rot. Er erklärt Besuchern, dass er sie seit der Umstellung vor rund 20 Jahren zur Stromerzeugung für den Betrieb einer vollautomatischen Getreidemühle nutzt.

Auf schmalen Holztreppen folgt man ihm im Gänsemarsch hinauf zu den Walzenstühlen, dem „Herzstück“ der Mühle, wo das Korn aufgebrochen und mit unterschiedlich feinen Mahlgraden zerrieben wird. Während es die Besucher gemächlich mit den ächzenden Holzstufen aufnehmen, hat es das Getreide leichter beim Aufwärtsgang: Hydraulik bläst es zum höchsten Punkt, wo das Korn gereinigt, gewogen, gesiebt und von der äußeren Schale befreit wird, erklärt der Müllermeister, der die Mühle in dritter Generation betreibt. Der Schwerkraft folgend fällt das Korn abwärts in die Etage mit den Stahlwalzen, die den ersten Mahlvorgang übernehmen, nachdem es mit Wasser genetzt wurde. Auf die grobe Schrotung und Mahlung folgt die feinere. Insgesamt fünfmal wird geschrotet, elfmal gemahlen, bis der Voggenbergmüller alle gewünschten Körnungen für seine Kunden hat. In ausgelegten Schalen entdecken Besucher die Unterschiede zwischen Kleie, Grieß, Mehl und Dunst: Die „Zwischenstufe“ zwischen Grieß und Mehl sei laut Meyer „für Spätzle gut geeignet, sie werden kerniger“.

Einige Holzstufen weiter hinauf mischen sich in das Geräusch von knarzendem Holz fröhliche Stimmen, beschwingte Blasmusik und quirliges Kinderlachen von draußen.

Der unsicheren Wetterlage zum Trotz nutzen viele den Mühlentag als Wandertag und „Feiertag des Schwäbischen Waldes und der Mühlen“, wie Welzheims Bürgermeister Thomas Bernlöhr bei der Eröffnung sagt. An den Tischen werden Wanderkarten ausgebreitet. Die Aussicht auf einen kühlen Schluck, einen herzhaften Biss in Hausgebackenes aus dem guten, frisch gemahlenen Mehl und auf Führungen zur Mühlentechnik locken die Mühlenpilgernden.

Faszinierend, vor Augen geführt zu bekommen, wie viele Arbeitsschritte, Geräte und Menschen beteiligt sind auf dem Weg vom Korn zum Mehl für unser Brot, wie oft gemahlen wird, bis wir Grieß für unsere Suppeneinlage haben und Getreideflocken in die Müslischüssel streuen können.

In einer Tüte Mehl steckt eine Menge Arbeit

Kaum vorstellbar, wie mancherorts ein Kilogramm Mehl für wenige Cent verkauft werden kann angesichts der Kette an Tätigkeiten, die es braucht, bis aus dem Getreide ein Lebensmittel geworden ist. Beim Mühlentag nicht sichtbar, aber erwähnt sind auch die Landwirte, die das Getreide anbauen, ernten und dreschen, bevor es in der Mühle vor dem Mahlen gereinigt, gebürstet und von allerlei „Stäuben“ befreit wird. „Diese muss der Müller kostenpflichtig als Sondermüll entsorgen“, erklärt Müllermeister Manfred Thiel in der Seemühle. Auch die Mahlmühle in Unterweissach gewährt spannende Einblicke in ihr historisches Innenleben wie auch in das sehr aktuelle Berufsbild des Müllers.

Wildromantische Mühlenräder beflügeln heute noch die Fantasie vom sagenumwobenen Leben der Müller, die im Einklang der Natur die Lebensmittelversorgung sicherstellten. Dass der Müller bis heute für eine Beständigkeit des Handwerks vor Ort steht, rücken ein Streifzug zu den Technik-Denkmälern und Gespräche mit den Müllermeistern wieder ins Bewusstsein.

„Ohne unsere Arbeit gäbe es kein Brot, keine Nudeln, kein Tierfutter“, zählt Nico Rojahn, 25-jähriger angestellter Müllermeister in der Seemühle, auf. Die produzierenden Betriebe See- und Voggenbergmühle vermahlen ausschließlich A-Weizen und Eliteweizen von Landwirten aus dem Welzheimer Wald und der Region. „Mühlen an großen Wasserstraßen bekommen viel Getreide aus Übersee, wir haben Glück, dass nicht alles, was auf unseren Äckern wächst, in Bioenergie umgewandelt wird“, verdeutlicht Müllermeister Gerhard Meyer die Vorteile der heimischen Müllerkunst.

Info
Seemühle in Unterweissach verarbeitet jährlich rund 350 Tonnen Weizen und Dinkel

Zwölf Mühlen entlang des Mühlenwanderwegs im Schwäbischen Wald haben am Mühlentag teilgenommen. Viele Mahl-, Säge- und Ölmühlen hatten ihre Mühlräder in Betrieb. Eröffnet wurde der Mühlentag an der Voggenbergmühle von Alfdorfs Bürgermeister Michael Segan. Der Posaunenchor Alfdorf und Gschwend und die Böbinger Rentnerband hielten musikalisch bei Laune, die Trachtengruppe Gschwend und Müllerfamilie Meyer bewirteten.

Voggenbergmühle: Schon im Jahr 1251 wurde die „Ysenmuln“ erwähnt. Anfang des 16. Jahrhunderts gehörten die Mühle und der Weiler Voggenberg zum Kloster Adelberg. Der Voggenberg-Müller nutzt den uralten Mühlkanal bis heute – mit einer Ossberger Durchströmturbine aus dem Jahr 1944 – zur Stromerzeugung und zum Betrieb der modernen vollautomatischen Getreidemühle mit Pneumatikförderung. Nach Information von Müllermeister Gerhard Meyer werden 200 Tonnen Getreide zu etwa 150 Tonnen Mehl vermahlen. Heute ist sie die einzige noch gewerblich arbeitende Mühle am Mühlenwanderweg. Weitere Mühlen, in denen Getreide gemahlen wird, sind die Seemühle in Unterweissach und die Rümelinsmühle in Murrhardt. Die Seemühle in Unterweissach wurde 1245 erstmalig urkundlich erwähnt und wird heute von Familie Thiel betrieben. Sie verarbeiten jährlich rund 350 Tonnen Weizen und Dinkel.

Müller: Zukunftssicherer Beruf mit weltweiten Jobchancen. Moderne Mühlenbetriebe verfügen über computergesteuerte Produktionsanlagen, die durch eine komplexe Software gesteuert und kontrolliert werden. Den Umgang mit diesem System erlernen die Müller in der Ausbildung zum „Verfahrenstechnologen Mühlen- und Getreidewirtschaft“, wie der Beruf heute heißt.

Weitere Informationen: Mehr über den Beruf des Müllers beim Verband Deutscher Mühlen unter www.mueller-in.de

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Erstellt:
11. Juni 2019, 06:00 Uhr

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