KI und Kommunikation

Wahr! Falsch! Wer kann das noch sicher sagen?

Das Internet wird mit Inhalten geflutet, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erzeugt werden. Das bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt, kommentiert Rainer Pörtner.

Können wir unseren Augen noch trauen, wenn wir Fotos und Videos im Internet sehen?

© imago/Christian Ohde

Können wir unseren Augen noch trauen, wenn wir Fotos und Videos im Internet sehen?

Von Rainer Pörtner

Ein Kipppunkt ist der Moment, an dem ein System sein Gleichgewicht verliert und sich unumkehrbar verändert. Wir kennen solche Kipppunkte aus der Debatte über den Klimawandel: wenn zum Beispiel gefragt wird, ab wann das vollständige Abschmelzen der Polkappen oder das Absterben der Korallenriffe nicht mehr zu verhindern sind.

Möglicherweise haben wir gerade, ohne es zu merken, in unserer digitalen Welt einen kritischen Schwellenwert überschritten. Einige Forscher gehen jedenfalls davon aus, dass seit kurzem im Internet mehr Inhalte zu finden sind, die mit Künstlicher Intelligenz generiert wurden, als Beiträge, die Menschen allein verfasst haben.

Ein gigantisches Spiegelkabinett aus Texten, Bildern und Tönen

Seriös belegen kann das niemand. Aber wenn es jetzt noch nicht so weit sein sollte, ist der Moment doch nicht fern, zu dem das Internet ein gigantisches Spiegelkabinett aus Texten, Bildern und Tönen geworden ist, von denen wir überhaupt nicht mehr wissen, was an ihnen echt und was falsch ist. Gleichermaßen fasziniert wie verwirrt taumeln wir durch dieses Kabinett, in dem Menschen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz immer neue Spiegel aufstellen.

Was ist wahr? Was ist falsch? Die Antwort auf diese Fragen fällt immer schwerer. Wir werden schon jetzt im Netz überschwemmt von Deepfakes: täuschend echten, mit KI erzeugten Bildern, Videos und Stimmen, die Menschen Dinge sagen oder tun lassen, die nie stattgefunden haben.

Die neuen Möglichkeiten werden skrupellos genutzt

Ein Donald Trump, der grinsend die US-Flagge auf Grönland hisst; eine Horde arabisch aussehender Männer, die einer Frau ihr Hündchen entreißen und das Tier feixend in einen Fluss werfen; ein cool dreinblickender Papst im Rapper-Outfit: nichts davon hat es wirklich gegeben, aber diese fabrizierten Aufnahmen versetzen die Netz-Nutzer in helle Aufregung. Die Information ist falsch, aber die Emotion geht hoch.

Das Problem ist nicht die Künstliche Intelligenz an sich. Dieselben Technologien, die zur Täuschung und Manipulation eingesetzt werden, können auch aufklären: weil sie helfen, Fälschungen zu entlarven, Fakten zu überprüfen.

Das Problem ist der Mensch, der die neuen Möglichkeiten nahezu schrankenlos nutzen kann und dies häufig skrupellos tut. Und das Problem ist genauso der Mensch, der sich bisher allzu naiv in dieser neuen Welt bewegt, ohne zu realisieren, in welchem Ausmaß er manipuliert wird und welche Schäden dadurch für die Gemeinschaft entstehen.

Demokratische Gesellschaften leben von der stillschweigenden Verständigung ihrer Mitglieder, dass es – bei allen Unterschieden in den politischen und persönlichen Interessen – ein gemeinsames Fundament der Wirklichkeitswahrnehmung gibt. Dieses Fundament zerbröselt.

Wo alles gefälscht sein kann, wird Wahrheit zur Vermutung

In der neuen digitalen Welt zergliedern die Informationsströme, jeder lebt in seiner eigenen, kleinen Nachrichtenblase. Künstlich erzeugte Inhalte lassen die Grenze zwischen Tatsache und Fiktion verschwimmen; wo alles gefälscht sein kann, wird Wahrheit zur Vermutung. Die Algorithmen belohnen das Provokative, nicht das Nachdenkliche, sie geben der Erregung immer neue Nahrung, nicht der Reflexion. Wo Wahrheit immer relativer wird, schwindet Vertrauen. Aber Vertrauen, so altmodisch dieser Begriff klingt, ist noch immer der Klebstoff, der Gesellschaften zusammenhält.

Es gilt aufzuwachen und die Veränderungen nicht widerstandslos hinzunehmen. Entscheidend wird sein, ob Gesellschaften noch rechtzeitig Regeln, Standards und kulturelle Abwehrkräfte entwickeln in Bildung, Medienkompetenz, Recht und Politik. Sie müssen dabei darauf hoffen, dass der Kipppunkt doch noch nicht erreicht ist.

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Erstellt:
18. Februar 2026, 06:14 Uhr

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