Risiko von Kipppunkten steigt

Warum die globale Erwärmung unter 2 Grad bleiben muss

Kipppunkte im Klimasystem: Droht der Erde eine unumkehrbare Heiß-Zeit? Forscher warnen vor unbeherrschbaren Kettenreaktionen.

Unter Kipppunkten versteht man in der Klimaforschung, wenn durch kleine Veränderungen ein Domino-Effekt ausgelöst wird, dessen Folgen unter Umständen nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

© Imago/Panthermedia

Unter Kipppunkten versteht man in der Klimaforschung, wenn durch kleine Veränderungen ein Domino-Effekt ausgelöst wird, dessen Folgen unter Umständen nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Von Markus Brauer

Die globale Erwärmung muss unter 2 Grad Celsius begrenzt und anschließend so schnell wie möglich wieder unter 1,5 Grad gesenkt werden, um das Risiko zu verringern, dass Kipppunkte im Erdsystem ausgelöst werden. Langfristig müssten die globalen Temperaturen sogar auf etwa 1 Grad über dem vorindustriellen Niveau stabilisiert werden.

Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forscherteam vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), der Universität Exeter, und dem Zentrum für internationale Klimaforschung (CICERO) in einer jetzt im Fachjournl „Environmental Research Letters“ veröffentlichten Studie.

Kleine Veränderung mit großen Folgen

Ein Kipppunkt beschreibt einen kritischen Schwellenwert, bei dessen Überschreiten ein bis dahin relativ stabiles Teilsystem der Erde kippen kann. Bereits eine vergleichsweise kleine Veränderung der Umweltfaktoren kann dann eine tiefgreifende, sich selbst verstärkende Änderung in diesem Systems auslösen, die zudem irreversibel sein kann.

Zu diesen Teilsystemen der Erde gehören unter anderem die tropischen Korallenriffe, der Amazonas-Regenwald sowie der Permafrostboden und die großen Eisschilde auf Grönland und der Antarktis.

Acht Kipppunkte könnten überschritten werden

Bis zu acht Kipppunkte könnten bereits bei einer Erwärmung von weniger als 2 Grad erreicht werden, schreiben die Autoren. Die Studie baut auf einem Kapitel des auf der Weltklimakonferenz COP30 in Belém, Brasilien, vorgestellten „Global Tipping Points Report“ auf.

„Es ist besorgniserregend, dass selbst eine geringe Überschreitung des 1,5-Grad-Limits bis zu fünf Kipppunkte des Erdsystems auslösen könnte zumal es inzwischen nahezu unvermeidlich ist, dass die globale Erwärmung Ende der 2020er oder in den 2030er Jahren die 1,5°C überschreiten wird“, erklärt Co-Leitautor der Studie, Nico Wunderling vom PIK und von der Goethe-Universität Frankfurt.

Manche Teilsysteme reagieren besonders sensibel

„Die Kipppunkte für mehrere Teilsysteme der Erde könnten somit zumindest vorübergehend überschritten werden“, erläutert Co-Leitautor Paul Ritchie vom Global Systems Institute an der Universität Exeter. „Allerdings tritt der Kippeffekt nicht zwangsläufig sofort nach Überschreiten der 1,5 Grad ein. Wenn es gelingt, das maximale Ausmaß der Erwärmung begrenzen und die Dauer des Überschreitens kurz zu halten, könnte ein Kippen noch vermieden werden.“

Ritchie betont, dass einige Systeme – etwa tropische Korallenriffe – sehr schnell auf höhere Temperaturen reagieren und daher besonders anfällig sind, selbst wenn die 1,5 Grad nur kurzzeitig überschritten werden. Im Gegensatz dazu können potenzielle Kipppunkte mit langsameren Reaktionszeiten weniger empfindlich auf vorübergehende Überschreitungen reagieren.

„Es ist entscheidend, den Höchstwert dieses Überschreitens der 1,5-Grad-Marke zu begrenzen. Aber die Dauer dieses ‚Overshoots‘ möglichst kurz zu halten, ist sogar noch wichtiger“, resümiert Norman Steinert, Co-Autor von CICERO zusammen. „Denn je höher dieser Höchstwert der globalen Erwärmung, desto schwerer lassen sich die Temperaturen wieder unter die kritischen Werte absenken und desto länger ist der ‚Overshoot‘.“

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Erstellt:
20. Februar 2026, 12:32 Uhr

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