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Was der Jakobsweg dem Pilger gibt

Renate Florl aus Auenwald beschreibt in ihrem neuen Buch 101 wissenswerte und erheiternde Dinge für Wanderer

Der Jakobsweg kostet Kraft, er gibt aber auch Kraft. – Wenn Renate Florl über die alte Pilgerstrecke spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Die Route, die quer durch Europa bis Santiago de Compostela führt, kennt kaum jemand besser als die Auenwalderin. Jeden Zentimeter ist sie selbst abgelaufen, jede Landschaft hat sie in sich aufgesogen. Unterwegs: Ungeahnte Begegnungen, schweifende Gedanken, tiefe Gespräche.

Jakobswegerfahren: Renate Florl kennt die Besonderheiten der Pilgerstrecke nach Santiago de Compostela von vielen Touren. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Jakobswegerfahren: Renate Florl kennt die Besonderheiten der Pilgerstrecke nach Santiago de Compostela von vielen Touren. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

AUENWALD. Die Faszination des Draußenseins treibt Renate Florl an. „Ich bin schon immer mit dem Wandern verbunden“, erzählt die 59-Jährige, die von Beruf eigentlich Vermessungsingenieurin ist. Büroarbeit lässt sich nicht vermeiden. Ihr Ding ist aber outdoor: „Wenn ich mal ein paar Tage nicht draußen bin, fehlt mir was.“ Schon in jungen Jahren hat sie mit Bergsteigen und Klettern angefangen, 1977 hat sie sich dem Alpenverein angeschlossen, und seit 1981 ist sie als Fachübungsleiterin tätig.

Damals war der Jakobsweg noch kein Thema. Aber etwa zwanzig Jahre später, als die Idee aufkeimte, den historischen Trail neu zu beleben, war Renate Florl eine der ersten, die das Pilgerleben ausprobierte. Die Strecke, wie wir sie heute mit dem Symbol der Jakobsmuschel kennen, war da noch gar nicht ausgeschildert. Mit Schlafsack und Liegematte ausgerüstet machte sich Florl auf den Weg. Im Kopf hatte sie dabei eine Bibelstelle: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, empfängt, und wer da sucht, findet; und wer da anklopft, denen wird aufgetan.“

Ein nachhaltiges Gefühl von Dankbarkeit und Vertrauen

Ob das in der Praxis funktioniert? Den Pilgerausweis in der Hand klopfte sie bei den Pfarrämtern an und bat um Nachtquartier, um den Beweis anzutreten. Viel Erklärungsbedarf herrschte damals, und nicht einmal Pfarrer wussten, was es mit dem Jakobsweg auf sich hatte. Aber die Gemeindehäuser wurden zu Herbergen, mitunter boten aber auch – wie in Bebenhausen – große Linden ein Dach über dem Kopf. „Viele kleine Wunder“ hat Renate Florl damals erlebt und, wie sie sagt, ein nachhaltiges Gefühl von Dankbarkeit und Vertrauen mitgenommen.

Im Jahr 2004 wurde der Jakobsweg zwischen Rothenburg ob der Tauber und Rottenburg am Neckar markiert. Mit im Team: Renate Florl. Es war ein heiliges Jahr, erinnert sie sich, weil der 25. Juli – der Jakobustag – auf einen Sonntag fiel. Seitdem hat sie zahlreiche geführte Touren geleitet. 2005 machte sie sich mit etlichen Interessierten von Oppenweiler aus auf den Weg Richtung Santiago. Stückweise. Anfangs ging es in Tagesetappen voran, später waren es mehrtägige Unternehmungen. Zuletzt erreichte sie jetzt mit 15 Mitpilgern das Ziel.

Das Wandern auf dem Pilgerweg setzt Herausforderungen. „Ich konnte mir das am Anfang auch nicht vorstellen“, plaudert Florl: Auf manchen Streckenabschnitten sind die Fußgänger dringend auf ein Rucksackvesper angewiesen. In Spanien dagegen, wo die Pilgerströme aus unterschiedlichen Richtungen zusammentreffen und Angehörige aller möglichen Nationalitäten unterwegs sind, „wird man richtig verwöhnt“: Da gibt es entlang der Strecke zahlreiche Cafés, Bars und Stände, an denen man sich mit Speisen und Getränken versorgen oder auch frühstücken kann, wenn man am frühen Morgen, womöglich noch vor Sonnenaufgang, aufgebrochen ist.

Oder die Nächte in den Herbergen. Kann man da überhaupt schlafen? Florl lacht. „Um zehn ist Feierabend. Die sind echt unbarmherzig, besonders in Spanien.“ Aber wenn jemand nach zwanzig, dreißig oder mehr Kilometern unter seine Decke kriecht, dann hat er auch die nötige Bettschwere für einen festen Schlaf, weiß Florl. Und die Unterkünfte werden auch immer nobler: Zunehmend ersetzen kleinere Zimmer die großen Säle. Aber zusammen mit völlig fremden Menschen in einem Raum nächtigen? „Man lernt verschiedene Leute kennen, aber ich habe noch nie Angst gehabt, dass etwas wegkommt.“ Vertrauen als Wegbegleiter – Jakobus, Schutzpatron der Reisenden.

Auf der Strecke in Richtung Westen – in Spanien sind es mehrere Hundert Kilometer – sind die Pilger wochenlang unterwegs. Da ist viel Zeit, miteinander zu sprechen – über Gott und die Welt, über Leben und Tod, über Wesen und Sinn des Daseins. Und es entwickeln sich auch mit Fremden relativ schnell sehr persönliche Gespräche. Dabei bewahrheitet sich dann die Jakobsweg-Weisheit: „Der Weg gibt dir nicht das, was du willst, sondern das, was du brauchst.“ In ihrem neuesten Buch widmet sich Renate Florl einmal mehr dem Jakobsweg, dieses Mal jedoch nicht im Sinne eines Tourenführers. Vielmehr geht es um Nützliches und Wissenswertes, Praktisches und Erheiterndes. Da geht es sowohl um ganz profane Fragen – zum Beispiel: pro und kontra Füße erfrischen in einem Bach – als auch um Tiefsinniges rund um Körper, Seele und Geist. Fun Facts ergänzen praktische Tipps zur Planung und Infos über das Pilgern selbst.

Der Band ist in der Reihe „101 Dinge“ des Bruckmann-Verlags erschienen, der den Silberburg-Verlag übernommen hat, für den Renate Florl schon früher tätig war. Und wie ist das Projekt zustande gekommen? Florl schmunzelt und erzählt, wie sich das Verlagshaus bei ihr mit dem Vorschlag für dieses Buch gemeldet hat: „Zu mir kommat emmer die Gschäftla.“

Renate Florl: 101 Dinge, die man über den Jakobsweg wissen muss. Bruckmann-Verlag, Tübingen. 14,99 Euro.

ISBN 978-3-7343-1312-7.

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Erstellt:
8. Juni 2019, 11:30 Uhr

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