Deutschlands Rolle
Was Friedrich Merz von Angela Merkel lernen muss
Der Kanzler könnte der Richtige sein, um das Europa nach Donald Trump zu gestalten. Aber er hat ein großes Defizit, kommentiert Tobias Peter.
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Friedrich Merz neigt dazu, eine klare Richtung vorzugeben. Aber was folgt danach?
Von Tobias Peter
Der Schriftsteller John Irving kennt bei seinen Romanen immer schon den letzten Satz, bevor er das erste Kapitel schreibt. Eine Geschichte müsse man wie ein Haus konstruieren, sagt er. Wenn man eines baue, wisse man doch auch, wie viele Schlaf- und Badezimmer es haben soll und wo die Küche ist, noch bevor man anfange.
Manche Politiker würden sicher gern mal mit Irving tauschen. Sie treten bei Wahlen mit vielen Ideen an und müssen hinterher oft feststellen, dass ihre größten Herausforderungen ganz andere sind, als sie dachten.
Die Kanzler Angela Merkel und Olaf Scholz haben das erlebt. Jetzt ergeht es ihrem Nachfolger Friedrich Merz ebenso. Dass Merkel zum Beispiel in ihrer letzten Amtszeit noch eine Pandemie würde managen müssen, hatte niemand ahnen können. Scholz seinerseits war plötzlich mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine konfrontiert. Beides waren enorme Herausforderungen – aber diejenige, vor der die aktuelle Regierung steht, ist noch größer.
Donald Trump untergräbt ein Versprechen
Merz wusste zwar, dass er es als Kanzler mit dem US-Präsidenten Donald Trump zu tun bekommen würde. Aber selbst große Pessimisten hatten sich vorher nicht vollständig ausgemalt, wie schamlos und unberechenbar der 79-Jährige handeln würde. Für Europa ist es mittlerweile schon eine gute Nachricht, wenn Trump einmal kurze Zeit nichts tut, womit er das Sicherheitsversprechen der Nato untergräbt.
Welche Erkenntnisse gibt es, wenn man den Umgang verschiedener Regierungschefs mit dem Ungewissen vergleicht? Zunächst einmal ist es oft so, dass Staatsfrauen und Staatsmänner in ungewohnter Lage auf gewohnte Muster zurückgreifen. Das Land hat also, wenn man so will, Glück, wenn die Kanzlerin oder der Kanzler zufällig gut zu genau der Krise passt, mit der man es nun mal gerade zu tun hat.
Merkels ging meist an Probleme heran, indem sie sie in kleine Teile zerlegte und diese dann nach und nach abarbeitete. So hat sie das mit der Pandemie in zahlreichen Ministerpräsidentenkonferenzen getan – und das Land kam auf diese Weise vergleichsweise sicher durch die Coronazeit. Doch nicht immer gelang es Merkel, über den von ihr selbst geordneten Schreibtisch hinauszublicken. Sonst hätte sie womöglich früher gemerkt, dass sie Kindern und Jugendlichen in der Pandemie zu viel zumutete.
Scholz wiederum reagierte auf den Ukraine-Krieg mit dem Sondervermögen für die Bundeswehr zunächst mit einem großen Schritt. Doch ist auch er jemand, der oft kleinteilig vorgeht. In diese Logik kehrte er mit seinen Entscheidungen zur Lieferung einzelner Waffensysteme auch rasch zurück. Hätte er zupackender gehandelt, wäre die Lage in der Ukraine heute womöglich eine andere.
Friedrich Merz formuliert große Ziele
Merz’ Stil ist, erst einmal eine klare Richtung vorzugeben und große Ziele zu formulieren. Das ist gut, weil Europa riesige Sprünge hin zu einer eigenen Sicherheitsarchitektur gelingen müssen. Doch es wird nicht ausreichen, über ein neues europäisches Haus zu sprechen. Nötig sind dafür zähe Geduld und viel kleinteiliges Geschick, bis jedes einzelne Zimmer eingerichtet ist. Genau hier liegt, wie sich gerade in der Innenpolitik bereits mehrfach gezeigt hat, nicht die natürliche Stärke des CDU-Regierungschefs.
Friedrich Merz könnte also der richtige Kanzler für diese Zeit sein – aber nur, wenn er über sich hinauswächst. Merz muss er selbst sein und, so wenig ihn das begeistern mag, auch von Merkel lernen. „Schreiben ist wie Ringen“, hat der Bestsellerautor und Sportliebhaber John Irving festgestellt. „Man braucht Disziplin und Technik. Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner.“ Der größte Gegner eines Politikers sind immer die eigenen Schwächen.
