Was – wenn es doch nur Liebe war?

Das Gedenken an Franciszek Gacek hat jetzt einen Ort. An der Straße zwischen Mannenweiler und Wolfenbrück wurde ein Gedenkstein mit Infotafel enthüllt. Vor 80 Jahren ließen die Nazis dort den jungen polnischen Zwangsarbeiter hinrichten, weil er eine Deutsche liebte.

Die polnischen Angehörigen von Franciszek Gacek zusammen mit den Bürgermeistern (von links) Peter Keilhofer, Armin Mößner und Christoph Jäger sowie den Initiatoren Walter Schieber und Titus Simon am Gedenkstein. Foto: A. Fechter

Die polnischen Angehörigen von Franciszek Gacek zusammen mit den Bürgermeistern (von links) Peter Keilhofer, Armin Mößner und Christoph Jäger sowie den Initiatoren Walter Schieber und Titus Simon am Gedenkstein. Foto: A. Fechter

Von Armin Fechter

Großerlach. Die heimliche Verbindung zwischen Franciszek Gacek, der auf einem Hof in Mannenweiler als sogenannter Fremdarbeiter eingesetzt war, und Anna Schaaf, der Magd vom Nachbarhof, galt als Rassenschande. Wer das Paar denunziert hat, ist unbekannt – doch im Herbst 1941 stand plötzlich der Murrhardter Polizeibeamte Gelchsheimer mit dem Vorwurf da.

Walter Schieber aus Auenwald hat die Vorgänge von damals minutiös rekonstruiert. Bei einer Gedenkfeier am Samstag in Mannenweiler, auf dem Gelände der Familie Hermann Bay, rief der frühere Geschichtslehrer die dramatischen Geschehnisse in Erinnerung. Gacek kam ins KZ nach Welzheim. Der Fall wurde an die Gestapo in Stuttgart gemeldet, diese leitete die Frage über das weitere Vorgehen ans Reichssicherheitshauptamt in Berlin weiter. Von dort kam die Antwort, man solle nachprüfen, ob der Pole arische Merkmale – blaue Augen, blonde Haare – habe. Wenn ja, könne er eingedeutscht werden. Wenn nicht, solle er erhängt werden. Wer darüber letztlich entschied, ist unklar. Bürgermeister Karl Birk von Grab sollte jedenfalls den Platz für den Galgen aussuchen. Da er ihn nicht in seiner Gemeinde haben wollte, bestimmte er eine Stelle gleich hinter der Gemeindegrenze im Staatswald von Wolfenbrück, Gemeinde Oberrot. Die Hinrichtung am 23. April 1942 offenbart den ganzen Zynismus der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein von den KZ-Häftlingen in Welzheim gebauter mobiler Galgen samt Sarg wurde aufgestellt. Die Polizei trieb alle Zwangsarbeiter aus der Gegend bis nach Oberrot, Fornsbach und Fichtenberg zusammen, damit sie sahen, was mit denen geschieht, die sich mit deutschen Frauen einlassen. Einige von ihnen wurden gezwungen, die Hinrichtung durchzuführen.

Die Verantwortlichenwurden nie zu Rechenschaft gezogen

Anna Schaaf wurde zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. Erst im Februar 1945 kam sie aus Ravensbrück frei – eine durch Misshandlungen kranke, gebrochene Frau. Nicht einmal ihr späterer Antrag auf Unterhalt und Wiedergutmachung wurde bewilligt, weil sie die Kriterien nicht erfüllte: Sie war nicht wegen ihrer politischen Haltung, ihres Glaubens, ihrer Weltanschauung oder ihrer Rasse in Haft gekommen. Im Alter von nur 48 Jahren starb sie.

Die Verantwortlichen für den Mord an Gacek, der aus der südpolnischen Provinz Podhale stammte, wurden später nicht zur Rechenschaft gezogen. Schieber machte den Fall jedoch zu seinem persönlichen Anliegen. Er nahm Kontakt zu den Angehörigen auf und vereinbarte mit Gaceks Nichte Marianna Udziela und weiteren Verwandten 2018 ein erstes Treffen auf dem Tübinger Stadtfriedhof, wo sich die Grabstelle befindet. Zudem setzte er sich gemeinsam mit dem in Wolfenbrück lebenden Sozialwissenschaftler und Autoren Titus Simon dafür ein, eine Gedenkstätte für den Ermordeten zu schaffen. In einem Schreiben an die Bürgermeister von Großerlach, Murrhardt und Oberrot sowie an Landrat Richard Sigel vom März 2020 verlieh Simon diesem Wunsch Nachdruck. Er verwies dabei auch auf den anstehenden 80. Jahrestag.

„Ein Zeichen der Versöhnung“ sollte geschaffen werden, sagte Großerlachs Bürgermeister Christoph Jäger jetzt: „Wir können das Geschehen nicht rückgängig machen, aber wir können aufeinander zugehen und dafür Sorge tragen, dass so etwas nie wieder geschieht.“ „Ein pechschwarzer Schatten“, so Murrhardts Bürgermeister Armin Mößner, habe sich an jenem Tag auf die „so idyllisch, saftig-grün anmutende Umgebung“ gelegt. Es sei eine „Geschichte, die uns ergreift, ratlos und fassungslos zurücklässt“. In seiner Rede machte er deutlich, welche Lehren Staat und Verwaltung aus der Naziherrschaft gezogen haben. Insbesondere nannte er dabei das Grundgesetz und dessen Maxime: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieses sei „seit 1949 bis heute unser Kompass in Verwaltung und Politik“, darauf seien der Staat und sein ganzes Handeln aufgebaut. Zugleich warnte er: Die Zeit von 1933 bis 1945 drohe in Vergessenheit zu geraten, das kollektive Gewissen, das gemeinschaftliche „Nie wieder“, drohe zu schwinden. Deshalb gelte es, „im Hier und Jetzt die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen“.

Im Anschluss an die Gedenkfeier zogen die Teilnehmer zum Gedenkstein, den der Mainhardter Steinmetz Walter Wieland gestaltet hat. Dort wurden sie musikalisch von Karl-Heinz Loske und Ulrice Narziß empfangen. Vikar Hendri Breytenbach von der evangelischen Kirchengemeinde Oberrot sprach ein Gebet. In seinem Schlusswort spannte der Oberroter Bürgermeister Peter Keilhofer den Bogen von der Historie zum aktuellen Geschehen in der Ukraine. Die polnischen Gäste – einige von ihnen zu Ehren von Franciszek Gacek in heimatlichen Trachten – stimmten am Stein ein traditionelles Abschiedslied an.

Das Andenken soll an die nächsten Generationen weitergegeben werden

Die Familie In einer bewegenden Botschaft an die über 100 Teilnehmer verurteilte Marianna Udziela, die mit einer zehnköpfigen Gruppe Angehöriger gekommen war, den Mord an ihrem Onkel: „Es war nicht die Liebe, die ihn umgebracht hat. Es war der Hass des deutschen Feindes, der ihn getötet hat. Sie haben ihn getötet, weil er ein Pole war. Sie haben ihn getötet, weil er keine blauen Augen hatte und nicht blond war.“ Zugleich äußerten die Gäste aus Polen Worte des Danks, des Respekts und der Freundschaft gegenüber den Initiatoren des Gacek-Gedenkens und ihren Mitstreitern, und riefen dazu auf, „das Andenken an die Opfer der Naziverbrechen zu achten und an die nächste Generation weiterzugeben“. Die Welt dürfe zu alldem nicht schweigen.

Die Erinnerung „Was uns bleibt“, so hatte zuvor Walter Schieber resümiert: „Den Opfern ihre Namen zu geben und für ihre Familien und die ganze Gesellschaft ihr furchtbares Schicksal dem Vergessen zu entreißen. Das ist die Motivation, warum wir heute hier stehen.“

Musikalische Würdigung Als Liedermacher Chris hat der Großerlacher Bürgermeister Jäger mit einem neuen Lied auch ein lyrisches und musikalisches Denkmal für Gacek gesetzt. Zusammen mit seinem Partner Sepp Steinkogler ließ er es an diesem Tag zum ersten Mal erklingen: „Was – wenn es doch nur Liebe war“, so der Titel. Die Zeile ist auch auf dem Gedenkstein zu lesen. Im Refrain heißt es: „Was – wenn es doch nur Liebe war / Nicht mehr als nur ein Paar, in Herz und Seele vereint? / Nur ein kleines Stückchen Glück / Ganz gewiss nicht Politik, wie kann denn das verboten sein?“

Die Geschichte Die Details zum historischen Geschehen enthält ein Beitrag von Walter Schieber im Backnanger Jahrbuch 2019. Band 27. Fr. Stroh Verlag. ISBN: 978-3-927713-64-2.

Zum Artikel

Erstellt:
25. April 2022, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Stadt & Kreis

Gemüse vom Balkon statt aus dem Laden

Die Nachfrage zum Thema „Essbares auf dem Balkon und auf der Terrasse anpflanzen“ ist in der Coronazeit gestiegen. Und bei wachsenden Preisen für Lebensmittel könnte das Gärtnern für noch mehr Menschen attraktiv werden. Zwei Expertinnen geben ihre Tipps weiter.