Weissach im Tal im Wandel der Zeit

Anlässlich des 50. Gemeindejubiläums kamen der amtierende Bürgermeister und seine Vorgänger zusammen.

Weissach im Tal im Wandel der Zeit

© Alexander Becher

Von Melanie Maier

WEISSACH IM TAL. Das Zusammentreffen von Egon Halter, Rainer Deuschle und Ian Schölzel im Sitzungssaal des Rathauses in Unterweissach, für Jürgen Hestler ist das ein historischer Moment. „Noch nie sind alle drei Bürgermeister zusammengekommen“, so der Vorsitzende des Heimatvereins Weissacher Tal zum Auftakt der Begegnung im Vorfeld des 50. Gemeindejubiläums (siehe Infokasten). Eigentlich sollte dieses im Sommer mit mehreren Veranstaltungen und einem Tälestreff gefeiert werden. Aufgrund der Coronapandemie ist das aber voraussichtlich nicht möglich.

Ein Grund mehr für Jürgen Hestler, das Treffen von Dieter Schmidgall, einem ehemaligen Lehrer am Bildungszentrum (Bize), als Video aufzeichnen zu lassen und daraus einen Film zu schneiden. „Willy und die Bürgermeister“, so heißt der 15-minütige Blick in die Geschichte von Weissach im Tal im Wandel der Zeit, der sich am beruflichen Werdegang von Willy Fritz entlangbewegt. Er kam 1966 als Lehrling ins Weissacher Rathaus. Als er 2015 in Rente ging, war er zum Leiter des Finanzressorts aufgestiegen.

„Ich kann mich gut daran erinnern, wie er bei uns angefangen hat“, sagt Egon Halter. „Er war schüchtern, sehr interessiert, sehr fleißig, bescheiden und zurückhaltend. Nur bei schönem Wetter war er nicht mehr zu halten – da musste er Segelfliegen.“ Halter sitzt am linken Ende der u-förmigen Tischkonstellation im Sitzungssaal im Obergeschoss des Rathauses. Zur Feier des Tages stehen Kaffee, Brezeln und süße Stückle bereit, aber bei den vielen Anekdoten rückt die Verpflegung in den Hintergrund.

Ian Schölzel war froh, mit Willy Fritz einen erfahrenen Finanzfachmann an der Seite zu haben, als er 2007 mit 31 Jahren Bürgermeister wurde. „Das ist sicherlich ein riesiges Plus, wenn man in jungen Jahren so einen Kämmerer zur Seite hat“, sagt er. Rainer Deuschle gibt zurück: „Ich war damals, lieber Kollege, 28 Jahre alt, als ich Bürgermeister wurde.“ Halter kann das noch überbieten: „Ich bin hier 1966 mit 26 Jahren gewählt worden.“

Seit der Zusammenlegung der Gemeinden wählten die Weissacher immer einen jungen Rathauschef.

Die Gesamtgemeinde Weissach im Tal hatte seit der Zusammenlegung der vier ehemals selbstständigen Gemeinden Bruch, Cottenweiler, Oberweissach und Unterweissach also schon immer einen jungen Chef im Rathaus. Drei Männer in ihrer Sturm-und-Drang-Phase? Auf Hestlers Frage, was ihn dazu bewegte, für das Amt zu kandidieren, gibt Rainer Deuschle preis: „Ich dachte: Da hättest du ein großes Betätigungsfeld. Das war dann auch so.“

Schon der erste Arbeitstag begann mit einer kleinen Herausforderung. Gerade als er die Akten in seinem Büro sortierte, rief ihn der damalige Direktor der Kreissparkasse an, um ihm mitzuteilen, dass das Girokonto der Gemeinde dermaßen überzogen war, dass die Gehälter der Rathausmitarbeiter nicht ausgezahlt werden konnten. Deuschles Antwort: „Geben Sie mir ein Vierteljahr Zeit, dann schauen wir, wie das Konto aussieht.“ Die Mitarbeiter bekamen ihren Lohn.

Besonders stolz ist der ehemalige Schultes im Nachhinein darauf, dass er die Infrastruktur verbessert und die Gemeinde mit der Baugeländeerweiterung „aus der Armut gehoben“ hat. „Ich habe meinem Nachfolger sechs Millionen Euro hinterlassen“, betont Deuschle.

Als sein Vorgänger das Amt antrat, hatte Weissach im Tal, das damals als solches noch nicht existierte, noch ganz andere Probleme. „Es war in den 60ern und zu Anfang der 70er schon noch ein Kuhdorf“, sagt Willy Fritz in Hestlers Film „Willy und die Bürgermeister“. „Das Leben hier in der Gemeinde war einfach dörflich.“ Selbst im Ortszentrum waren noch viele bäuerliche Betriebe, die erst nach und nach Neubauten wichen.

Seine größte Leistung als Weissacher Bürgermeister sieht Egon Halter im Bau des Bildungszentrums Weissacher Tal, das im August 1975 die ersten Schüler empfing. Die Nachfrage nach Plätzen in der neuen Schule war anscheinend so groß, dass auch Eltern aus Backnang ihre Kinder anmelden wollten.

„Dass wir heute so eine aufstrebende Gemeinde sind, haben wir vor allem auch euch beiden zu verdanken“, richtet sich Ian Schölzel an seine Vorgänger. Doch er hat auch schwierige Zeiten als Bürgermeister miterlebt. Insbesondere als die geplante Flüchtlingsunterkunft im August 2015 in Brand gesetzt wurde. „Da war bundesweit mediales Licht auf Weissach im Tal gerichtet“, erinnert sich Schölzel. „Es hat mir damals sehr wehgetan, dass unsere bunte und tolerante Gemeinde als ‚Dunkeldeutschland‘ verkauft worden ist.“

Und wie stellen sich Halter, Deuschle und Schölzel die Zukunft von Weissach im Tal vor? „Könnte es irgendwann eine Zusammenführung der Tälesgemeinden Weissach im Tal, Auenwald und Allmersbach im Tal geben?“, fragt Hestler vom Heimatverein nach. Den Gedanken an die „große Lösung“ habe es früher schon gegeben, lässt Egon Halter wissen, „aber es war nicht zu realisieren damals“.

Schölzel kann sich „schon vorstellen“, dass es neben den drei Zweckverbänden eine engere Zusammenarbeit zwischen den Kommunen geben wird, vor allem vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der Digitalisierung. „Ob ich einen Bauantrag in Unterbrüden oder Oberweissach einreiche, wird in Zukunft vielleicht keine Rolle mehr spielen“, führt er aus. „In 30, 40 Jahren könnte es durchaus einen größeren Verband geben.“

Der amtierende Bürgermeister verweist auf das Bize, das er gern mit etwas Pathos die „Herzkammer des Weissacher Tals“ nennt, „weil alle, die da rausgekommen sind, auch schon ein bisschen das Bewusstsein haben, aus dem Weissacher Tal zu kommen“. Und nicht etwa aus einer isolierten Einzelgemeinde.

Wie die Gemeinde Weissach im Tal zustande kam

Die Gemeinde Weissach im Tal entstand am 1. Juli 1971 im Zuge der Kommunalreform durch den Zusammenschluss der ehemals selbstständigen Gemeinden Bruch, Cottenweiler, Oberweissach und Unterweissach.

Bei der Zusammenlegung war Egon Halter Bürgermeister von Weissach im Tal. Er war von 1966 bis 1975 Rathauschef. Halter und Wilhelm Schadt, damals Bürgermeister von Bruch, Oberweissach, Heutensbach und Allmersbach im Tal, gelten als „Architekten“ der Gemeindefusion. Halters Nachfolger war von 1975 bis 2007 Rainer Deuschle. Seit 2007 ist Ian Vincent Schölzel Schultes in Weissach.

Rund 7200 Einwohner leben momentan in Weissach im Tal. Die Gemarkungsfläche
beträgt 1414 Hektar. Sitz der Gemeindeverwaltung ist Unterweissach.

Am Sonntag, 4. Juli, wird der 15-minütige Film „Willy und die Bürgermeister“ des
Heimatvereins Weissacher Tal im Bauernhausmuseum (Brüdener Straße 7, Unterweissach) von 14 bis 17 Uhr in Dauerschleife gezeigt. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig, aufgrund der geltenden Coronaregeln kann es jedoch zu kurzen Wartezeiten
kommen. Ein Schnelltest ist nicht notwendig, im Museum gelten die AHA-Regeln.

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Erstellt:
16. Juni 2021, 06:00 Uhr

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