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Weissacher Senioren wollen in Zukunft besser Gehör finden

„Einwände und Vorschläge werden nicht berücksichtigt“ – Ortsseniorenrat kritisiert Baupolitik der Gemeinde: „Jedes Eck wird vollgebaut“

Der Bürgerbus ist eines von mehreren Projekten, die der Ortsseniorenrat angestoßen hat. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Becher

Der Bürgerbus ist eines von mehreren Projekten, die der Ortsseniorenrat angestoßen hat. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

WEISSACH IM TAL. Der Weissacher Ortsseniorenrat steht den Entwicklungen in der Gemeinde zunehmend kritisch gegenüber. Das Gremium, das im Zusammenspiel mit dem Rathaus den Bürgerbus angestoßen, einen Tablet- und Smartphonekurs angeleiert, die Seniorengymnastik „fünf Esslinger“ ins Täle geholt und ein Defibrillatorkonzept initiiert hat, beanstandet insbesondere die Fülle an Bauprojekten in Weissach.

„Jedes Eck wird vollgebaut“, klagt Klaus Werner, ein Sprecher des Seniorenrats. Oftmals enthielten die Planungen „klare Nachteile für Senioren und Familien“. Als Beispiel nennt er das Projekt am Sandberg in Unterweissach, das von der Backnanger Straße aus mit einer neuen Straße über einen steilen Hang erschlossen wird. Den betreffenden Bebauungsplan hatte der Ortsseniorenrat seinerzeit abgelehnt. Das Gremium war – wie seit Jahren üblich – im Zuge der Anhörung um eine Stellungnahme gebeten worden. „Wir haben lange darüber beraten“, erinnert Werner an die Vorgeschichte. Aber nicht nur in diesem Fall habe man „gespürt, dass es den Gemeinderat nicht besonders interessiert“.

„Frühzeitige Hinweise wurden ignoriert“

Einwände und Verbesserungsvorschläge seien meistens nicht berücksichtigt worden, berichten Vertreter des Seniorenrats. Es sei ja klar, dass man kein Anrecht darauf habe, mit seinen Vorschlägen Gehör zu finden. Doch sehe man eben auch gravierende Planungsfehler insbesondere in Verkehrsfragen. So seien frühzeitige Hinweise diesbezüglich beim Rombold-Areal ignoriert worden – mit der Folge, dass inzwischen jeder Bürger nicht nur zu Zeiten starken Berufsverkehrs erhebliche Behinderungen in Kauf nehmen müsse. Nicht nur das: „Die Gemeinde hat bis zum heutigen Tag keinen brauchbaren Plan, wie sie das Verkehrschaos durch bauliche Maßnahmen entschärfen will.“ Vor diesem Hintergrund hat der Ortsseniorenrat die Kommentierung von Bebauungsplänen eingestellt, über die Fuchsklinge etwa habe man gar nicht mehr beraten, erklärt Werner. Dafür hat sich Werner, der selbst vor Jahren dem Gemeinderat angehörte, zusammen mit seinem Seniorenkollegen Uwe Rahr die Haushaltsreden des Bürgermeisters und der Fraktionen zum Etat 2020 vorgenommen. Kritisch beurteilen sie den mit der baulichen Entwicklung verbundenen „enormen Landschaftsverbrauch, der in der Bevölkerung teilweise für Unmut sorgt“, der aber dazu beitragen solle, aus Weissach einen „veritablen Gewerbestandort“ zu machen, wie dies Bürgermeister Ian Schölzel postulierte.

Eine Verschlechterung nicht nur für Senioren, sondern für die Bürgerschaft in weiten Teilen der Gemeinde sehen sie darin, dass mehrere Geschäfte aus dem Unterweissacher Ortskern verschwunden sind – etliche sind ins Rombold-Areal oder auf die gegenüberliegende Seite der Welzheimer Straße gezogen, andere an den Ortsrand. Dadurch seien die Einkaufswege länger und fußläufig schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich geworden, beklagen die Seniorenratsmitglieder. Gleichzeitig mache es der zunehmende motorisierte Verkehr Fußgängern und Radfahrern schwer, ohne Gefahr den Gehsteig der Welzheimer Straße zu benutzen oder die Fahrbahn zu überqueren: „Die Verkehrslage hat sich verschärft.“ Dabei müsse es doch eigentlich einleuchten, dass man für einen neuen Ortsteil mit 500 Einwohnern zuerst das Thema Verkehr regeln müsse und erst dann mit der Bebauung beginnen könne. Daher fordert der Ortsseniorenrat, die Welzheimer Straße und den gesamten Ortskern zur Tempo-30-Zone zu erklären und am Ortsschild aus Richtung Cottenweiler eine „intelligente Ampel“ mit nachfolgender Radarkontrolle zu installieren. Vorbild: Unterbrüden. Ferner sollen auf den Straßen gestrichelte Markierungen für die Radfahrer angebracht, die Grünphase am Fußgängerüberweg verlängert und ein neuer Übergang auf Höhe Rossmann/Tälesapotheke angelegt werden.

Weiter regt der Ortsseniorenrat an, Wohnraum zu schaffen, indem Älteren die Möglichkeit geboten wird, in komfortable kleinere altersgerechte Wohnungen umzuziehen. Dadurch könnten Einfamilienhäuser für junge Familien frei werden. Ferner sollten Gebäude in Gemeindebesitz in bezahlbaren Wohnraum umgestaltet werden, statt sie in Privatbesitz zu übergeben, beispielsweise das alte Schulhaus in Oberweissach.

Probleme wegen Wirtschaftsdenken und dem Wachstumsprinzip

Eine tiefere Ursache für die Probleme, die kostspielige Infrastruktur der Gemeinde aufrechtzuerhalten und zu modernisieren, sehen Werner und Rahr im Wirtschaftsdenken der westlichen Welt und im Wachstumsprinzip: Einerseits bringen neue Baugebiete und Gewerbeansiedlungen Einnahmen, andererseits muss auch die Infrastruktur dadurch immer weiter angepasst werden. Vor diesem Hintergrund erinnern Werner und Rahr den Bürgermeister an seine eigene Anmerkung: „Wie wir alle wissen, ist Boden endlich.“ Am Ende kommen sie schließlich zu dem Fazit: „An Einschränkungen wird man nicht vorbeikommen, aber an Lebensqualität würden alle Bevölkerungsteile erheblich gewinnen.“

Info

Die Gemeindeverwaltung – Bürgermeister Ian Schölzel und Bauamtsleiter Markus Stadelmann – weist die Kritik zurück. Punkte, die der Ortsseniorenrat zu Bebauungsplänen angebracht hat, seien stets im Gemeinderat mit behandelt worden, wenn es um die Anregungen zu Bebauungsplänen ging. Wie in anderen Fällen auch, habe der Gemeinderat im Rahmen seiner Planungshoheit dabei abgewogen, ob eine Anregung mit aufgenommen werden soll oder nicht.

In puncto Verkehrssituation in der Welzheimer Straße seien verschiedene Ingenieurbüros und Verkehrsplaner beteiligt. Es handle sich um eine sehr komplexe Materie, da verschiedene Interessenslagen in Einklang zu bringen seien: ungehinderter Verkehrsabfluss auf den Kreisstraßen (Welzheimer/Lommatzscher/Stuttgarter Straße), Einmündungen Jägerhalde und Jahnstraße, Pkw- und Lkw-Verkehr, Radfahrer, Fußgänger. Es gebe verschiedene Lösungsansätze – Ampellösung, Einbahnverkehr, Kreisel. Alle seien untersucht worden und hätten im März im Gemeinderat vorgestellt werden sollen, die Sitzung sei aber wegen der Coronapandemie abgesagt worden.

Als mit der Reaktivierung des Rombold-Areals begonnen wurde, habe es zwei Modelle gegeben: Entweder solle eine Schlaufe oberhalb des Edeka-Markts zur Entlastung geschaffen oder aber der Knotenpunkt Welzheimer Straße/Jägerhalde/Jahnstraße mittels Kreisel, soweit realisierbar, entlastet werden. Der Gemeinderat habe sich sehr früh für die Schlaufe entschieden. Diese erbringe nach den vorliegenden Untersuchungen die von Anfang an erwünschte verkehrliche Entlastung. Jetzt gehe es nicht mehr um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Sobald der Gemeinderat wieder öffentlich tagt – die erste Sitzung seit Beginn der Coronakrise ist auf Donnerstag, 7. Mai anberaumt –, soll das Thema verkehrstechnische Untersuchung behandelt werden. Die Ergebnisse wirken sich auf die Überlegungen für einen leistungsfähigeren Umbau des Knotenpunkts Welzheimer Straße/Jägerhalde, eine ausgebaute sicherere Wegführung für Fußgänger und Radfahrer in und um Unterweissach und somit auch auf die Revitalisierung der Welzheimer Straße aus.

Es seien schon einige Anregungen des Ortsseniorenrats aus dessen Stellungnahme zum Haushaltsplan 2020 zum sicheren Radfahrer- und Fußgängerverkehr in der noch vorzustellenden Untersuchung enthalten. Da aber teilweise Kreisstraßen betroffen sind, bedürfe dies der Abstimmung.

Unterm Strich kündigt das Rathaus daher an: „Mit der Revitalisierung der Welzheimer Straße wird sicherlich ein Abschnitt eines Gesamtkonzepts für leistungsfähigere Verkehrsknotenpunkte und ausgebauten sichereren Fußgänger- und Radwegverbindungen umgesetzt.“

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Erstellt:
5. Mai 2020, 16:00 Uhr

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