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Wenig Schweinefleisch aus der Region

Über 90 Prozent des Fleischbedarfs im Landkreis stammen aus überregionalen Schlachtbetrieben.

Von Matthias Nothstein

BACKNANG/WAIBLINGEN. Die skandalösen Verhältnisse in industriellen Fleischfabriken, die kürzlich wieder einmal an die Öffentlichkeit gekommen sind, haben die regionalen Fleischerzeuger veranlasst, bei der Kreisverwaltung nachzuhaken, wie es mit der Fleischproduktion an Rems und Murr bestellt ist (wir berichteten). Initiator war unter anderem Werner Häfele, der nicht nur einer der stellvertretenden FDP/FW-Fraktionsvorsitzenden ist, sondern auch Chef des gleichnamigen Metzgereiunternehmens in Winnenden.

Die Antwort des Landratsamts ließ nicht lange auf sich warten. Eigentlich sollten die Fragen nach dem Wunsch der Initiatoren spätestens im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags beantwortet werden. Doch der tagt erst wieder am 2. November. Vielleicht unter dem Eindruck des jüngsten Skandals im Gärtringer Schlachthof legte Landrat Richard Sigel die Ergebnisse der Anfrage schon jetzt vor. Und diese Ergebnisse sind vermutlich für viele überraschend. So hätten die meisten Menschen im Kreis zum Beispiel ein Problem, wenn sie plötzlich von der überregionalen Fleischversorgung abgeschnitten wären. Denn die Bürger im Landkreis verzehren derzeit laut Landratsamt jährlich 14532 Tonnen Schweinefleisch. Doch die Schweine, die regional geschlachtet werden, bringen mit 1190 Tonnen (8,2 Prozent) nicht mal ein Zehntel der notwendigen Gesamtmenge auf die Waage. Beim Rindfleisch sieht’s etwas besser aus: Da liegt der Selbstversorgungsgrad bei 19,7 Prozent.

Metzgermeister Werner Häfele und Landtagsabgeordneter Jochen Haußmann freuen sich zwar über die prompte Beantwortung ihres Fragenkatalogs. Sie sind aber nicht glücklich über den Inhalt des Berichts: „Wir sehen uns darin bestärkt, dass wir das Thema der Stärkung der regionalen Fleischversorgung auf die Tagesordnung gebracht haben. Wir sehen aufseiten der Verwaltung auch erfreuliche Ansätze, diese Stärkung zu unterstützen.“ Gleichzeitig kritisieren sie, es gebe auch noch weiterhin offene Fragen. Beispielsweise was die Entwicklung bei der Zahl der geschlachteten Tiere angeht. Die Tabelle der Kreisverwaltung zu den Schlachtungszahlen beginnt erst im Jahr 2013. Damals lag die Zahl der Schweine- und Ferkelschlachtungen im Rems-Murr-Kreis bei 13753, die der Rinder und Kälber bei 2553. Bis 2019 gingen die Schweineschlachtungen um 1481 auf 12272 zurück, die der Rinder um 153 auf 2400. „Dass der Landkreis keine weiter zurückgehenden Zahlen hat, ist schade“, sagt Jochen Haußmann, „denn die wahre Dramatik der Entwicklung zeigt sich erst, wenn der Blick tiefer in der Vergangenheit zurückgeht.“

So zeigen nämlich die Daten des Statistischen Landesamts aus den 1990er-Jahren, dass der Rekord bei den Schweineschlachtungen 1998 mit 119393 Schweinen erreicht wurde. Die höchste Zahl an Rindern wurde 1993 mit 15524 Tieren geschlachtet. Haußmann rechnet vor: „Das ist bei den Schweinen rund das Zehnfache der heutigen Menge, bei den Rindern knapp das Achtfache. Und diese Zahlen belegen, welcher dramatischen Entwicklung und welchem Konzentrationsprozess der regionale Fleisch- und Schlachtmarkt in den vergangenen 30 bis 40 Jahren ausgesetzt war.“

Das Landratsamt sieht die Ursachen des Konzentrationsprozesses allerdings auf höhere Ebene. So lautete zum Beispiel eine Frage: „Trifft es zu, dass verschärfte Regelungen seitens des Veterinäramts beziehungsweise das Regierungspräsidium Stuttgart zu einem Rückgang der Schlachtungen und der schlachtenden Betriebe im Rems-Murr-Kreis geführt haben?“ Im Antwortschreiben des Landrats heißt es hierzu kurz und knapp: „Nein, denn weder das Veterinäramt noch das Regierungspräsidium haben die Regelungen verschärft. Die Verwaltung führt EU-Recht aus.“

Werner Häfele sieht die Zielrichtung, die handwerkliche Linie der Fleischproduktion zu stärken und im Wettbewerb um die Kunden „auf saugut statt auf saubillig“ zu setzen, schon jetzt bestätigt. Er möchte erreichen, dass sich die Kreisverwaltung verstärkt Gedanken dazu macht, wie die regionale Situation der Schlachtbetriebe verbessert werden kann. Und das gelte ungeachtet dessen, dass der Kreis davon ausgehe, dass immer genug Fleisch da ist. „Der Ausfall von Schlachtbetrieben im Kreis hätte voraussichtlich keine relevanten Folgen für die Versorgung der Bevölkerung im Rems-Murr-Kreis“, heißt es dazu im Bericht aus dem Landratsamt.

Wenig Schweinefleisch aus der Region

„Die Zahlen belegen den dramatischen Konzentrationsprozess auf dem regionalen Markt.“

Jochen Haußmann,

FDP-Landtagsabgeordneter

Insgesamt 29 Schlachtbetriebe

Im Rems-Murr-Kreis gibt es derzeit einen größeren und 28 kleinere Schlachtbetriebe.

Die gravierendste Veränderung der Verwaltungsvorgaben ist das „EU-Hygienepaket“ aus dem Jahr 2006. Zwei wichtige kritische Kontrollpunkte in Schlachthöfen sind beispielsweise die Vermeidung der Fäkalienkontamination von Schlachtkörpern und die Sicherstellung der richtigen Temperatur bei der Lagerung der Schlachtkörper.

Zum 1. Januar 2010 wurde vom Gesetzgeber eine „EU-Zulassung“ von den Betrieben gefordert. In der Folge haben mehrere Metzgereien die Schlachtung eingestellt.

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Erstellt:
8. September 2020, 06:00 Uhr

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