Wie der Wetzsteinstollen zu einer Attraktion wurde

Beim 240. Altstadtstammtisch in Backnang ist der Wetzsteinstollen Thema. Ein Vortrag beleuchtet, wie sich das Gebiet um Jux zu einem Zentrum der Wetzsteinproduktion entwickelte.

Der Fabrikant Weinmann und seine Arbeiter beim Plattenbrechen auf dem Brechplatz, um 1900. (Archivfoto: privat)

Der Fabrikant Weinmann und seine Arbeiter beim Plattenbrechen auf dem Brechplatz, um 1900. (Archivfoto: privat)

Von Simone Schneider-Seebeck

Backnang/Spiegelberg. Seit knapp zwölf Jahren gehört der Wetzsteinstollen in Spiegelberg-Jux zu den Touristenattraktionen im Schwäbischen Wald. Doch bis es so weit war, die 47,5 Meter, die in den Berg hineinführen, zugänglich zu machen, verging geraume Zeit. Und auch einige Zufälle spielten mit hinein, wie Manfred Schaible bei seinem humorvollen und kurzweiligen Vortrag beim 240. Altstadtstammtisch verriet.

Eine Leidenschaft des pensionierten Lehrers (75), der zuletzt am Bildungszentrum Weissacher Tal wirkte, ist seit seiner Jugend die Eisenbahn. Folgerichtig wurde sein Interesse am Wetzsteinstollen Jux im Jahr 2000 durch einen Bericht über denselben geweckt, in dem es geheißen hatte, dass dort noch Überreste einer Rollbahn aufzufinden seien. Allerdings wusste niemand mehr, wo sich der Eingang zu dem Stollen befand. Schaible erkundigte sich bei älteren Mitbürgern, doch die Hinweise führten ins Leere. Durch einen Zufall lernte er einen älteren Herrn aus einer Nachbargemeinde kennen, der als Kind seinem Vater, der im Stollen beschäftigt war, immer das Mittagessen gebracht hatte. Die neue Spur führte tatsächlich zum Eingang.

Ein weiterer Grund für die Suche nach dem verschollenen Stollen lag auch darin, dass der damals neue Bürgermeister Uwe Bossert den Tourismus in der Gemeinde im Schwäbischen Wald ankurbeln wollte. Ursprünglich hatte man ein Silberbergwerk erschließen wollen. Doch dieses lag gar nicht auf der Gemarkung der Gemeinde.

Oft war die ganze Familie in die Wetzsteinherstellung eingebunden

Die Geschichte der Wetzsteinherstellung erläuterte Schaible sehr anschaulich. So erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer etwa, dass oft die ganze Familie eingebunden war. Sandsteinplatten wurden aufgespalten, dann in Heimarbeit mit einem Hammer in Form gebracht und glatt geschliffen, sodass sie gut in der Hand lagen. Frauen und Kinder bewegten oft die ausgedienten Mühlsteine, mit denen die Wetzsteine fertig geschliffen wurden. In einem Kumpf – einem Behälter, der am Gürtel eingehängt werden konnte – wurde der fertige Wetzstein mitgeführt, damit er jederzeit während der Arbeit zum Schärfen der Sense zur Hand war.

Wann genau die Wetzsteinproduktion in Jux begann, ist unklar. Da die Bevölkerung um Jux recht arm war, Wetzsteine dagegen für gutes Geld verkauft werden konnten, begann man vermutlich in den 1820er-/ 1830er-Jahren mit der gezielten Suche. „Wenn jeder nach Wetzsteinen gräbt, gibt das aber ein Problem im Wald“, erläuterte Schaible. Daher wurde verfügt, dass jeder, der beim Graben eines Lochs erwischt wurde, einen Gulden zu bezahlen habe.

Für einen Gulden im Jahr pachtete
die Gemeinde ein „großes Loch“

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Dies erwies sich schließlich als der Ursprung für den Juxer Wetzsteinstollen. Der damalige Bürgermeister von Jux hatte den Einfall dazu: Nirgendwo war festgelegt, wie groß so ein Loch sein dürfe. Schlussendlich pachtete die Gemeinde für einen Gulden im Jahr ein „großes Loch“, stellte zwei Plattenbrecher ein und legte einen Preis für die Sandsteinplatten fest, die dann von denjenigen erworben werden konnten, die Wetzsteine herstellen wollten.

Der erste offizielle Bruch wurde zwischen 1830 und 1847 abgebaut, lag jedoch relativ unzugänglich. Ober- und unterhalb der Straße wurden weitere Steinbrüche eingerichtet, die von 1847 bis etwa 1870 und 1847 bis 1880 bearbeitet wurden. Letzterer entwickelte sich schließlich zum Stollen.

„Aus reiner Not am Material entschied man sich, unterirdisch zu arbeiten“, erläuterte Manfred Schaible. Denn eigentlich hatte man das gar nicht gewollt, auch wenn die Ader noch nicht erschöpft war. 1911 schließlich war der Stollen denn doch zum ersten Mal verfüllt, fünf Jahre später aber erneut geöffnet worden. Nach zwei Sprengunfällen wurde 1922 jedoch dem damaligen Pächter die Konzession entzogen.

Knapp 80 Jahre sollte es dauern, bis der Stollen wieder ins Bewusstsein kam. Manfred Schaible und seinen Mitstreitern gelang es trotz vieler Widrigkeiten, den Eingang zum Stollen und auch diesen selbst freizulegen. 2012 war es schließlich so weit, das Bergwerk konnte zur Besichtigung freigegeben werde. Als besondere Attraktion für jüngere Besucher wurde auch eine Rollbahn eingebaut. Jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat und an bestimmten Feiertagen kann der Wetzsteinstollen nun besichtigt werden. „Ein Stück Heimatgeschichte ist wieder lebendig“, so Schaible.

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Erstellt:
10. April 2024, 06:00 Uhr

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