Wie lernen Kinder lügen?

Psychologen geben Eltern Erziehungstipps

Was Wahrheit, Lüge oder Notlüge ist, ist für den Nachwuchs kaum zu durchschauen. Eltern sollten daher früh darüber aufklären. Denn die Forschung zeigt: Kinder lernen das Lügen schon ganz von alleine.

Toronto „Du sollst nicht lügen. Lügen ist böse.“ Solche Sätze wählen Eltern oft, wenn sie ihre Kinder zu ehrlichen Menschen erziehen wollen. Dabei sind sie oft selbst nicht gerade das geeignete Vorbild: Erwachsene lügen statistisch gesehen mehrmals pro Tag. Hinzu kommt, was man bei der Erziehung auch oft vergisst: Lügen ist nicht immer schlecht. Schließlich wird nicht nur aus Selbstnutz gelogen. Es gibt auch die sogenannte prosoziale Lüge – die Notlüge. Sie äußert sich gerade in der Weihnachtszeit häufig in dem Satz: „Doch, doch, das Geschenk gefällt mir wirklich gut!“ Beliebt ist auch: „Du siehst in dem Kleid toll aus, es ist dir gar nicht zu eng.“ Diese kleine Unwahrheit soll bewirken, dass sich das Gegenüber gut fühlt.

Es zeigt sich: Was Wahrheit, echte Lüge und eben Notlüge ist, ist schon für Erwachsene schwer zu durchschauen. Für Kinder ist diese Welt der Lügen ein fast undurchdringlicher Wirrwarr. „Die meisten Eltern reden nicht mit ihren Kindern darüber, wann eine Lüge gut oder schlecht ist“, sagt auch Angela Evans, Direktorin des Social-Cognitive Development Lab der Brock University in Kanada. „Es heißt: Sag immer die Wahrheit.“ Doch wenig später wird das Kind dazu gedrängt, so zu tun, als ob ihm das Geschenk etwa von Oma gefällt. „So senden wir aber widersprüchliche Botschaften“, sagt Evans.

Daher sei es viel besser, wenn die Eltern von Anfang an erklären, wann man lügen darf und wann nicht. Und damit sollten sie relativ früh beginnen, denn Kinder lernen schon in sehr jungen Jahren von ganz alleine, es mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen. Das zeigt die Lügenforschung mit einem Experiment, das sich „temptation resistance paradigm“ nennt. Dabei geht es darum, einer Versuchung zu widerstehen.

So soll ein Kind beispielsweise raten, was für ein Spielzeug sich in einer Kiste befindet. Unter einem Vorwand verlässt der Forscher den Raum und bittet das Kind, nicht in die Kiste zu schauen. Danach fragt er, ob es sich an die Anweisung gehalten hat. Dabei fanden Evans und ihr früherer Mentor Kang Lee von der University of Toronto in Kanada heraus: Das Lügen beginnt in einem Alter zwischen zwei und drei Jahren. So gaben die meisten Zweijährigen sofort ehrlich zu, dass sie sich nicht an die Anweisung des Forschers gehalten haben und sehr wohl in die Kiste geschaut haben. Mit drei Jahren erzählten die Kinder schon mehr Lügen, aber wenn der Forscher nachhakte, konnten sie die Illusion nicht aufrechterhalten.

Psychologisch gesehen erfordert das Lügen die menschliche Gabe, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit, auch Theory of Mind genannt, entwickelt sich über die Jahre immer mehr, so dass Kinder mit steigendem Alter bessere Lügner werden. Gleichzeitig müssen sie zudem lernen, ihren Gesichtsausdruck und die gesamte Körpersprache so zu beherrschen, dass man ihnen die Lüge nicht ansieht. Anfangs gelingt es ihnen nicht: Das erkennen Eltern oft daran, dass die Kinder bei einer Lüge zum Beispiel grinsen müssen. Doch Übung macht den Meister: Schon Achtjährige können so gut lügen, dass niemand es sieht.

Die positive Seite des Lügens ist, dass Selbstkontrolle und das Hineinversetzen in andere Menschen für die soziale Entwicklung wichtig sind. Das Fehlen solcher Fähigkeiten ist unter Umständen ein Anzeichen für psychische Erkrankungen wie beispielsweise Autismus oder die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, auch ADHS genannt.

Doch wie lernt das Kind, dass manchmal eine Notlüge angebracht ist? Das ist tatsächlich nicht so einfach. Denn bei prosozialem Lügen gibt es je nach Kultur unterschiedliche Regeln. „In Kanada sind Lügen, welche die Gefühle anderer schützen, von der Gesellschaft akzeptiert und werden relativ häufig genutzt“, sagt Angela Evans. „In China hingegen lügt man eher, um die Gemeinschaft oder eine Gruppe zu schützen.“ Prosoziale Lügen tauchen daher insgesamt erst später in der Entwicklung auf, etwa im Alter von fünf Jahren, denn die Kinder benötigen Zeit, um die sozialen Normen der jeweiligen Gesellschaft, in der sie aufwachsen, erst einmal zu erkennen.

Und wie bringt man Kindern bei, wann sie unbedingt die Wahrheit sagen müssen? Dazu spielt Evans ein mögliches Szenario durch: Ein Kind lügt seine Eltern an, sie finden die Wahrheit heraus. Das Kind gesteht daraufhin seinen Fehltritt – und wird bestraft. Entweder für das ursprüngliche Vergehen oder für die anschließende Lüge.

Das Fazit der Expertin: Damit sorgen die Eltern dafür, dass das Kind beim nächsten Mal wieder lügt, denn es lernt, dass auch die Wahrheit nicht hilft. Und je mehr es lügt, umso besser wird es auch. „Es ist daher besser, das Kind dafür zu loben, wenn es die Wahrheit sagt“, sagt die Psychologin Evans. Selbst wenn es zunächst gelogen hat und erst beim zweiten oder dritten Mal ehrlich antwortet, solle man dem Kind dafür danken und von einer Strafe absehen. Bei schlimmeren Vergehen, die Konsequenzen haben müssten, könne man das Strafmaß verringern und das dem Kind sagen. Es zeigt sich aber: Verhindern kann man das Lügen bei Kindern nicht.

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Erstellt:
14. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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