Agenda 2035

Wie Sozialforscher das marode Sozialsystem umbauen würden

Um den Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge langfristig zu bremsen, plädieren Forscher für umfassende Reformen im Gesundheits-, Pflege- und Rentensystem.

Wenn der Sozialstaat nicht grundlegend reformiert wird, kommt es in nicht allzu ferner Zukunft zu einem finanziellen Kollaps.

© Imago/Steinach

Wenn der Sozialstaat nicht grundlegend reformiert wird, kommt es in nicht allzu ferner Zukunft zu einem finanziellen Kollaps.

Von Markus Brauer

Bislang galt ein breiter gesellschaftlicher Konsens, dass die Summe der Sozialversicherungsbeiträge die 40-Prozent-Grenze nicht überschreiten sollte. Aktuell liegt sie jedoch bei etwa 43 Prozent und wird laut Prognosen bis 2035 auf rund 50 Prozent steigen, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Warnung vor steigenden Lohnnebenkosten

„Ein solcher Anstieg hätte gravierende Folgen für Beschäftigte und Unternehmen“, warnt Nicolas Ziebarth, Leiter des ZEW (Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) -Forschungsbereichs „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“.

„Steigende Abgaben belasten die Nettoeinkommen, verringern die Arbeitsanreize und erhöhen die Lohnkosten. Studien zeigen, dass bereits ein zusätzlicher Beitragssatzpunkt bis zu 100.000 Arbeitsplätze kosten könnte. Deshalb ist es dringend notwendig, rechtzeitig gegenzusteuern.“

Die „Agenda 2035“ ist ein Reformvorschlag auf wissenschaftlicher Basis. Er fußt auf dem aktuellen Forschungsstand in den Bereichen Gesundheits-, Pflege- und Rentenversicherung. Ziebarth richtet sich damit explizit an die politische Entscheidungsebene und fordert eine vorausschauende Gestaltung der Sozialsysteme.

Gesundheitssystem: Eigenverantwortung stärken, Versorgung steuern

Hausarztzentrierte Versorgung: Ein zentraler Baustein der Agenda ist die Stärkung der hausarztzentrierten Versorgung. Ziebarth schlägt vor, dass Versicherte bei einem Facharztbesuch ohne vorherige Überweisung durch den Hausarzt einen signifikanten Eigenanteil zahlen – beispielsweise pauschal 200 Euro oder 25 Prozent der Rechnungssumme. Damit solle der unnötige Zugriff auf spezialisierte Leistungen gebremst und die Rolle des Hausarztes als „Gatekeeper“ gestärkt werden.

Bonus-Malus-System: Präventive Leistungen wie Grippeimpfungen oder Vorsorgeuntersuchungen sollten mit finanziellen Anreizen belohnt werden. Bei medizinisch fragwürdigen Eingriffen, etwa vielen Rückenoperationen ohne klaren Nutzen, hingegen sollten höhere Zuzahlungen gelten. Ergänzend könnten höhere Steuern auf Tabak, Alkohol und Zucker gesundheitsschädliches Verhalten wirksamer abschrecken.

Digitale Sprechstunden: Um die Versorgung auch in ländlichen Regionen sicherzustellen, schlägt Ziebarth Maßnahmen wie die Ausweitung digitaler Sprechstunden, erweiterte Kompetenzen für Apotheker sowie verbesserte Allokationsmechanismen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen vor.

Pflege: Technologie nutzen, Finanzierung überdenken

Einsatz neuer Technologien: Im Pflegebereich sieht Ziebarth weniger Spielraum für direkte Kostensenkungen. „Die Pflege ist hochgradig arbeitsintensiv. Um die Qualität zu sichern und den Beruf attraktiv zu halten, muss die Bezahlung angemessen sein“, betont er. Dennoch bestehe erhebliches Potenzial durch den Einsatz neuer Technologien wie Robotik oder Künstliche Intelligenz, die Produktivität steigern und Pflegekräfte entlasten könnten.

Rahmenbedingungen: Die Politik sollte daher rechtliche und ethische Rahmenbedingungen schaffen, die eine sichere und verantwortungsvolle Nutzung dieser Technologien ermöglichen.

Debatte: Zudem regt Ziebarth eine gesellschaftliche Debatte über die Finanzierung der Pflege an: Sollten private Vermögen stärker herangezogen werden? Oder wäre eine moderate Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Begrenzung der Eigenanteile eine sinnvolle Option?

Rente: Flexibles Alter, faire Berücksichtigung schwerer Berufe

Regelaltersgrenze: Für die gesetzliche Rentenversicherung plädiert Ziebarth für eine Anpassung der Regelaltersgrenze an die steigende Lebenserwartung. Ein Ansatz, der auch von vielen Ökonomen unterstützt wird.

Berufsgruppenrente: Ergänzend schlägt er die Einführung einer Berufsgruppenrente vor, die Menschen in körperlich anspruchsvollen Berufen einen früheren, sozial abgesicherten Ausstieg ermöglicht. Diese könnte an die bestehende Grundrente angelehnt werden und faire Ausgleichsmöglichkeiten schaffen.

„Die Agenda 2010 hat gezeigt, dass tiefgreifende Reformen möglich sind, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte zusammenarbeiten“, resümiert Ziebarth. „Die heutige Situation erfordert ähnlichen Mut – aber diesmal mit Blick auf die Herausforderungen von 2035.“

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Erstellt:
26. Februar 2026, 11:36 Uhr

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