Wie viel Neues verträgt das Straßenfest?

Das Backnanger Straßenfest lebt von seiner Tradition: Vieles ist heute noch ganz ähnlich wie bei der Premiere vor 50 Jahren. Ab 2022 soll sich ein neues Eventteam um die Organisation kümmern. Das wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt für Reformen.

Das Riesenrad ist seit 50 Jahren das Wahrzeichen des Straßenfests und wird es auch bleiben. Kleinere Veränderungen am bisherigen Konzept sind aber möglich. Archivfoto: E. Layher

© Edgar Layher

Das Riesenrad ist seit 50 Jahren das Wahrzeichen des Straßenfests und wird es auch bleiben. Kleinere Veränderungen am bisherigen Konzept sind aber möglich. Archivfoto: E. Layher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Eigentlich wäre heute die ganze Stadt auf den Beinen: Schon mittags würden die Ersten in den Karussells auf der Bleichwiese ihre Runden drehen, am Nachmittag wäre der Marktplatz voll mit stolzen Eltern und Großeltern, die die Auftritte der Kinder mit ihren Musik- und Tanzgruppen beklatschen, und abends würden sich die Plätze der Stadt in Partyzonen verwandeln. Dass das Straßenfest nun schon zum zweiten Mal ausfallen muss, schmerzt viele Backnanger sehr. Denn es gibt wohl wenige Städte, in denen ein Fest für die Bevölkerung eine derart hohe Bedeutung hat.

„Das Straßenfest ist für die Menschen in Backnang eine heilige Kuh“, weiß auch Johannes Ellrott. Der Kulturamtsleiter ist erst Anfang des Jahres von Kornwestheim nach Backnang gewechselt und gibt kleinlaut zu, dass er das Straßenfest noch nie besucht hat. Gleichwohl steht er nun in der Verantwortung, die zweimal verschobene 50. Auflage auf die Beine zu stellen. Genau ein Jahr bleibt ihm dafür noch Zeit. Denn ausgerechnet zum Jubiläum wird die Organisation auf neue Füße gestellt – gezwungenermaßen, weil der langjährige Organisationschef Jürgen M. Häfner im Dezember verstorben ist.

Der Gemeinderat hat daraufhin beschlossen, dass die Stadt das Fest künftig wieder in Eigenregie organisieren soll. Im Kultur- und Sportamt wird dafür ein neues Eventteam aufgebaut (wir berichteten). Zwei neue Stellen hat die Stadt kürzlich ausgeschrieben und das Interesse daran ist groß: „Wir haben eine Vielzahl an tollen Bewerbungen bekommen“, verrät Ellrott. Dass die Veranstaltungsbranche wegen Corona zurzeit in der Krise steckt, spielt der Stadt dabei in die Karten. Ellrott ist deshalb überzeugt davon, „dass es uns gelingen wird, ein hoch qualifiziertes Team zusammenzustellen“. Neben zwei Eventmanagern sucht er dafür auch noch einen jungen Menschen für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Kulturbereich.

Ellrott selbst hat schon einiges an Vorarbeit geleistet und unter anderem versucht, Kontakt zu Häfners früheren Vertragspartnern aufzunehmen. Einige davon hätten bereits zugesagt, auch unter neuer Leitung beim Straßenfest mitzumachen. Auch Bands, die gerne wieder in Backnang spielen würden, hätten sich schon bei ihm gemeldet, erzählt der Kulturamtsleiter. Allerdings wird das städtische Eventteam wohl nicht das Ziel verfolgen, alles genau gleich zu machen wie Jürgen M. Häfner. „Der Grundcharakter des Fests soll bestehen bleiben, aber es gibt schon gewisse Stellschrauben, an denen wir drehen wollen“, sagt Ellrott. Er selbst habe auch schon ein paar Ideen für das Fest. Welche das sind, will der Kulturamtsleiter allerdings noch nicht verraten. Wohl auch deshalb, weil die Entscheidung über die künftige Ausrichtung letztlich nicht er, sondern der Gemeinderat beziehungsweise dessen „Arbeitsausschuss Straßenfest“ trifft.

Dass auch die Backnanger bei aller Liebe zum Straßenfest Reformbedarf sehen, zeigt eine Online-Umfrage unserer Zeitung. „Wie soll das Straßenfest künftig aussehen?“, hatten wir Anfang Mai auf unserer Website gefragt. 690 Leserinnen und Leser stimmten ab und nur 9 Prozent antworteten „Alles soll so bleiben, wie es ist“. 21 Prozent wünschten sich „ein paar neue Ideen“, eine deutliche Mehrheit von 70 Prozent stimmte für die Aussage „Zurück zu den Wurzeln und weniger Kommerz“.

Solche Stimmen bekommen auch die Mitglieder des Straßenfest-Ausschusses immer wieder zu hören. „Früher war es ein lokales Fest für die Backnanger“, sagt Stadtrat Karl Scheib (Bürgerforum/FDP/ BIG). Mittlerweile ziehe das Fest aber immer mehr Auswärtige an, die in Backnang „Grölpartys“ feiern wollten. Er selbst meide das Straßenfest deshalb mittlerweile am Freitag- und Samstagabend: „Ich hasse das Gedränge und finde es auch nicht mehr zeitgemäß.“

Auch der Ruf, die örtlichen Vereine wieder stärker einzubinden, ist immer wieder zu hören. Zuletzt dominierten auf dem Straßenfest vor allem gewerbliche Standbetreiber das Bild. Sabine Kutteroff, die für die CDU im Ausschuss sitzt, kann diesen Wunsch gut nachvollziehen: „Die Frage ist nur, ob wir es auch hinbekommen.“ Denn um einen Stand vier Tage lang komplett mit ehrenamtlichen Kräften zu betreiben, brauche man mehr Helfer, als die meisten Vereine zur Verfügung hätten. Siglinde Lohrmann (SPD) schlägt deshalb vor, dass sich mehrere Vereine einen Stand teilen. Die Stadt könnte diese Stände organisieren und dann tageweise verschiedenen Vereinen überlassen. Grünen-Stadtrat Willy Lachenmaier sieht auch den Müll auf dem Straßenfest weiterhin als großes Problem. Die Vorgabe, auf Plastik und Einweggeschirr zu verzichten, werde noch nicht konsequent genug umgesetzt. Auch beim Musikprogramm wünscht sich der 28-Jährige neue Impulse: „In Backnang gibt es eine große Szene für elektronische Musik, die sollte auch auf dem Straßenfest ihren Raum bekommen.“

Einig sind sich die Ausschussmitglieder darin, dass das viertägige Fest keine Radikalkur braucht: „Ich würde das Meiste so lassen“, sagt Sabine Kutteroff. Schließlich lebt das Straßenfest auch davon, dass sich bestimmte Gruppen Jahr für Jahr an denselben Plätzen und Ständen treffen. Auch Siglinde Lohrmann, die sich selbst als „Straßenfest-Fan“ bezeichnet, warnt vor zu viel Veränderung: „Das kann auch in die Hose gehen.“

Die Botschaft sei bei ihm angekommen, versichert Johannes Ellrott: „Es ist nicht mein Ansinnen, komplett neue Wege zu gehen.“ Allerdings weist er darauf hin, dass heute noch keiner weiß, wann ein Straßenfest in seiner gewohnten Form wieder möglich sein wird. Für den Fall, dass Corona auch in einem Jahr noch Thema ist, will er mit seinem Team deshalb auch einen Plan B entwickeln.

Wie viel Neues verträgt das Straßenfest?

© Alexander Becher

„Das Straßenfest
ist für die Menschen
in Backnang

eine heilige Kuh.“

Johannes Ellrott

Kulturamtsleiter

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Erstellt:
26. Juni 2021, 06:00 Uhr

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