Wilde Blaubeeren frisch aus dem Wald
Im Welzheimer Wald wachsen wilde Heidelbeeren. Erntereif sind sie nur wenige Wochen, darum macht sich ein kleiner Kreis Frauen aus der Umgebung in dieser Zeit oft auf den Weg, um in mühsamer Kleinstarbeit die süßen Früchtchen zu pflücken.
© Alexander Becher
Im Welzheimer Wald sind die Früchte kleiner, als man sie aus dem Supermarkt kennt.
Von Carolin Aichholz
Althütte. Leises Vogelzwitschern, morgendliches Sonnenlicht scheint vorsichtig zwischen den Baumstämmen durch und ansonsten herrliche Ruhe: Das liebt die Frauengruppe um Gisela Falk, die sich seit vielen Jahren meist Mitte Juni aufmacht, um im Welzheimer Wald Heidelbeeren zu sammeln. Manchmal zusammen, oft aber auch allein finden die Frauen zielstrebig den besten Ort, an dem die kleinen Beerchen gepflückt werden können. „Die Stelle ist nicht weit weg vom Waldweg, also aufmerksame Spaziergänger oder Radfahrer finden sie auch, wenn sie die Augen offen halten“, erklärt Gisela Falk.
Ihr selbst wurde der Platz vor 16 Jahren im Frauenkreis verraten. „Es gilt aber das ungeschriebene Gesetz, dass man den genauen Ort nicht weitersagen darf“, sagt Gisela Falk und hütet das Geheimnis auch weiterhin wie ihren Augapfel. Schon seit etwa zwei Wochen ist sie immer wieder im Wald unterwegs, in diesem Jahr sind die Bedingungen für die Heidelbeeren fast perfekt, wie Falk verrät. „Während des Wachstums haben die Beeren viel Regen abbekommen und sind etwas größer als sonst geworden.“
Der frühe Vogel findet die Heidelbeeren
In dem großen Gebiet sucht sie ihre Beeren meist schon frühmorgens, oft gegen 7 Uhr und noch vor dem Frühstück. „Da sind die Temperaturen noch angenehm und die Insekten fliegen noch nicht“, sagt Falk. Das Pflücken ist ein echter Knochenjob. Die Sträucher mit den winzigen Beeren bedecken den Waldboden, um sie zu sammeln, muss man sich dauerhaft bücken. Das hält die Rentnerin jedoch nicht davon ab, sooft sie Zeit findet in den Wald zu fahren und Beeren zu pflücken.
Die Frauen kennen das Beerenpflücken noch aus ihrer Kindheit. „Damals sind wir nach der Schule in den Wald gegangen und haben so viel gepflückt, wie wir nur konnten“, berichtet Marianne Bauer aus Althütte. „Wenn unsere Mutter genug Beeren hatte, haben wir die übrigen für ein paar Pfennig verkauft und uns so das Taschengeld aufgebessert.“ Und so pflücken die Frauen auch über 60 Jahre später noch ihre Beeren und verarbeiten sie zu Marmeladen, Kuchen oder essen sie einfach so.
© Alexander Becher
Marianne Bauer pflückt seit über 60 Jahren Waldheidelbeeren.
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Hüten muss man sich laut den Expertinnen im Wald vor Zecken und Stechmücken. Bei Früchten in Bodennähe hält sich zudem der hartnäckige Mythos von Infektionen mit dem Fuchsbandwurm (siehe Infotext). „Aber das Leben ist oft lebensgefährlich“, fasst Marianne Bauer die Risiken zusammen und pflückt weiter die blauen Beerchen.
Schon der Geschmack überzeugt den Sammeltrupp und treibt ihn jedes Jahr wieder in den Wald. „Sie sind zwar kleiner, schmecken aber einfach besser als Kulturheidelbeeren“, findet Gisela Falk. Für Marianne Bauer überwiegt inzwischen auch der ökologische Aspekt. „Im Supermarkt finden wir Beeren, die nach langen Transportwegen und unter einem immensen Einsatz von Wasser, Dünge- und Spritzmitteln angebaut werden. Und hier haben wir einfach wild wachsende Früchte, natürlicher geht es doch gar nicht“, betont die Seniorin.
Nach eineinhalb Stunden genug Beeren für einen Kuchen
Beim Pflücken hat jede Frau ihre eigene Technik, Marianne Bauer klemmt sich einen Messbecher an den Gürtel, denn: „Ich brauche beide Hände, um die Sträucher auch mal umzubiegen.“ Und Gisela Falk verrät: „Unter dem Strauch sind oft die größten und schönsten Beeren.“ Trotzdem pflückt sie lieber einhändig und hält ihren Becher in der anderen Hand. Nach eineinhalb Stunden hat sie so genug Beeren für einen Kuchen zusammen. „Das dauert seine Zeit und ist wirklich viel Arbeit, aber es lohnt sich auch“, findet Falk. Vorsicht gilt nur bei empfindlichen Klamotten: Die Beeren hinterlassen blaulila Flecken an den Händen und eventuell auch an der Kleidung.
Manchmal bringen die Frauen zum Pflücken auch ihre Kinder und Enkel mit. „Aber die zeigen weniger Interesse und Ausdauer beim Pflücken als wir“, sagt Traude Schäfer und lacht. Als größten Gewinn bezeichnet das Trio aber die Zeit, die sie in der Natur verbringen. „Die frische Luft und die Ruhe im Wald tun mir einfach gut und haben mir auch früher immer schon gutgetan“, sagt Marianne Bauer. „Und oft sind wir hier ganz allein unterwegs. Das ist quasi unser Waldbaden.“ Mit dem Bonus der frischesten Heidelbeeren in ganz Althütte.
Das ist erlaubt Wild wachsende Pilze, Beeren und Früchte dürfen gesammelt werden. Allerdings nur dort, wo der Wald auch betreten werden darf, und nur in kleinen Mengen für den persönlichen Bedarf. Diese „geringe Menge“ wird bei Blumen und Kräutern oft als „Handstraußregel“ ausgelegt — ein Strauß, der von Zeigefinger und Daumen umschlossen werden kann. Bei Beeren entspricht dies einer gefüllten kleinen Schüssel.
Das ist verboten In Naturschutzgebieten, Schonungen und so weiter dürfen keine Früchte gesammelt werden. Beim Sammeln oder Pflücken dürfen die Pflanzen nicht beschädigt werden, sonst droht ein Bußgeld.
Der Fuchsbandwurm Der nur wenige Millimeter lange Parasit setzt sich in der Leber fest und bildet über Jahre hinweg tumorartige Wucherungen, welche das Organ zerstören. Spürbare Symptome merken Betroffene oft erst nach zehn oder mehr Jahren, darum ist meist nicht mehr nachvollziehbar, wo man sich mit dem Erreger infiziert hat. Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass die immer noch seltenen (vom Blitz getroffen zu werden, ist wahrscheinlicher), aber dennoch steigenden Fälle eher durch Kontakt mit infizierten Wildtieren, eingeatmetem Staub in der Landwirtschaft sowie Haustieren, die nicht regelmäßig entwurmt werden, zustande kommen. Fressen Hunde oder Katzen infizierte Kleinnager, kann die Infektion durch Streicheln auf den Besitzer übertragen werden.
