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„Wir brauchen dringend die Agrarwende“

Das Interview: Regisseur Bertram Verhaag spricht über seinen neuen Film, Gentechnik und ökologische Landwirtschaft

Im Rahmen der Aktionswoche Klimaschutz zeigt der Verein Gentechnik- und pestizidfreie Landkreise LB/Rems-Murr heute Abend den neuen Kinofilm „Aus Liebe zum Überleben“ im Kino Universum in Backnang. Regisseur Bertram Verhaag gehört zu den bekanntesten Dokumentarfilmern Deutschlands und wird bei der Vorführung anwesend sein. Wir haben mit ihm gesprochen.

Kühe mit Hörnern sind glücklicher und geben bessere Milch, davon ist Martin Bienerth überzeugt. Der Schweizer betreibt eine Sennerei und ist einer der Protagonisten in Bertram Verhaags Film „Aus Liebe zum Überleben“, der heute Abend im Kino Universum gezeigt wird. Foto: Filmverleih

Kühe mit Hörnern sind glücklicher und geben bessere Milch, davon ist Martin Bienerth überzeugt. Der Schweizer betreibt eine Sennerei und ist einer der Protagonisten in Bertram Verhaags Film „Aus Liebe zum Überleben“, der heute Abend im Kino Universum gezeigt wird. Foto: Filmverleih

Von Silke Latzel

Herr Verhaag, Sie sind heute Abend um 19.45 Uhr mit Ihrem Film „Aus Liebe zum Überleben“ im Universum-Kino in Backnang. Worum geht es in diesem Film?

Es geht um acht Landwirte, die ich im Laufe der vergangenen 15 Jahre getroffen habe, und die außergewöhnliche Dinge tun. Sie übernehmen die Verantwortung für ihre Arbeit, das heißt, sie arbeiten mit entsprechender Ehrfurcht und in gutem Umgang mit dem Boden – und im Endeffekt erzeugen sie verantwortungsvoll produzierte, gute, heilende Lebensmittel.

Viele Ihrer Filme haben Gentechnik, aber auch die ökologische Landwirtschaft zum Thema. Woher kommt das Interesse an diesem Gebiet?

Es ist jetzt nicht unbedingt der ursprüngliche Grund, aber ich bin die ersten fünf Jahre meines Lebens auf einem Bauernhof aufgewachsen. Und das war ein vielfältiger, biodiverser Bauernhof mit allem, was dazugehört – vom Hund angefangen über Pferde, Hühner, Schweine und Rinder natürlich. Und dort habe ich als Kind leben und diese Tiere auch erleben können. Danach habe ich so ein bisschen die Verbindung zum Land verloren. Sie ist erst wiedergekommen durch die Gentechnik.

Inwiefern?

Ich war empört darüber, wie die Industrie unser Saatgut, das Urkorn des Lebens, einfach steril machen will und das Ziel hat, dass die Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Und ich als Konsument soll das dann essen. Und wenn es nach dem Willen der Industrie geht, soll es langfristig nichts anderes mehr geben. Das hat mich wieder sehr an meine Kindheit erinnert und ich habe einerseits aus diesem Grund angefangen, mich filmisch damit auseinanderzusetzen. Anderseits aber natürlich auch durch die Wut darüber, wie die Industrie, ohne uns zu fragen, unsere Lebensmittel verändert, im Grunde sogar vergiftet und verdirbt. Und die ganzen heilenden Kräfte, die in diesen Lebensmitteln stecken und die sie ja auch haben sollen, damit wir von ihnen leben können, werden einfach von der Industrie abgestellt und bekämpft.

Und dann haben Sie angefangen, Filme über diese Themen zu drehen...

Ja. Diese Wut und die Erinnerung an meine Kindheit haben mich beflügelt, gegen die Gentechnik zunächst zehn Filme zu machen. Und während dieser Zeit habe ich bemerkt, dass es schwer ist, permanent über zwölf Jahre mit dieser dunklen Energie der Gentechnik zu leben und sich ständig mit so etwas Negativem zu beschäftigen. Deshalb habe ich dann angefangen, Filme über gute, nachhaltige Landwirtschaft zu machen, um ein Gegengewicht zu setzen, auch für mich persönlich und gefühlsmäßig.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, wie Gentechnik die Nahrungsmittelproduktion verändert hat?

Nehmen wir Indien. Dort gab es früher in jedem Dorf eine kleine Saatgutbank, da wurde das Saatgut fürs nächste Jahr aufbewahrt. Dann kam die Industrie in den 60er-Jahren und hat versucht, den Bauern dort ihr sogenanntes neues und besseres Saatgut unterzuschieben. Die Menschen haben ihnen geglaubt und ihr ursprüngliches Saatgut nicht mehr zur Aufzucht neuer Pflanzen verwendet, sondern gegessen, um Platz zu schaffen für das neue Saatgut. Das neue Saatgut ist aber Hybridsaatgut, das ist nur einmal keimfähig und beim zweiten Mal hat es einen sehr viel geringeren Ertrag. Und damit waren die Bauern gezwungen, sich immer wieder neues Saatgut zu kaufen, um wirklich wieder eine volle Ernte haben zu können.

Beim Stichwort Saatgutveränderung und Hybridsaatgut fällt einem ja sofort der amerikanische Konzern Monsanto ein, der ja nicht gerade glücklich darüber ist, wenn Menschen diese Praxis hinterfragen. Hat Monsanto denn auf Ihre Filme reagiert?

Als ich meinen ersten längeren Film gegen die Gentechnik gemacht habe, ist Monsanto nach der Ausstrahlung aufmerksam geworden und hat versucht, eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Dabei haben sie eine paar lächerliche Gründe angeführt und es wurde vor Gericht verhandelt, aber dann relativ schnell aus der Welt geschafft. Und seitdem haben sie die Taktik eingeschlagen, mich überhaupt nicht mehr zu ihnen vorzulassen, also ich konnte ihnen keine Fragen mehr stellen. Da war ich aber ehrlich gesagt auch gar nicht so unglücklich drüber, denn ich wollte natürlich nicht meine Film- und Recherchezeit damit verschwenden, mir Argumente von Monsanto anzuhören.

Der Film, der heute Abend gezeigt wird, dreht sich um ökologischen Landbau. Jetzt hört man immer wieder Stimmen, die sagen, mit ökologischem Landbau würde man die wachsende Erdbevölkerung niemals komplett satt bekommen. Was sagen Sie dazu?

Natürlich können wir mit ökologischem Landbau die Welt ernähren. Das ist vielfach bewiesen. Wir sind betrogen und belogen worden, wenn gesagt wird, nur mit der Gentechnik können wir die wachsende Erdbevölkerung ernähren. Das ist einfach nicht wahr. Allein wenn man sieht, welche Mengen von Nahrungsmitteln tagtäglich weggeworfen werden. Wir haben einfach nur ein Verteilproblem und nicht ein generelles Anbauproblem. Mit dem, was uns zur Verfügung steht, könnten wir leicht die Weltbevölkerung ernähren. Man muss es nur vernünftig machen.

Beim Thema Klimawandel fallen oft Begriffe wie Energiewende und Mobilitätswende. Brauchen wir denn auch eine Agrarwende?

Ja, die brauchen wir unbedingt und ganz dringend. Und wenn die Agrarwende in die richtige Richtung eintritt, dann könnte dadurch gewährleistet sein, dass keine Gifte mehr auf den Feldern verwendet werden, sondern man alles natürlich und nach alten Regeln machen kann. Das heißt nicht, dass ich jetzt da auf irgendwas Altem bestehen will, aber es gibt alte Regeln, die sich bewährt haben, zum Beispiel einen Fruchtwechsel zu machen. Dem Boden wird so die Gelegenheit gegeben, über bestimmte Pflanzen wie Leguminosen wieder Stickstoff aufzunehmen und dann für die nächste Ernte wieder abzugeben, statt einfach chemischen Stickstoff auf die Felder aufzubringen.

Müssen wir in diesem Zuge dann auch über Tierhaltung sprechen?

Natürlich. Man findet ja kaum Worte dafür, wenn man Bilder davon sieht, wie Tiere größtenteils gehalten, transportiert und behandelt werden. Da kommen einem ja die Tränen in die Augen. Das würde sich alles in einer Agrarwende natürlich auch ändern müssen. Es ist wichtig, dass Tiere tiergerecht gehalten werden, dass sie nicht auf Spaltenböden stehen, dass sie auf Stroh sein dürfen, dass sie spielen und rumlaufen können. Das wäre alles notwendig, wenn wir uns schon dazu entschließen, weiterhin Fleisch zu essen. Aber zur Agrarwende würde natürlich auch gehören, dass wir unseren Fleischkonsum einschränken, das heißt nicht mehr so viel Fleisch essen. Und nicht mehr so viel gentechnisch verändertes Soja aus Südamerika importieren, mit dem hier die Schweine gefüttert und hochgemästet werden.

Weitere Punkte, die sich ändern müssen?

Gülle. Es ist einfach eine schreckliche Geschichte, wie die Gülle zusammengemischt wird und auf die Felder kommt. Vor allem dann, wenn sie falsch oder zu einer falschen Zeit ausgebracht wird, ins Grundwasser gelangt oder in unsere Seen und Flüsse läuft. Auch durch Gülle wird im Grunde die Vielfalt auf unseren Wiesen kaputt gemacht. Aktuell hat man festgestellt, dass man Kuhurin und Kuhdung am besten nicht mischt und zu Gülle macht, sondern getrennt auf Wiesen aufbringt. Der Dung verwest, wird zu Kompost und im nächsten Jahr hat man wunderbare Humuserde. Das fördert das ganze Leben im Boden. Humus ist das Wertvollste, was wir überhaupt haben. Und die Regenwürmer im Boden sind ein Wundermittel, um Humus zu schaffen – und noch dazu kostenlos.

Welche Möglichkeiten hat der Verbraucher, um Einfluss zu nehmen?

Der Verbraucher hat eine gigantische Macht. Jeden Tag bei seinem Einkauf trifft er Entscheidungen. Und mit diesen Entscheidungen informiert er den Hersteller darüber, ob er ein bestimmtes Produkt will oder nicht. Und wenn eine bestimmte Sache liegen bleibt und nicht gekauft wird, dann ist der Produzent der Erste, der es aus den Regalen nimmt und durch etwas Neues ersetzt. Saisonal und regional einkaufen, das ist wichtig. Und es ist in jedem Fall einfach am besten, bio einzukaufen, selbst wenn man seine Skepsis gegenüber großen Bioanbietern hat, die für Discounter produziere. Je mehr wir alle bio einkaufen, desto mehr wird bio dann auch produziert werden, das ist ganz klar.

Zur Person
Bertram Verhaag
„Wir brauchen dringend die Agrarwende“

Bertram Verhaag ist ein deutscher Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen. Der 75-Jährige lebt und arbeitet in München.

Verhaag gehört zu den bekanntesten Dokumentar-Kinofilmmachern Deutschlands, der das Thema „Landwirtschaft, naturgerechtes Arbeiten, Landnutzung und Klimaschutz“ seit mehr als zwei Jahrzehnten auf die Leinwand bringt.

Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem „Environmental Film Award“ beim Santa Cruz Film Festival.

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Erstellt:
27. September 2019, 06:00 Uhr

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