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Wirtschaft im Kreis in tiefer Krise

IHK-Konjunkturbericht offenbart massiven Einbruch. Kaum Aussicht auf schnelle Besserung.

Präsident der IHK-Bezirkskammer Claus Paal  Archivfoto: B. Büttner

Präsident der IHK-Bezirkskammer Claus Paal Archivfoto: B. Büttner

WAIBLINGEN (pm). Die Geschäfte der regionalen Wirtschaft sind infolge der Coronapandemie massiv eingebrochen. Die Entwicklung nähert sich dem Tiefpunkt aus dem Frühsommer 2009 und ein rasches Ende ist für dieses Jahr nicht mehr in Sicht, so die Schlussfolgerungen aus der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage im Rems-Murr-Kreis. Mehr als zwei Drittel der Betriebe im Kreis sind mit ihrer aktuellen Geschäftslage unzufrieden. Die negativen Meldungen ziehen sich durch alle Branchen und spiegeln sich auch in den Erwartungen für die kommenden zwölf Monate wider. Die heimische Wirtschaft zeigt sich skeptisch im Hinblick auf eine rasche Erholung. Nur 18,3 Prozent rechnen mit einer Verbesserung der Geschäfte, 43,9 Prozent befürchten eine weitere Verschlechterung. Ihre aktuelle Geschäftslage bewerten nur knapp 20 Prozent aller befragten Unternehmen als „gut“, 34 Prozent als „befriedigend“ und 46 Prozent als „schlecht“.

„Die coronabedingte Talfahrt der Weltwirtschaft macht den exportstarken Unternehmen im Rems-Murr-Kreis schwer zu schaffen“, so der Präsident der IHK-Bezirkskammer Claus Paal. „Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen befürchten, dass sich die Exportchancen in den kommenden Monaten weiter eintrüben werden.“ Die düsteren Absatzaussichten bremsen folglich die Investitionspläne der Unternehmen. So plant nur noch gut ein Drittel der Betriebe mit Investitionen in der nächsten Zeit. Auch der private Konsum ist noch längst nicht auf Vorkrisenniveau, die Angst vor Einkommenseinbußen und Jobverlust dürften hier stark dämpfend wirken.

Dennoch erkennt Paal einen Hoffnungsschimmer für die zweite Jahreshälfte. „Vorausgesetzt uns zwingt keine zweite Coronawelle zu einem erneuten weitreichenden Shutdown, gehe ich von einer Wirtschaftserholung in der zweiten Jahreshälfte aus.“ Mit einer Rückkehr zur betrieblichen Normalität rechnet allerdings auch Paal frühestens im Laufe des nächsten Jahres.

Unsicherheit herrscht in den Unternehmen darüber, ob die konjunkturelle Talsohle bereits erreicht ist oder nicht. Dies hängt maßgeblich davon ab, wie sich die Gesundheitslage in Deutschland und weltweit in den kommenden Monaten entwickelt. „In den meisten Ländern Europas und weiten Teilen Asiens scheint die Pandemie langsam unter Kontrolle zu sein. In wichtigen Schwellenländern wie Brasilien und Indien sowie den Vereinigten Staaten hingegen konnte die Ausdehnung des Coronavirus bislang noch nicht aufgehalten werden. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die Exportwirtschaft“, erläutert IHK-Geschäftsführer Markus Beier die Befragungsergebnisse.

Wenigen Gewinnern der Krise stehen viele Verlierer gegenüber.

Deutlich gesunken seien deshalb auch die Exporterwartungen im Vergleich zur Umfrage am Jahresanfang. Von den exportierenden Unternehmen rechneten aktuell lediglich 21,9 Prozent mit einer steigenden Tendenz, so Beier.

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise machen sich auch auf dem regionalen Arbeitsmarkt bemerkbar. 40 Prozent der befragten Betriebe planen personelle Einsparungen vorzunehmen und den Personalbestand entsprechend der Wirtschaftslage anzupassen. 52 Prozent der Unternehmen zeigen sich derzeit entschlossen, ihre Stammbelegschaften so lange wie möglich zu halten. Hierzu wird zurzeit in erheblichem Umfang Kurzarbeit eingesetzt. Von den rund 140000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen im Rems-Murr-Kreis wurde für rund 64000 Kurzarbeit angemeldet.

Der Blick in einzelne Branchen zeigt darüber hinaus, dass die aktuelle Wirtschaftskrise wenige Gewinner und viele Verlierer zum Vorschein bringt. Sowohl die aktuelle als auch die künftige Geschäftslage in der Industrie wird derzeit sehr schlecht beurteilt. Nur noch magere 14 Prozent der Unternehmen bezeichnen ihre Geschäftslage als gut. Zuversicht gibt lediglich, dass immerhin 25 Prozent der Betriebe eine Verbesserung in den kommenden zwölf Monaten erwarten.

Die Lage im (Groß-)Handel stellt sich ebenfalls äußerst problematisch dar und ist noch schlechter als in der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise. Eine der wenigen Ausnahmen dürfte der Bausektor sein, doch auch hier drohen sinkende Einnahmen im öffentlichen und privaten Bereich zu einer Verlangsamung der allgemeinen Bau- und Renovierungstätigkeiten zu führen. „Wir appellieren deshalb an die Kommunen, jetzt nicht angesichts drohender Steuerrückgänge vorschnell auf die Investitionsbremse zu treten, sondern an ihren geplanten Investitionen festzuhalten. Alles andere würde die Krisenfolgen noch stärker auch in den Bausektor, aber auch ins Handwerk tragen. Bund und Land stellen den Kommunen in erheblichem Maße die finanziellen Mittel zur Verfügung, um die Einnahmeausfälle kurzfristig zu kompensieren“, so IHK-Präsident Paal.

Insgesamt schwer erwischt hat die aktuelle Wirtschaftskrise auch den stationären Einzelhandel. Die meisten Einzelhandelssparten mussten in den vergangenen Monaten ihre Ladengeschäfte für Wochen schließen, was vielen unwiederbringliche Umsatzverluste einbrachte, die auch nur begrenzt durch staatliche Förderhilfen aufzufangen sind. Lediglich Bau- und Gartenmärkte sowie Lebensmittelhändler erfreuten sich einer ungebrochenen Nachfrage und dürfen sich zu den Gewinnern zählen. Zuwächse und damit einen weiteren Schub erlebt derzeit auch der Online-Handel, wohingegen von den Betrieben im Dienstleistungssektor derzeit mehrheitlich negative Rückmeldungen zu vernehmen sind.

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Erstellt:
20. Juli 2020, 06:00 Uhr

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