Wo bald die EU-Flagge weht – oder eben auch nicht

Acker in Bayern wäre nach Austritt Großbritanniens Mittelpunkt der Europäischen Union – Bürgermeister lässt Brexit-Platz bauen und Fahnenmasten aufstellen

Gadheim (dpa). Wenn Großbritannien die Europäische Union verlässt, dann rückt ein Acker in Unterfranken buchstäblich ins Zentrum der EU. Denn mit dem Brexit verlagert sich der geografische Mittelpunkt der EU auf ein Feld in dem 80-Einwohner-Dorf Gadheim bei Würzburg. Bisher liegt er im Ort Westerngrund bei Aschaffenburg.

Drei Flaggenmasten ragen in Gadheim schon in den Himmel, aber bislang weht noch kein einziges Banner im Wind. Die Fahnen sind noch nicht einmal bestellt. Denn solange der Brexit ungewiss ist, so lange wollen sich auch die Gadheimer nicht festlegen.

Die Dorfbewohner hoffen zwar auf internationale Besucher, wenn es so weit ist. Die Vorbereitungen laufen aber so schleppend wie der Brexit selbst. Bisher haben sie nur einen kleinen Platz gepflastert und die Flaggenmasten aufgestellt. Sonst nichts. Blumen, Infotafeln, Flyer – vieles ist angedacht, aber zunächst auf Eis gelegt. „Es macht keinen Sinn zu planen, solange in London nichts offiziell feststeht“, sagt Bürgermeister Jürgen Götz (CSU).

Bisher führte Gadheim ein Schattendasein. Das Dorf gehört zum Würzburger Vorort Veitshöchheim. Und selbst den kennen wenige. Von Faschingsfreunden abgesehen, denn von dort wird jedes Jahr die „Fastnacht in Franken“ des Bayerischen Rundfunks übertragen. Doch mit den EU-Flaggen könnte es eine zweite Attraktion geben.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) habe schon zugesagt zu kommen, wenn es so weit ist, sagt Götz. Doch er betont das „Wenn“. Als Europäer würde er sich sogar freuen, wenn der Brexit flachfiele. „Wenn die Briten doch noch zur Einsicht kommen, machen wir aus dem Platz ein Mahnmal“, sagt er. Als Symbol dafür, dass die Fliehkräfte in der EU überhandnehmen könnten.

Berechnet wird der Mittelpunkt der EU vom Nationalen Geografischen Institut Frankreichs (IGN). Dafür wenden die Experten eine in den 1980er Jahren entwickelte Methode an, bei der anhand der EU-Grenzen der sogenannte Flächenschwerpunkt berechnet wird. Würde man die Konturen der Fläche auf eine Platte übertragen, sie aussägen und an einer Schnur aufhängen, wäre diese Platte im berechneten Mittelpunkt perfekt ausbalanciert.

Dass sich ein solcher EU-Mittelpunkt touristisch vermarkten lässt, wissen auch die Menschen im Ort Westerngrund bei Aschaffenburg. Denn dort – nur 70 Kilometer von Gadheim entfernt – befindet sich bislang der geografische Mittelpunkt. Westerngrund hat ihn sogar gleich zweimal zugesprochen bekommen: Erst 2013 durch den EU-Beitritt Kroatiens; und als kurz darauf die französische Insel Mayotte zur EU kam. Die Mitte der EU verschob sich nur um 500 Meter.

Auch Westerngrund ist an sich unscheinbar. Doch Hinweisschilder schmücken den Ort: Mittelpunkt der EU. Am besagten Punkt selbst wehen die Flaggen von Franken, Bayern, Deutschland und Europa. Der Spessartbund hat einen Wanderweg angelegt, Infotafeln über EU-Staaten säumen den Weg. „Unser Gästebuch zeigt, dass Menschen aus aller Welt zu uns kommen“, sagt Bürgermeisterin Brigitte Heim. Aus 40 Nationen mindestens.

Im hessischen Gelnhausen kennen die Bewohner den Trubel. EU-Mittelpunkt – das waren sie auch mal zwischen 2007 und 2013. Auch dort lag er auf einem Acker. Dann kam Kroatien, und der Titel verlagerte sich nach Westerngrund. EU-Brot, T-Shirts, ein Maskottchen, Feste, „Tanken im Mittelpunkt der EU“ – das alles gab es in Gelnhausen. Und es sei nett gewesen, berichten die Bewohner. Aber mehr nicht.

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Erstellt:
8. April 2019, 06:06 Uhr

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