Wo ein „greuslicher“ Entenwick herumgeistert

Sagenhaft Im Sachsenheimer Schloss soll der Legende nach ein Ex-Engel sein Unwesen getrieben haben

sachsenheim Wenn sich einer mit Gespenstern, Dämonen und sonstigen Spukgestalten auskennt, dann ist das Leander Petzold. Sein Leben lang hat der Professor für Volkskunde an verschiedenen Universitäten über die Erzählungen aus dem Reich des Übernatürlichen geforscht. „Der Tote als Gast“ oder „Dämonenfurcht und Gottvertrauen“ sind einschlägige Titel aus seiner Publikationsliste, gegenwärtig arbeitet er an einem dämonologischen Lexikon.

Für ihn ist die Sagenforschung nicht ein lediglich antiquarisches Sammeln der Vergangenheit, sondern hilft beim Verständnis der Gegenwart – gerade mit Blick auf Dämonen-Erzählungen: „Viele unserer alltäglichen Vorstellungen resultieren daraus. Der Glaube an Dämonen trägt zum Verständnis dieser Welt bei, er erklärt die Welt und macht menschliche Erfahrungen verstehbar.“

Der Dämonenglaube hat zum Beispiel gewaltige Umbrüche wie einen Untergang erklärt – etwa den einer bedeutenden Familie oder eines bedeutenden Baus. Beides ereignete sich in Sachsenheim. Das Renaissanceschloss dort ist der Nachfolgebau der Burg der Herren von Sachsenheim. Im Jahr 1542 brannte diese ab, im Jahr 1560 starb der letzte Sachsenheimer aus – das Haus Württemberg übernahm Herrschaft und Immobilie.

Ein ziemlich schiaches (wie der Österreicher sagen würde) Wesen soll dafür verantwortlich sein, sein Name wird mit Entenwick oder Klopferle angegeben. Die Chronik der Grafen von Zimmern, geschrieben parallel zum Untergang der Sachsenheim-Herren, hat die Entenwick-Version überliefert. Dieses Wesen war demnach ein vom Himmel verstoßener Engel, der sich heimlich hinter einem Ritter auf das Pferd gesetzt hatte und so ins Sachsenheimer Schloss gekommen war.

Dort machte er sich sehr nützlich, wie der Zimmern-Chronist protokollierte: „Was im schloß zu thuon gewest, das hat er ganz willigclichen, so im das befolchen worden, verricht.“ Deshalb ließ sich später August Kopisch, der Dichter der „Kölner Heinzelmännchen“, von ihm inspirieren. Denn wie seine späteren Kölner Nachfahren blieb der Entenwick bei seinen Diensten unsichtbar – was den Burgherrn einmal zu der Aufforderung veranlasste, er soll sich doch einmal zeigen. Davon riet der Entenwick dringend ab, wegen seinem „greusenlichen, erschrockenlichen Ansehen“.

Als der Sachsenheimer, der im Bett lag, aber beharrlich blieb, schob der Geist einen Arm durch das Kissen. Mit ganz spitzen Fingern, alles in ekligen Blut-und-Eiter-Farben schillernd, so dass es den Burgherrn schauderte: „Er hab all sein Tag ellender und greuslicher Anblick nie gesehen.“

Der Entenwick fühlte sich wohl in Sachsenheim und versprach, das Glück des Hauses zu mehren, solange er dort lebe. War eigentlich ein guter Deal, denn als Ex-Engel hatte er ja die Ewigkeit in der Tasche.

Und so würden die Sachsenheimer noch heute fleißig Abgaben kassieren oder was man als Feudalherr sonst noch für Lustbarkeiten hatte – wenn nicht seine Freunde ihm geraten hätten, den Geist zu vertreiben. „Gar nahe wider seinen willen“ tat der Sachsenheimer es – und prompt ist das Schloss „uf den grund ußbronnen“ und das „uralt geschlecht in wenigen jaren abgestorben“. Eine andere Version, in der der Geist Klopferle heißt, weiß von einem Zechgelage, in dem der Sachsenheimer seinen unsichtbaren Helfer seinen Kumpels vorführen wollte. Trotz Warnungen bestand er darauf – und ein rot gekleidetes Männchen erschien mit Donner und Blitz. Und der entzündete das Holz des Saales, so dass das ganze Schloss abbrannte. Heute wird der Nachfolgebau als Rathaus genutzt. Zumindest mit den Abgaben ist also Kontinuität gewahrt . . .

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Erstellt:
11. Januar 2019, 03:14 Uhr

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