„Wunderbare Strecke, tolle Sprünge“

Die Besucher des Großerlacher Bikeparks sind am ersten offiziellen Betriebstag begeistert. Schon am frühen Morgen herrscht reger Betrieb am Lift des einstigen Skihangs. Viele Mountainbiker nehmen lange Anfahrtswege für den Downhillkick auf sich.

Rasante Abfahrten sind auf der gut präparierten Strecke möglich. Die Nutzer können wählen, welche Route sie fahren möchten, je nach Können und Mut. Schutzausrüstung ist jedenfalls kein Fehler.

© Alexander Becher

Rasante Abfahrten sind auf der gut präparierten Strecke möglich. Die Nutzer können wählen, welche Route sie fahren möchten, je nach Können und Mut. Schutzausrüstung ist jedenfalls kein Fehler.

Von Wolfgang Gleich

GROSSERLACH. Ganz offensichtlich hatte es sich in der gut vernetzten Mountainbiker-Community herumgesprochen, dass für sie am Samstag in Großerlach im Freizeitpark ordentlich was geboten würde. Wie sonst wäre es zu erklären, dass bereits kurz nach 10 Uhr, kaum dass die Kälte der vorangehenden Nacht gewichen war, sich an der Talstation des Skilifts eine Betriebsamkeit eingenistet hatte, wie sonst nur in den besten Wintertagen? Angesichts der kleinen Schlange, die sich vor dem Einstieg gebildet hatte, strahlten nicht nur Bikepark- und Liftbesitzer Marco Wieland und sein Helferteam mit der Spätjahressonne um die Wette. Mindestens genau so zufrieden gaben sich die überwiegend jungen Männer, die sich geduldig vor der Einstiegsstation des Lifts registrieren ließen, den Preis für ihre Tageskarte entrichteten und sich anschließend in die Reihe einfädelten: fast wie im Winter, nur ohne Schnee, Skier und Snowboard, mit weniger kälteabweisendem Outfit, dafür aber ganz coronakonform mit einer Atemschutzmaske vor der Mund-Nasenpartie. Die geforderte harmonische Distanz von anderthalb Metern ergab sich automatisch dadurch, dass jeder von ihnen ein Mountainbike neben sich stehen hatte.

Fünf verschiedene Routen stehen den Abfahrern zur Auswahl.

Sie hätten über Instagram erfahren, dass an diesem Samstag der Bikepark quasi offiziell eröffnen würde, erzählten Chris und Mario, die aus dem Stuttgarter Kessel heraus den Weg nach Großerlach gefunden hatten. Nun seien sie gespannt darauf, was sie und ihre Räder auf der Strecke talwärts erwarten würde. Genau genommen, korrigierte Marlon Wolf, der mit seinem Kollegen Sven Herrmann für das Design der Strecke und deren Anlage verantwortlich zeichnete, alles im Ehrenamt, wie er betont, handle es sich um fünf verschiedene Routen, die den Bikern angeboten würden, damit sie den für sie passenden Weg zurück ins Tal finden würden. Und nun sei die Bewährungsprobe für die Anlage; zwar hätten Sven und er die Strecke schon x-mal ausprobiert, aber am Ende des Tages werde man sehen, was sie aushalte, was nachgebessert gehöre und wo repariert werden müsse. Das Besondere an ihr seien die vielen Sprünge. „Von Klein bis Groß ist alles dabei.“ Er sei schon stolz darauf, was man aus dem doch relativ kleinen Hügel herausholen konnte. Natürlich sei es kein Vergleich zu den Strecken, die es in Österreich gebe und bei denen es bis zu 1000 Meter heruntergehe, „aber solche Berge haben wir hier nun einmal nicht“. Aber die Strecke stelle eine gute Alternative zu den illegalen Trails dar, die gerade zurzeit so sehr für Diskussionen sorgten und das Hobby in Verruf brachten. Das große Plus dieser Strecke sei unbestreitbar der Lift, der den Aufstieg erleichtere. Die nächstgelegenen vergleichbaren Bikeparks mit Lift kenne er in Osternohe und in Beerfelden, und da stelle Großerlach eine überaus attraktive Alternative für Sportler aus dem Großraum Stuttgart dar, die zum Beispiel übers Wochenende oder auch am Feierabend ihrem Hobby frönen wollen. Letzteres stelle allerdings noch Zukunftsmusik dar; für die laufende Saison habe man zunächst lediglich Wochenendbetrieb geplant, für die kommende könne man sich dann Gedanken darüber machen, womöglich auch mittwochs und in den Ferien zu öffnen. Vorstellbar sei auch, ein Just-for-fun-Rennen abzuhalten, um den Besuchern ein zusätzliches Event zu bieten und die Attraktivität der Anlage noch mehr zu steigern.

Jason Lunkowsky dreht an diesem Morgen mit seinem Rad nach der ersten Talfahrt eine Runde um die Talstation und biegt dann direkt zum Wartebereich ab, um sich wieder den Hügel hinaufschleppen zu lassen. Er sprüht vor Begeisterung, vor allem die Sprünge haben es ihm angetan. Die Strecke, die er gerade absolviert hat, sei sehr gut zu fahren für alle Schwierigkeitsklassen, und er weiß jetzt schon, dass er den heutigen Tag genießen wird. Für ihn als Sechselberger sei zudem die Anfahrt nicht allzu weit, daher sei er sich sicher, dass dies heute nicht sein letzter Besuch war. Dies gelte auch für ihn, meint Tyler aus Schwäbisch Hall. Die Anfahrtsstrecke sei akzeptabel, und die Anlage als solche „einfach nur geil“ mit ihren wunderbaren Lines und tollen Sprüngen.

Nico Lindemann aus Winterbach und Nikolai Karstensen aus Waiblingen wissen schon bevor sie sich am Lift angestellt haben, dass sie an diesem Tag nicht zum letzten Mal hier sind. „Wo sonst gibt es hier in der Nähe eine bessere Gelegenheit, sich mit Gleichgesinnten zu treffen, wo hat man eine reguläre Mountainbikestrecke mit vergleichbarer Abfahrt“, fragen sie rhetorisch. Und nein, widersprechen sie, die Strecke in Korb gehöre in eine andere Kategorie. Weder verfüge sie über einen Lift, noch sei sie so lang wie die hier. „Kurz, abwechslungsreich, hervorragend angelegt“, lautet das Urteil von Daniel Popescu und Alexander Andes aus Crailsheim. „Wir nehmen gern die Anfahrt hierher in Kauf, denn bei uns gibt es noch nicht einmal Berge wie hier. Eine Alternative wäre der Parcours in Heidenheim, und das liegt noch weiter ab“, bedauern sie unisono. Eine Antwort auf die Frage, warum die Mountainbiker an diesem Vormittag anscheinend ausschließlich männlich sind, bleiben sie allerdings schuldig. Es gebe schon ein paar Frauen, die ebenfalls mit dem Mountainbike unterwegs seien, meint Popescu, allerdings begegne man nur sehr wenigen. „Ich denke, das ist einfach ein Sport, für den man sehr viel Mut und Ausdauer benötigt“, mutmaßt er.

Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, komplette Familien treffen sich dagegen an dem Pavillon, den Julia Range aus Mainz neben der Liftstation aufgebaut hat. Die Mountainbiker sind an diesem Wochenende nämlich nicht allein auf der Strecke unterwegs. Sie teilen sie mit Long- und Mountainboardern sowie Bobbycar-Fahrern, die schon „seit bald zehn Jahren“ – so schätzt Range – hierher nach Großerlach kommen und sich beim Skilift treffen, manche sogar aus Österreich, der Schweiz und Frankreich. „Eine tolle, sehr familiäre Gemeinschaft, die gern die Gelegenheit nutzt, den Kontakt untereinander zu halten und miteinander Spaß zu haben.“

Bequeme Sache: Der Lift, einst für Skifahrer gebaut, zieht nun die Radfahrer ohne Muskelkraft den Berg hinauf. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Bequeme Sache: Der Lift, einst für Skifahrer gebaut, zieht nun die Radfahrer ohne Muskelkraft den Berg hinauf. Fotos: A. Becher

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Erstellt:
21. September 2020, 06:00 Uhr

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