Zu wenig Hilfe für Mobbing-Opfer?

Nach dem ungeklärten Tod einer Berliner Schülerin ist eine Debatte über körperliche oder seelische Misshandlung entbrannt

Der Tod einer elfjährigen Schülerin schockiert die Hauptstadt. Wurde sie gemobbt? Viele Fragen sind noch offen. Experten und Eltern fordern mehr Unterstützung für die Opfer.

Berlin /DPA - Als Reaktion auf den tragischen Tod einer Berliner Grundschülerin ist eine Debatte über Mobbing entbrannt. Dabei ist bislang weder die genaue Todesursache geklärt, noch ist sicher, ob Mobbing zu dem mutmaßlichen Suizid führte. Die Polizei gab am Montag noch keine weiteren Details bekannt. Die Beamten führen – wie in solchen Fällen üblich – ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren durch.

Die Senatsbildungsverwaltung geht den Mobbing-Vorwürfen nach. Sie nehme das Thema Mobbing „sehr, sehr ernst“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag. „Mobbing ist ein echtes Problem an Schulen, in Berlin und anderswo“, erklärte Bildungsstaatssekretärin Sigrid Klebba. Aktuell sei aber für niemanden klar, welche Rolle es in diesem Fall gespielt habe.

Am Samstag war der Tod der Schülerin aus dem Berliner Bezirk Reinickendorf bekannt geworden. Sie war auf die Hausotter-Grundschule gegangen. Laut „Tagesspiegel“ soll sie einen Suizidversuch unternommen haben und später im Krankenhaus an den Folgen gestorben sein. Als möglicher Hintergrund steht der Verdacht von Mobbing an ihrer Schule im Raum, Elternvertreter berichteten in Medien von einem Mobbing-Problem an der Schule. Doch bislang gibt es weder eine offizielle Bestätigung für den Suizid, noch ist der Hintergrund klar.

Schüler, Lehrer und Eltern sollen an der Schule die Möglichkeit zur Trauer und zum Austausch über das Geschehen bekommen. Das kündigte Schulleiterin Daniela Walter nach einem Gespräch mit Schulaufsicht und Bildungsverwaltung an. „Die Schule wird einen Trauerraum einrichten, in dem die Schulgemeinschaft ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringen kann und der dem Wunsch der Familie nach einem respektvollen Umgang mit dem Tod ihrer Tochter gerecht wird.“ Auch Schulpsychologen sollen am ersten Schultag in der Schule sein.

Unterdessen warnte der Mobbing-Forscher Sebastian Wachs vor vorschnellen Schlüssen: Ein Suizid sei eine extreme Handlung – bei Erwachsenen und Kindern.

„Menschen begehen ihn nicht einfach so. Oft kommen verschiedene Faktoren zusammen, monokausale Erklärungen greifen zu kurz“, sagte der Erziehungswissenschaftler. Der Landesschülerausschuss forderte eine offenere Debatte über Mobbing. „Das ganze Klima an den Schulen muss sich ändern“, forderte die Vorsitzende Eileen Hager. Viele Schüler wagten es nicht, sich an Lehrer und Sozialarbeiter zu wenden. Schulleiterin Walter wehrte sich gegen Vorwürfe aus dem Elternbeirat, dass an der Schule Probleme totgeschwiegen würden. Natürlich gebe es Vorfälle – beispielsweise auf dem Pausenhof. Aber: „Wir haben Konfliktlotsen an Bord.“ Darüber hinaus existiere eine „sehr gut ausgestattete Schulsozialarbeit“. Nichts werde vertuscht oder unter den Teppich gekehrt.

Dem Potsdamer Experten Sebastian Wachs zufolge kommt Mobbing an jeder Schule vor. „Schätzungen zufolge sind zehn Prozent der Schüler betroffen – als Opfer, Täter oder beides. 2017 ergab eine Untersuchung im Rahmen der Pisa-Studie, dass in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige Opfer teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler wird.

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Erstellt:
5. Februar 2019, 10:45 Uhr

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