Zwei Jahre Krieg in der Ukraine: „Eigentlich will man mit ihnen nur weinen“

Interview In zwei Jahren Ukrainekrieg haben viele Menschen in Städten und Gemeinden Geflüchtete ehrenamtlich unterstützt. Bärbel Raitzig engagiert sich seit 2015 im Auenwalder Arbeitskreis Asyl. Die 55-jährige stellvertretende Kita-Leiterin hat mit 15 Familien regen Kontakt.

Die Sprecherin des AK Asyl Auenwald, Bärbel Raitzig (links), ist oft auch beim Ausfüllen von Formularen und Beantragen von Dokumenten behilflich, wie hier bei Maria Yakymenko und ihren beiden Kindern aus der Ukraine. Foto: privat

Die Sprecherin des AK Asyl Auenwald, Bärbel Raitzig (links), ist oft auch beim Ausfüllen von Formularen und Beantragen von Dokumenten behilflich, wie hier bei Maria Yakymenko und ihren beiden Kindern aus der Ukraine. Foto: privat

Was war der Auslöser dafür, dass Sie sich für Flüchtlinge engagieren?

Der Aufruf in Auenwald, als der erste Flüchtlingsstrom 2015 kam. Die Gemeinde hat gefragt, ob sich Leute engagieren würden. Damals hat sich dann mit rund 20 ehrenamtlich helfenden Personen der Arbeitskreis Asyl gebildet, den es auch heute noch gibt.

Wie hat sich Ihre Flüchtlingsarbeit im Lauf der Jahre verändert?

Am Anfang war’s noch ganz wenig. 2015 hab’ ich eigentlich nur Kontakt mit wenigen Familien gehabt. Dann wurde es zunehmend mehr. Die einzelnen Ehrenamtlichen haben sich dabei in unterschiedlichen Bereichen eingebracht, je nach eigenen Stärken. Wir haben Sachspenden koordiniert, bei Umzügen und Einquartierungen geholfen, in den Unterkünften bei Reparaturen unterstützt, viele Fahrdienste geleistet und Feste als Möglichkeiten zur Begegnung organisiert.

Was war Ihr Bereich oder Ihre Aufgabe?

Mein Schwerpunkt wurde immer mehr die Unterstützung der Geflüchteten beim Umgang mit vielen öffentlichen Institutionen, zum Beispiel Schulen, Kindergärten, Behörden und Krankenkassen und vieles mehr. Beispielsweise: Ein Baby wurde geboren. Dann gings darum, das Kind anzumelden, Geburtsurkunde besorgen und so weiter. Heute haben wir dadurch ein gutes Netzwerk und einige Institutionen schätzen unsere Arbeit sehr, da wir ihnen die Kommunikation mit und den Zugang zu den Geflüchteten um einiges leichter machen können. Dabei geht es oft weniger um Sprache als um das Verständnis füreinander.

...und dann vor zwei Jahren, als der Ukrainekrieg losging?

Die Vielzahl der Geflüchteten aus der Ukraine hat Auenwald förmlich überrollt. Das habe ich so vor zwei Jahren gefühlt. Als 2015 die große Welle kam, hab’ ich gedacht: Hey, das ist ganz schön viel Arbeit und viele Leute... Aber die Menschen aus der Ukraine kamen direkt aus dem Kriegsgebiet. Die Flüchtlinge zuvor kamen ja meistens aus Gemeinschaftsunterkünften, aus denen sie zu uns in Anschlussunterbringungen kamen. Aber die ukrainischen Menschen sind ja direkt aus dem Kriegsgebiet mit all ihren schrecklichen Erlebnissen nach Auenwald gekommen. Das hat uns als Arbeitskreis sehr, sehr viel Kraft, auch mentale Kraft gekostet.

Wie war der erste Kontakt mit Geflüchteten aus der Ukraine?

Man sieht die Leute am Esstisch sitzen sieht, wie sie noch Angst haben und wie sie selbst überfordert sind mit der ganzen Situation, wie sie sich fragen: Was soll ich hier, was will ich hier? Und ich muss fragen: Zeig’ mir Deinen Reisepass und hast Du ein Konto in der Ukraine? Das ist echt schwierig, weil man eigentlich die Leute nur umarmen will und mit ihnen weinen will.

Warum stellen Sie die Frage nach einem Konto?

Die deutschen Sozialinstitutionen, also Landratsamt, Sozialamt, Jobcenter, die wollen ja alle wissen, welches Vermögen die Geflüchteten mitbringen, weil ihnen dies dann angerechnet wird auf das Bürgergeld oder den Sozialhilfesatz. Und deshalb wollen die Behörden sofort wissen: Haben die ein Konto in der Ukraine, haben die Zugriff drauf?

Wie viele Menschen aus der Ukraine haben Sie seither unterstützen können?

Am Anfang waren es etwa zehn Familien, die gekommen sind. Davon sind aber viele recht schnell wieder in andere Gebiete weitergezogen. Durch die Erfahrung, die sie in ihrem Land gemacht haben, haben sie eher Zuflucht bei ihren Familienangehörigen gesucht, auch bei entfernteren Verwandten. Für die Familienangehörigen hieß das dann auch, enger zusammenzurücken und eventuell nach einer Unterkunft zu suchen. Derzeit habe ich mit ungefähr 15 ukrainischen Familien regen Kontakt. Einzelne Männer sind nicht dabei. Es sind einzelne Frauen, Frauen mit Kindern, sehr viele Kinder jeden Alters.

Wie klappt die Verständigung?

Wir haben in unserem Kreis zwei russisch sprechende Ehrenamtliche, die sehr fix sind. Die ersten Ukrainer, die gekommen sind, die hatten sehr gute Übersetzungs-Apps, die sie auch auf meinem Handy installiert haben. So können wir gut miteinander kommunizieren.

Wie sieht die Situation aktuell,
also nach zwei Jahren Krieg, aus?

Weitere Themen

Ich merke bei den Menschen, die gekommen sind, dass noch sehr, sehr große seelische Verletzungen vorhanden sind. Viele sind hoch motiviert, hier in Deutschland Fuß zu fassen, und alle wollen auch schnell die Sprache lernen. Ich denke, dass es viele gibt, die Deutschland sehr gerne als ihre zweite Heimat annehmen wollen. Wir haben auch schon viele Familienväter in Arbeitsverhältnisse vermitteln können. Aber ich höre auch ganz oft, dass wieder im Heimatland bombardiert wurde, oder dass die Russen jetzt immer näher an die Familienangehörigen in der Ukraine herankommen. Ich höre immer wieder die Aussage, dass „es sein könnte, dass da noch mal jemand kommt“, oder es sein kann, dass sie ihre Familien in der Ukraine unterstützen müssen und beispielsweise ein Ehepartner zurückreisen muss und schauen muss, wie es für die dort verbliebenen Familienangehörigen weitergehen kann. Sie sind mental sehr nahe am Geschehen in der Ukraine dran.

Wie nehmen Sie die ukrainischen Kinder wahr?

Was ich sehe ist, dass eigentlich alle Kinder zuerst mal Probleme haben mit Kindergarten und Schule. Da sind die Herausforderungen oft ein bisschen größer. Viele haben am Anfang große Probleme, im Kindergarten oder der Schule Fuß zu fassen. Es gibt anfangs oft Verhaltensauffälligkeiten. Das sind die Erfahrungen, die sie gemacht haben, und ihre Verletzungen, die es ihnen schwer machen, sich ins Schulgeschehen mit einzubringen. Da braucht es viele Erwachsene, die in dieser Situation unterstützen können.

Wie viele von den Geflüchteten wollen wieder zurück in ihr Heimatland?

Ich nehme das etwa 50/50 wahr. Es gibt viele, die sagen: Ich will hierbleiben. Es gibt aber auch viele, die zurück in die Ukraine wollen. Es ist nur die Frage, wann und wie.

Hat sich die Unterstützung seitens
der deutschen Bevölkerung in den vergangenen Jahren verändert?

Die Unterstützungswelle von 2015 ist mit der Zeit abgeebbt. Als die Ukrainer kamen, haben wieder einige gesagt: Ärmel hochkrempeln und los. Was ich sehr gut finde ist, dass viele Auenwalder sagen: Ich habe in meinem Haus noch Platz oder ich hab’ hier eine Wohnung – das war bei den arabischen Geflüchteten deutlich schwieriger. Bei den Ukrainern merkt man einfach, dass sie uns kulturell näherstehen. Es kommt immer wieder vor, dass sich Leute melden, die sagen: „Okay, ich kann da auch mal mithelfen.“ Das freut uns natürlich sehr, denn wir wissen, wie bereichernd die Begegnung mit den geflüchteten Menschen sein kann.

Das Gespräch führte Florian Muhl.

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Erstellt:
24. Februar 2024, 06:00 Uhr

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