Bedrohung unter der Schneedecke

Enthüllungen von Seefeld wirken bei Biathlon-WM nach – Peiffer wehrt sich gegen Generalverdacht

Doping - Bei der Biathlon-WM besteht noch kein Verdacht, deshalb fühlen sich Sportler zu unrecht am Pranger.

Östersund Seefeld ist nicht Östersund. Das eine ist ein Dorf in Tirol mit etwa 3400 Einwohnern, das andere eine Provinzhauptstadt in Mittelschweden mit knapp über 50 000 Menschen; in den Alpen fand die ­nordische Ski-WM statt, in Jämtlands die Biathlon-WM. Doch die sportverrückten Kommunen verbindet ein unsichtbares Band – es ist beklemmend, es geht um Doping, es geht um Sportbetrug.

In Seefeld hat der Polizeieinsatz ein Doping-Netzwerk im Langlauf um den Erfurter Mediziner Mark Schmidt ans Tageslicht gebracht, in Östersund besteht weder ein Verdacht, noch ist ein Fall virulent – doch die Bedrohung ruht verborgen unter der Schneedecke. Man sieht sie nicht, aber jeder im Biathlon-Tross weiß: Sie ist da. Arnd Peiffer streitet das gar nicht ab, doch die ­öffentliche Diskussion, die die „Operation Aderlass“ befeuert hat, nervt ihn. Weil er sie für populär geführt hält. „Zu behaupten: Alle Guten sind voll, das gehört für mich zu den klassischen einfachen Wahrheiten“, sagt der Biathlet aus dem Harz, „die Welt ist ein bisschen komplexer.“ Der 31-Jährige zieht einen Vergleich: Es sei nicht jeder katholische Priester pädophil, nur weil die katholische Kirche dieses Problem habe.

Peiffer fühlt sich wie viele seiner Kollegen im Dilemma. Im Grunde, so meint er, könnten Sportler tun, was sie wollten – sie stünden eh am Pranger, entweder als Versager oder als Betrüger. „Bist du schlecht, wird dir vorgeworfen, du trainierst nicht gut“, sagte der Sprint-Olympiasieger, „bist du gut, heißt es: Du bist gedopt.“ Erik Lesser betont, dass „kein deutscher Athlet mit dem Erfurter Arzt in Verbindung stand“, und Laura Dahlmeier versicherte mit einem unschuldigen Blick, dass sie „den Namen des Mannes nicht mal kannte“. Einer aus dem Umfeld des Deutschen Skiverbandes (DSV) ist überzeugt, dass alle deutschen Biathleten sauber sind – warum? Sie würden ihre wirtschaftliche Existenz riskieren, weil der DSV sehr gut dotierte Sponsorenverträge in siebenstelliger Höhe besitze, die im Falle einer positiven Dopingprobe massiv gefährdet seien. Jeder Biathlet wäre wahnsinnig, dieses Risiko einzugehen.

Doch jeder in der weltweiten Sportszene weiß: Man sollte in Dopingfragen für niemanden die Hand ins Feuer legen, nicht mal für Zimmerkollegen – man könnte sich weit mehr verbrennen als nur die Finger. Biathlon ist keine Insel der Gutmenschen und kein Himmel der Engelchen. Dem ehemaligen Präsidenten des Weltverbandes IBU, Anders Besseberg, wird vorgeworfen, Dopingproben zurückgehalten zu haben, wofür er bestochen worden sein soll. Zudem schwebt über den Skijägern das Damoklesschwert der zahlreichen positiven Dopingproben von russischen Sportlern. Noch haben die Ermittler diese beiden Kriminalfälle nicht restlos gelöst.

Dass Alexander Loginow im Sprint Silber abgeholt hat, trägt nicht zur Entspannung der Lage bei – der Russe war einst zwei Jahre wegen Dopings gesperrt, seit seiner Rückkehr ist er nicht als agiler Anti-Doping-Kämpfer aufgefallen, sondern eher als Mönch mit Schweigegelübde. Und wenn Insider den Namen Dimitri Pidruschni hören, der Ukrainer wurde Verfolgungs-Weltmeister, legen sie die Stirn bedrohlich in Falten, als müssten sie die Gesichtsmuskeln intensiv trainieren. „Wenn hier etwas passiert, kann ich nur sagen, dass es gut ist, wenn verbotene Dinge ans Licht kommen“, sagte Olle Dahlin, der neue IBU-Chef. Biathlon-Legende Magdalena Forsberg sagte vor der Weltmeisterschaft in ihrer Heimat, sie hoffe, dass es in Östersund keinen Dopingfall gebe. Es ist eine extrem zerbrechliche Hoffnung.

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Erstellt:
11. März 2019, 03:04 Uhr

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