Ein Leben für den und mit dem Sport

Heidelore Ambratis darf man ein Urgestein in der Backnanger Leichtathletik nennen. Sie trainiert mit Ausdauer, auch wenn das in Zeiten von Corona nicht einfach ist. Am meisten vermisst die 71-Jährige die Wettkämpfe. Aber dem Sport bleibt sie weiterhin treu.

Heidelore Ambratis hat ihren letzten Wettkampf in diesem Jahr in Erfurt absolviert. Foto: R. Görlitz

© Ralf Görlitz

Heidelore Ambratis hat ihren letzten Wettkampf in diesem Jahr in Erfurt absolviert. Foto: R. Görlitz

Von Andreas Ziegele

Der letzte Leichtathletik-Wettkampf liegt nun schon acht Monate zurück. Die deutsche Winterwurfmeisterschaft Ende Februar im thüringischen Erfurt war das letzte Kräftemessen mit Gegnerinnen für Heidelore Ambratis. „Ich habe erst mit 16 Jahren mit dem Sport begonnen“, sagt sie im Gespräch, das coronabedingt am Telefon stattfindet. Ein Arzt war es, der sie dazu gebracht hat. „Ich hatte berufsbedingt Probleme mit dem Kreuz. Und da hat mir ein Arzt gesagt, ich solle Sport machen.“ Dass dieser Ratschlag ein guter war, bewiesen dann die zahlreichen Erfolge der Backnangerin, die ursprünglich aus Frankfurt am Main stammt. Seit 1974 ist sie in Backnang und seit 1979 bei den TSG-Leichtathleten.

Begeistert erzählt Ambratis von den Anfängen in ihrer sportlichen Laufbahn während der Schulzeit. „Wir sind damals beim Hochsprung noch im Sand gelandet, da es keine Matten gab.“ Und der Sprungstil war noch der Straddle oder Scherensprung, die beide zu Beginn der 80er Jahre durch den Fosbury-Flop abgelöst wurden. „Schnell im Laufen und gut im Weitsprung war ich auch. Nur werfen, das konnte ich nicht“, lässt sie wissen. „Mit diesem blöden Ball da, das hat nicht funktioniert und hat mir am Ende bei den Bundesjugendspielen meine Ehrenurkunde versaut.“

Heute mit „noch 71 Jahren“ sind es nun die Wurfdisziplinen, bei denen sie mit großer Leidenschaft aktiv ist. Neben Kugelstoßen, Diskus- und Speerwurf gehören auch das Hammerwerfen und das Gewichtwerfen, eine Art Hammerwurf mit kürzerer Leine dazu. Wobei Hammerwurf so etwas wie der Favorit von Heidelore Ambratis ist. „Der Hammerwurf ist eine runde Sache und die Bewegungen sind gut fürs Kreuz“, sagt sie. Immerhin drei Kilogramm wiegt das Sportgerät und die Backnangerin schleudert es weit über 30 Meter. Und: „Sprinten und Weitspringen darf ich nicht mehr, weil mein linkes Knie schon operiert ist.“

Eine ganz besondere Disziplin erklärt Ambratis dann auch noch, das Steinstoßen. Es kommt ursprünglich aus dem Turnen und gehört heute zum Rasenkraftsport. Der Stein, der eigentlich kein solcher ist, wiegt in ihrer Altersklasse ebenfalls drei Kilogramm. „Es ist ein viereckiges Gebilde aus Stahl“, erklärt die Athletin. Gefragt nach ihrer Wurfweite sagt sie: „Mein Wert ist im Moment besch…en.“ Ambratis begründet das mit der fehlenden Trainingsmöglichkeit in den vergangenen Monaten. Wichtig ist es hier, dass der Stein gestoßen und nicht geworfen wird. Im Gegensatz zum Kugelstoßen muss der Stein beim Abstoß nicht am Hals sein. „Und da kommt es ab und an schon zu nicht geahndeten Regelverstößen.“

Über ihre Erfolge spricht die 71-Jährige nicht so gern. Aber von ihrer größten sportlichen Enttäuschung erzählt sie dann. Bei den Senioren-Europameisterschaften 1986 in Malmö hatte sie plötzlich die Chance, mit der deutschen 4 x 100 Meter Staffel aufs Podest zu kommen. „Ich war für die Staffel aufgestellt.“ Als sie dann zum Training kam, eröffnete ihr die Trainerin, die selbst Mitglied der Staffel war, dass sie sich für eine andere Läuferin entschieden hat. „Ich war stinksauer und auf die Idee mich zu beschweren, bin ich nicht gekommen“, sagt Ambratis und man merkt ihr die Verärgerung noch immer an.

Heidelore Ambratis ist aber nicht nur Sportlerin, sondern auch viel beschäftigte Funktionärin. Beim Rems-Murr-Kreisverband Leichtathletik ist sie seit Ende der 80er Jahre stellvertretende Vorsitzende und Frauenwartin. Zudem leitet sie seit 1985 die Leichtathletik-Abteilung der TSG Backnang. Im Moment laufen hier die Vorbereitungen auf das 175-jährige Bestehen, das im kommenden Jahr begangenen wird. „Da werden wir dann auch die Gründungsfahne, die im Keller am Hagenbach lagert, an das Jahn-Museum in Freiburg an der Unstrut übergeben“, sagt sie nicht ohne Stolz.

Wichtigste Erfolge und Stationen

1964: Heidelore Ambratis tritt in die Leichtathletikabteilung eines kleinen Frankfurter Vorstadtvereins ein.

Seit 1972: Regelmäßige Teilnahme an Seniorenbestenkämpfen, die später in Seniorenwettkämpfe umbenannt wurden, und an den internationalen World Masters Athletics Championships.

1979: Eintritt in die Leichtathletikabteilung der TSG Backnang.

1985: Erste Teilnahme an einer Senioren-Weltmeisterschaft. In Rom belegt Ambratis den achten Platz über 100 Meter.

1986: Teilnahme an den Senioren-Europameisterschaften im schwedischen Malmö.

2000: Ambratis holt drei Deutsche Meistertitel: Im Hammerwurf der Altersklasse 50, im Hammerwurf der Altersklasse 45 und im Rasenkraftsport mit der Mannschaft im Dreikampf (Steinstoßen, Hammer- und Gewichtswurf). Vierter Platz bei den Europameisterschaften im finnischen Jyväskylä.

2003: Bronzemedaille im Hammerwurf bei der Senioren-WM in Puerto Rico.

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Erstellt:
4. November 2020, 06:00 Uhr

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