„Es ist mir wichtig, starke Leute an der Seite zu haben“

Das Interview: Mario Marinic skizziert, wie er die Doppelrolle als Trainer und Torjäger der TSG-Fußballer meistern möchte.

Der 36-jährige Mario Marinic gibt beim Fußball-Oberligisten TSG Backnang ab sofort als Spielertrainer den Takt vor. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Der 36-jährige Mario Marinic gibt beim Fußball-Oberligisten TSG Backnang ab sofort als Spielertrainer den Takt vor. Foto: T. Sellmaier

Von Steffen Grün

Zum Einstieg ins Trainergeschäft sofort Chefcoach bei einem Oberligisten zu werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Haben Sie es erwartet, dass Ihnen die TSG den Job anvertraut, oder waren Sie vom Angebot überrascht?

Ich habe mir natürlich gewünscht, dass der Verein auf mich zukommt. Die TSG kannte meine Pläne, dass ich irgendwann ins Trainergeschäft einsteigen will. Dass es jetzt so schnell ging, war so nicht absehbar, aber es freut mich ungemein, dass ich diese Chance bekomme. Sehr viele Kollegen würden mit Sicherheit danach lechzen, als Oberliga-Trainer starten zu dürfen. Das ist ein Privileg.

Es ist auf diesem Niveau eher die Ausnahme, als Spielertrainer tätig zu sein. Wie wollen Sie diesen schwierigen Spagat hinkriegen?

Das haben mich schon viele gefragt. Es wird sicherlich herausfordernd, ich habe auch gehörigen Respekt davor. Eine klare Aufgabenverteilung ist sehr wichtig. Ich habe mit Julian Schieber und Isaak Avramidis aber zwei starke Co-Trainer an meiner Seite, mit denen es gut klappen wird. Alles kann ich nicht auf meinen Schultern tragen, das ist unmöglich.

War es ein Thema, die Kickstiefel in diesem Sommer an den Nagel zu hängen und sich komplett auf den Trainerjob zu konzentrieren, oder kam das für Sie noch nicht infrage?

Ein kurzes Gedankenspiel war da, aber ich habe mich in der Coronazeit monatelang fitgehalten und wollte so nicht aufhören. Ich habe einfach noch Bock, Fußball zu spielen, und denke auch, dass mich die Mannschaft und das Trainerteam auf dem Platz brauchen. Nächste Saison will ich auf jeden Fall noch spielen, weil es der Körper noch hergibt und ich unglaublich Lust habe, aber wir müssen diesen Übergang kurzfristig schaffen und für Nachwuchs vorne drin sorgen.

Ihre Spielerkarriere hing nach einem Knorpelschaden 2018 am seidenen Faden, aber Sie fanden zu alter Stärke zurück. Trauen Sie sich zu, nach der langen Coronapause und obwohl Sie im September bereits 37 Jahre alt werden, weiterhin der altbekannte Torgarant zu sein?

Das Auge und die Nase im Sechzehner hat man oder hat man nicht. Ich weiß, wo das Tor steht, das darf ich schon so sagen, ich bin ein Strafraumstürmer. Wichtig ist, dass der Körper die lange Pause gut verkraftet, dass mein Knie mitmacht und ich schnell wieder reinkomme. Das wird eine große Herausforderung – nicht alleine für mich, auch für die Jungs. Ich hoffe aber, dass ich die ganze Runde sauber zu Ende spielen kann, um danach die Kickschuhe an den Nagel zu hängen. Zu 100 Prozent.

Bislang waren Sie der verlängerte Arm der jeweiligen Coaches auf dem Rasen, nun sind die Co-Trainer Julian Schieber und Isaak Avramidis quasi Ihre verlängerten Arme am Spielfeldrand. Wie soll die Aufgabenverteilung bei Spielen und im Training konkret aussehen?

Man sieht ein Spiel auf dem Feld völlig anders als von draußen. Daher ist es mir wichtig, starke Leute an meiner Seite zu haben. Es wird eine klare Aufgabenverteilung geben, was die Offensive und die Defensive, die Standardsituationen oder das Warmmachen betrifft. Es ist wichtig, dass ich mich auf den Fußball konzentrieren kann, denn es darf natürlich auch nicht meine Leistung darunter leiden. Das ist wichtig für einen Spielertrainer.

Julian Schieber bringt die Erfahrung von 167 Erstliga- und 18 Champions-League-Spielen mit und hat mit Trainern wie Dieter Hecking, Bruno Labbadia oder Jürgen Klopp gearbeitet. Nun sind Sie der Chef und er ist Ihr Assistent – droht da nicht Kompetenzgerangel?

Nein, absolut nicht. Ich habe Julian als einen sehr bodenständigen Kerl kennengelernt. Wir sehen und leben den Fußball sehr ähnlich. Er hat im Profibereich viele Erfahrungen gesammelt, von der Expertise werden ich und der Klub profitieren. Aber er weiß nicht, was ihn im Amateurbereich erwartet, das hat er auch offen und ehrlich gesagt. Er muss die Oberliga, die Teams und die Spieler kennenlernen, das werde ich ihm schnellstmöglich näherbringen. Es ist der Vorteil, den ich habe, dass ich alles aus dem Effeff kenne.

Viele TSG-Fans träumen vom Sturmduo Marinic/Schieber, bisher ist Julian Schieber wegen seiner Verletzungshistorie aber nicht als Spieler eingeplant. Könnte sich das noch ändern?

Das war natürlich auch meine erste Idee, mit Julian zusammen vorne im Sturm zu agieren, aber uns ist allen bewusst, dass er nicht mehr spielen wird. Sonst hätte er sich mit Sicherheit noch einen Verein in der Zweiten oder in der Dritten Liga gesucht und diesen Schritt nicht gemacht, seine Karriere jetzt zu beenden. Es geht bei ihm körperlich einfach nicht mehr.

Als Ende Oktober 2020 die vergangene Saison zunächst unter- und später abgebrochen wurde, belegte die TSG als Neuling mit 15 Punkten aus 12 Spielen den zwölften Platz. Ist das auch die Messlatte für die nächste Runde?

Ich bin ein Mensch, der sich immer Ziele setzt, nur so ist man messbar. Es gibt die persönlichen Ziele, wir haben Ziele als Team und als Verein. Zuerst geht es nach der langen Pause aber darum, wieder in einen Rhythmus zu kommen. Dann werden wir Woche für Woche schauen, wie sich alles entwickelt. Wir haben den Luxus, als Mannschaft komplett beieinander geblieben zu sein. Wenn wir anknüpfen, wo wir aufgehört haben, bin ich guter Dinge, dass wir unser Ziel für das nächste Jahr – den Nichtabstieg – erreichen. Wir hängen aber noch in der Luft, weil unklar ist, ob es eine volle Runde oder eine einfache Runde mit anschließenden Play-offs gibt. Wir werden in der Vorbereitung hart arbeiten, um hoffentlich einen guten Start hinzulegen.

Das erste Oberliga-Gastspiel der TSG dauerte nach dem Aufstieg 2017 nur zwei Jahre. Klappt es nun mit Ihnen als Trainer, die Roten in Baden-Württembergs Oberhaus zu etablieren?

Ich hoffe es, aber es ist für den Klub und die Mannschaft immer ein Kraftakt. Wir haben ein tolles Team, aber es wird wieder nicht einfach, diese Klasse zu halten. Es ist schon eine Wucht, wenn man sieht, was in Freiberg oder bei den Stuttgarter Kickers passiert. Dazu Göppingen, Bissingen, Ravensburg – das sind schon Namen und Hausnummern. Mit den Vereinen im unteren Drittel sind wir aber auf jeden Fall auf Augenhöhe und in einem Spiel kann man auch immer wieder die Favoriten ärgern, wie wir das in der Vergangenheit auch schon gemacht haben.

Bis auf Rui Carvalho, der nur Kurzeinsätze hatte, bleiben alle Spieler. Von Aspachs A-Jugend kommt Christian Weiller, im Winter soll USA-Rückkehrer Athanasios Coutroumpas dazustoßen. Reicht das oder hat Sportchef Marc Erdmann noch einen Wunschzettel von Ihnen?

Wenn es mit dem Wunschzettel oder dem Zauberstab klappt, hätte ich gerne noch einen Stürmer. Zwei haben wir mit Loris Maier und mir, ein weiterer täte uns gut. Wir halten Augen und Ohren offen – mal schauen, was passiert. Vielleicht kommen Probespieler ins Training, aber es muss charakterlich und sportlich passen. Mit 21 Mann sind wir erst einmal gut aufgestellt, mit einem weiteren Neuen und mit Athanasios ab dem Winter wären wir 23 – dann haben wir eine Truppe, die auf alle Fälle oberligatauglich ist. Das haben wir vor der Coronapause bewiesen.

Als Spieler schafften Sie den Sprung ins Profilager nicht, es blieb 2010 bei drei Regionalliga-Kurzeinsätzen für Aalen. Wollen Sie den Schritt als Trainer nachholen oder wollen Sie sich dieses Haifischbecken gar nicht antun?

Sag niemals nie, das Fußballgeschäft ist so schnelllebig. Ich weiß allerdings nicht, ob ich mir das wirklich antun will. Es ist meine Leidenschaft, mein Hobby. Ich sitze im Berufsleben fest im Sattel, bin Vater geworden. Zunächst will ich den Einstieg in das Trainergeschäft schaffen und den B-Schein machen. Ich bin gottfroh, dass ich das hier bei meinem Herzensverein tun darf, und dann schauen wir mal, was kurz- und langfristig passiert.

Sie hatten Trainer wie Markus Lang, Beniamino Molinari oder Evangelos Sbonias. Von wem haben Sie sich etwas abgeschaut oder wollen Sie komplett Ihren eigenen Weg gehen?

Ich betrachte den Fußball schon seit Jahren nicht nur aus dem Blickwinkel eines Spielers und habe 2010 in Aalen bei Rainer Scharinger angefangen, mir Notizen zu machen und Inhalte aufzusaugen. Das setzte sich bei Markus Koch in Neckarrems und bei allen Backnanger Trainern fort. Ich habe drei Ordner mit Trainingsinhalten und Spielideen. Von allen habe ich mir was abgeschaut, aber nun gilt es, selbst rasch Fuß zu fassen, einen eigenen Weg zu finden und mich dann stets weiterzuentwickeln. Ich werde Fehler machen und Misserfolge erleben, aber genau daran gilt es zu wachsen und zu reifen, damit wir erfolgreich sein können.

Auf welchen Trainertyp müssen sich Ihre Spieler demnach einstellen?

Eher auf den impulsiven, extrovertierten Kloppo-Typ. Man kennt mich als Spieler, auch da bin ich eher ein Lautsprecher – und so werde ich auch als Trainer sein.

Als Spieler haben Sie sich in den Etzwiesen seit 2012 durch Ihre Tore und Treue den Status einer Vereinsikone erworben. Haben Sie nicht die Sorge, als Trainer irgendwann vom Hof gejagt zu werden, wenn es nicht läuft?

Darüber macht man sich schon Gedanken. Einerseits bin ich froh über das Vertrauen des Vereins, das sich im Dreijahresvertrag ausdrückt. Andererseits zählen letztlich die Resultate, für die ich als Spieler und als Teil des Trainerteams ein Stück weit mitverantwortlich bin (lacht). Ich bin voller Vorfreude, habe aber auch Respekt vor der Aufgabe und hoffe, dass es nur in etwa so weitergeht wie als Spieler. Dann bin ich guter Dinge. Ich kann mir ein längerfristiges Engagement vorstellen. Der Klub hat auch ein Interesse an Kontinuität auf dem Trainerposten.

Fanliebling und Torgarant

Am 9. September 1984 in Waiblingen geboren, beginnt Mario Marinic in seiner Heimatstadt mit dem Fußball. Über den SV Fellbach, den TV Oeffingen und erneut Fellbach landet er in der Winterpause der Saison 2009/2010 beim damaligen Regionalligisten VfR Aalen.

Auf der Ostalb macht der Sportler mit dem deutschen und kroatischen Pass eine ungewohnte Erfahrung: Er wird seinem Ruf als Torgarant zum ersten und letzten Mal nicht gerecht. Rasch geht’s zurück nach Fellbach, von dort zum VfB Neckarrems und 2012 zur TSG. In Backnang ist Marinic Fanliebling und Identifikationsfigur, in 145 Punktspielen in der Landes-, Verbands- und Oberliga gelingen ihm 120 Tore. In der Vorsaison war er Co-Trainer, nun ist er Chefcoach.

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Erstellt:
22. Juni 2021, 06:00 Uhr

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