Aufklärung aus der Box

Die Berliner Performerin Bridge Markland begeistert das Publikum im Bandhaus mit ihrer modernen Version von Lessings „Nathan der Weise“.

Bridge Markland verwandelt sich in der Box in die unterschiedlichen Figuren, die in dem Theaterstück „Nathan der Weise“ vorkommen. Foto: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Bridge Markland verwandelt sich in der Box in die unterschiedlichen Figuren, die in dem Theaterstück „Nathan der Weise“ vorkommen. Foto: Tobias Sellmaier

Von Katharina Lehle

Backnang. 245 Jahre hat „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing auf dem Buckel. Sein Inhalt hat dennoch nichts an Aktualität eingebüßt. Von seiner einstigen Verpackung in fünf Akten, etlichen Dialogen und Regieanweisungen bleibt in Bridge Marklands Werk das Wesentliche übrig: Der Glaube ist unwichtig, wenn der Mensch an sich zählt und Toleranz gelebt wird, können Gräben überwunden werden. Die Transformation in die Neuzeit für die „Generation Popmusik“, so die Ankündigung, gelingt Bridge Markland nicht nur mit Puppen, sondern vor allem mit Popzitaten – und natürlich mit einer Box, schließlich heißt das Werk 2024 „Nathan in the box“.

Moderne Popmusik untermalt das Stück

Bleich geschminkt, mit orangefarbenen Tüchern wedelnd, tanzt sie in den kleinen Kasten, mitten auf der Bühne. Dort verbergen sich auch ihre neun Darsteller. Zu „Burning down the House“ (Talking Heads) lässt Bridge Markland Nathan von einer längeren Reise nach Hause zurückkehren. Es folgen „Send me an angel“ (Scorpions) und die Erzählung, dass seine Tochter Recha vom Tempelherrn Curd aus dem Feuer ihres brennenden Hauses gerettet werden konnte. Die Zuschauer von heute erfahren, was auch das Publikum 1783 bei der Uraufführung des Dramas hörte: Curd wurde vom Sultan Saladin aufgrund der Ähnlichkeit zu seinem Bruder begnadigt. Der muslimische Herrscher ist verschuldet, weswegen ihm seine Schwester Sittah rät, sich an den vermögenden Nathan zu wenden. Mit der Frage nach der „wahren Religion“ stellt er dessen Großzügigkeit auf die Probe.

Und auch bei Bridge Markland folgt die sogenannten Ringparabel, wozu Beyoncé schmettert: „If you like it put a ring on it“. Der muslimische Herrscher und der Jude Nathan gehen als Freunde auseinander und wir hören „Imagine“ (Beatles). Die dritte Weltreligion wird von Curd verkörpert, der Nathans Tochter heiraten möchte.

Die Aneinanderreihung von Dialogen, die vom Band abgespielt werden und play-back von Bridge Markland und ihren Puppen gesprochen werden, gepaart mit den teilweise schnell wechselnden Popzitaten ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Doch der Kopf gewöhnt sich allmählich an die akustische Collage, die schon bald eine Sogwirkung entwickelt und Zeit und Raum vergessen lässt. Mit wenigen Handgriffen, in denen sie – in ihrer Box oder kurz abgewandt vom Publikum – Kopfbedeckung und Umhang wechselt, verwandelt sich die Performerin von Nathan in Curd, von Curd in Recha, von Recha in Nathan... Sie beherrscht nicht nur das Timing fürs Play-back, sondern auch ihre Gesichtsmuskeln perfekt. Und so fällt es ihr sichtbar leicht, von weiblich weich auf männlich hart umzustellen – faszinierend und beeindruckend.

Die Religionen als eine Familie gezeigt

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Als Puppenspielerin tritt sie nur in einer Szene hinter ihre Handpuppe zurück. Und zwar als Curd den Patriarchen aufsucht, weil er erfahren hat, dass seine geliebte Recha nicht Nathans leibliche Tochter ist, demnach keine Jüdin, sondern eine Christin – so wie er. Frei übersetzt: Der Einfluss des Glaubens ist so groß, dass der Einzelne dahinter verschwindet. Curd prangert an, dass Nathan seine Pflegetochter nach seinem Glauben erzogen hat. Doch der Tempelherr steht letztlich zum Vater seiner Geliebten. Der Patriarch droht mit einer harten Strafe; Curd tut die Geschichte als „Gedankenspiel“ ab und verrät Nathan nicht.

Am Ende erfahren wir, dass Recha und Curd Geschwister sind und zudem die Kinder von Saladins Bruder Assad. Die jüdische, christliche und muslimische Religion gehören also zu einer Familie. Diese Kernaussage unterstreicht Bridge Markland erneut mit einem musikalischen Zitat: „We are Familiy“ (Siter Sledge) ertönt.

Das Geräusch, mit dem der Abend beendet wird, kommt nicht vom Band: tosender Beifall. Als das Licht wieder angeht, ist ein „War ganz gut“-Gemurmel zu vernehmen, aber auch das „Ich bin ganz erschöpft“ einer älteren Dame. Zu Recht angesichts dessen, was in 75 Minuten da alles aus der Box gezaubert wurde.

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Erstellt:
18. März 2024, 16:30 Uhr

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