Neue Ausstellung von Eckhard Froeschlin im Backnanger Helferhaus

Ab Sonntag sind im Backnanger Helferhaus Radierungen, Aquarelle und Bücher von Eckhard Froeschlin zu sehen. Darunter sind Montagen, welche zwiespältige Figuren der Literaturgeschichte wie Louis-Ferdinand Céline, Jorge Luis Borges und Martin Heidegger porträtieren.

Eckhard Froeschlin gestaltet seine Bücher und Radierungen, im Hintergrund zu sehen ist eine Montage zu Friedrich Hölderlin, oftmals als Zusammenspiel von Text und Grafik. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Eckhard Froeschlin gestaltet seine Bücher und Radierungen, im Hintergrund zu sehen ist eine Montage zu Friedrich Hölderlin, oftmals als Zusammenspiel von Text und Grafik. Fotos: Alexander Becher

Von Kai Wieland

Backnang. Als ekelerregend bezeichnet Eckhard Froeschlin den französischen Romancier Louis-Ferdinand Céline, welcher einst mit den Nationalsozialisten kooperierte und gegen Ende des zweiten Weltkriegs die Nähe zur Vichy-Regierung im deutschen Exil suchte. „Sigmaringen war damals zumindest für die Nazis kurzzeitig die französische Hauptstadt“, erzählt der in Scheer an der Donau, also ganz in der Nähe von Sigmaringen, lebende Künstler. „Bekloppt, aber über diesen bekloppten Irrsinn hat Céline eben zwei fantastische Romane geschrieben.“ Eine seiner Radierungen im Backnanger Helferhaus zeigt den Franzosen, die eine Hand bis zum Ellbogen in der Literatur vergraben, die andere nicht weniger tief in einem Stapel Brillen – es handelt sich um den Ausschnitt einer historischen Fotografie, aufgenommen im Vernichtungslager Auschwitz.

Eine Hand in der Literatur, die andere tief verstrickt in die Verbrechen der Nazis: Eckhard Froeschlins Darstellung von Céline.

© Alexander Becher

Eine Hand in der Literatur, die andere tief verstrickt in die Verbrechen der Nazis: Eckhard Froeschlins Darstellung von Céline.

Das Werk veranschaulicht vieles von dem, was Froeschlins Radierungen ausmacht. Erstens ist es eine Montage, was der gebürtige Tettnanger als sein Grundarbeitsprinzip bezeichnet. Zweitens entblößt es den harten Bruch, der sich bisweilen zwischen der Qualität in der Arbeit von so manchem großen Künstler und dessen Geisteshaltung auftun kann. „Ich habe mehrere von der Sorte, die fantastische Schreiber, von der Biografie her aber eher zwielichtig waren.“

Nicht alle Dichterporträts, welche in Froeschlins Ausstellung im Helferhaus ab Sonntag zu sehen sind, zeigen aber eine moralische Kluft. Auch berühmte tragische Figuren wie der dem Wahnsinn verfallene Friedrich Hölderlin und der jung verstorbene Franz Kafka sind darunter.

Malen als Akt des Widerspruchs

Einen starken Bezug zur Literatur habe er schon immer gehabt, sagt Froeschlin. Dennoch bilden die Romane und Dichter, die auf den ersten Blick im Fokus einer Radierung stehen, eher den Ausgangspunkt der jeweiligen Arbeit, nicht so sehr ihr Zentrum. Es gehe nie um Literaturillustration, also um die konkrete Darstellung des Geschriebenen. „Das ist zum einen zeitlich überholt und finde ich zum anderen auch langweilig“, so der Künstler. „Ich bin auch zu sehr Grafiker und Radierer, um mich von einem Text einengen zu lassen, selbst wenn er mich noch so sehr begeistert.“

Angefangen habe er im Alter von etwa 13 Jahren mit Federzeichnungen, erzählt Froeschlin. Damals habe er in einem Heim gelebt und zu den Zeiten, in denen er zeichnete, gegen die dort geltenden Regeln verstoßen. „Bilder zu machen hat eigentlich immer mit irgendeiner Art von Widerspruch oder Widerständigkeit zusammengehört.“ Bereits in der Schulzeit fertigte er dann seine ersten Radierungen an und bis heute hat ihn diese Technik nicht losgelassen. „Eine von den unzähligen Techniken, die es da gibt, nenne ich Nitro-Umdruck. Es ist eine Art schwieriges Umdruckverfahren, meist von Laserdrucken oder Fotokopien. Mit einem Fuß bin ich damit also schon in der digitalen Welt. Das mache ich auch sehr gerne, bis hin zur Bildbearbeitung, teilweise schon vor der Arbeit an der Platte.“

Die Literatur als zweite Stimme

Weitere Themen

In seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit Druckverfahren bewegt sich Eckhard Froeschlin somit nicht nur inhaltlich eng an der Welt der Bücher, sondern gestaltet auch selbst kunstvolle Bände, oftmals in Kooperation mit Schriftstellern. Nicht umsonst trage einer seiner Ausstellungskataloge den Titel „Die zweite Stimme“, erklärt Froeschlin. „Es ist wie in einer Musikpartitur, sagen wir etwa für ein Jazz-Impro mit zwei Instrumenten. Eine Stimme liefert dann der Dichter, eine liefere ich. Mal ist eben der Dichter zuerst da und ich beziehe mich darauf, mal ist es umgekehrt.“

Letzteres war etwa der Fall mit einem bekannten Theaterdichter aus der nicaraguanischen Provinzhauptstadt Matagalpa, wo Froeschlin seit rund 25 Jahren ein Grafik- und Buchkunstprojekt betreibt. Besagter Dichter verfasste Kurzgeschichten zu Radierungen, die der Künstler, inspiriert von seinen Streifzügen durch die Stadt, angefertigt hatte. „Nicaragua war lange Zeit so etwas wie meine zweite Heimat“, sagt Froeschlin, wegen der aktuellen Regierung seien Reisen dorthin allerdings nicht mehr möglich.

Stattdessen reist der Künstler einmal im Jahr in die USA, um dort mehrere Tausend Meilen mit einem Mietwagen zurückzulegen. „Das sind vor allem Geschäftsfahrten, denn ich verkaufe die meisten meiner Bücher, auch die deutschsprachigen, in den USA.“ Hauptabnehmer sind dort zumeist Universitätsbibliotheken, generell sei das Sammeln von Buchkunst dort in viel höherer Dichte verbreitet.

Reiseeindrücke aus den USA

Damit schlägt der Künstler den Haken zu einem weiteren Themenbereich der Ausstellung, den die Besucher im Stockwerk darüber erkunden können. „Hier gibt es sehr viel mehr Arbeiten, die insbesondere mit meinen Reisen in den USA zu tun haben“, erklärt Froeschlin mit Blick auf die Aquarelle, welche vorwiegend Eindrücke aus amerikanischen Kleinstädten zeigen, die er auf seinen Reisen durchfahren hat. „Ich habe da tagsüber ein oder zwei Meetings, fahre ein paar Hundert Meilen und abends sitze ich im Hotel und male dann kleine Reiseaquarelle.“

Ob in Providence, Rhode Island, oder in Morton Grove, Illinois: Froeschlin verarbeitet bisweilen unscheinbar wirkende Eindrücke, die sich ihm im Tagesverlauf offenbart haben. Damit ist die künstlerische Umsetzung aber oftmals noch nicht beendet. „In manchen Fällen entwickelt sich aus einem Aquarell noch eine Radierung“, erklärt er. In Montagen schließlich erfindet er aus den von ihm gesammelten Mosaiksteinchen dann neue Landschaften, die in dieser Form nicht existieren.

Ausstellung Die Ausstellung „Reisebilder, Dichterporträts, Künstlerbücher“ von Eckhard Froeschlin dauert von 14. April bis 2. Juni. Bei der Vernissage am Sonntag (11.30 Uhr) unterhält sich der Künstler mit Ulrich Olpp, Vorsitzender des Heimat- und Kunstvereins Backnang. Die Finissage findet am Sonntag, 2. Juni, um 16 Uhr statt. Das Helferhaus ist von Dienstag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 18 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei.

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Erstellt:
12. April 2024, 14:00 Uhr

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