„Die Poesie lässt einen über den Dingen schweben“

„Schwebezustand Melencolia“ und „Schwebebrücken aus Papier“ heißen die neuesten Veröffentlichungen des Backnanger Lyrikers Hellmut Seiler. Die darin enthaltenen Gedichte handeln von der Vergänglichkeit, Religion, Liebe, aber auch von neuen Reisezielen.

Hellmut Seiler hat in Waldrems seine Heimat gefunden. Foto: E. Seiler

© Éva Iszlai-Seiler

Hellmut Seiler hat in Waldrems seine Heimat gefunden. Foto: E. Seiler

Backnang. Mit 35 Jahren wurde der Schriftsteller Hellmut Seiler aus Rumänien ausgewiesen, zur Zeit der kommunistischen Diktatur unter Nicolae Ceaușescu. In Waldrems hat der deutsche Muttersprachler Fuß gefasst. Dort kann er frei schreiben. Nun sind zwei neue Werke von ihm erschienen.

Herr Seiler, Ihre beiden Neuerscheinungen tragen das Wort „schweben“ im Titel. Gibt es ein verbindendes Element zwischen den zwei Büchern?

Eigentlich nur insofern, als es sich bei beiden um Lyrik handelt. Das eine, die „Schwebebrücken aus Papier“, ist eine Anthologie; die erste Anthologie rumänischer Gegenwartslyrik auf Deutsch seit 23 Jahren. Das sind also nicht meine Gedichte, ich habe sie nur ausgewählt und übersetzt. Bei dem anderen, „Schwebezustand Melencolia“, handelt es sich um einen eigenen Gedichtband, der in den letzten Monaten entstanden ist.

Worum geht es in Ihrem Gedichtband?

„Melencolia“ hat ein bisschen mit dem jetzigen Status – der etwas größeren Abstandnahme, der Vereinsamung und der melancholischen Grundhaltung, die man in diesen schlimmen Zeiten entwickelt – zu tun. Es ist aber doch richtig, dass beide Werke mit einem Schwebegefühl zusammenhängen. Diesen Schwebezustand – ganz gleich, ob melancholisch oder nicht –, den verdanke ich – oder vielleicht auch der Leser – der magischen Kraft der Poesie, die einen sozusagen über den Dingen schweben lässt.

Mit welchem der beiden Gedichtbände haben Sie sich länger beschäftigt?

Die Anthologie, die Übersetzertätigkeit, die war natürlich zeitaufwendiger. Ich habe ungefähr zwei Jahre daran gearbeitet. Etwas anderes ist es, die eigenen Gedichte zu verfassen. Die verfasst man unabhängig von einem vorgegebenen Rhythmus, wie man gerade gestimmt ist. Man nimmt sich nicht vor, ein Gedicht zu schreiben. Das fällt einem ein, man schreibt es nieder und überarbeitet es eventuell noch. Aber es ist keine Arbeit in dem Sinne. Es ist eher eine Freisetzung von Energie und eine Befreiung vom Alltag damit verbunden.

Indem Sie schreiben, erreichen Sie den vorher erwähnten Schwebezustand.

So ist es.

Lassen Sie uns über die Anthologie sprechen. Wie haben Sie die Auswahl der Autorinnen und Autoren getroffen?

Zwei Schriftsteller aus Rumänien haben eine Art Vorauswahl getroffen. Es sind die großen Namen der heutigen rumänischen Gegenwartsliteratur – nicht nur Lyrik, sondern auch Dramatik oder Epik – enthalten. Sie machen etwa zwei Drittel der Lyriker aus. Das letzte Drittel habe ich hinzugefügt, nach eigenen Präferenzen. Ich kenne die rumänische Gegenwartsliteratur zwar nicht umfassend, aber doch einigermaßen, weil ich die Sprache beherrsche, auf dem Laufenden bin mit den Vorgängen dort und zur literarischen Szene in Rumänien gehöre.

Was zeichnet die rumänische Gegenwartsliteratur aus?

Nun, das ist schwer in einem einzigen Satz zu sagen. Sie ist sehr vielfältig. Es gibt einen gewissen frechen, frischen Ton. Eine ganz bestimmte Art von Umgang mit der dort relativ neuen Meinungs- und Freiheit des Wortes. Seit dem Ende der Diktatur (Anm. d. Red.: 1989) hat sich da sehr vieles getan im Sinne von Befreiung von alten Zwängen und dem Ablegen von Maulkörben. In der Lyrik ist das umso ausgeprägter, weil die Lyrik die persönlichste und intimste Form von Literatur überhaupt ist.

Welche Motive beschäftigen die Dichterinnen und Dichter in Ihrem Band?

Es ist öfter von Gott oder gottgleichen Zuständen die Rede. Im Kommunismus war Religion die ganze Zeit über unterdrückt, so gut wie verboten. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist natürlich der Umgang mit der neu ausgebrochenen Freiheit, auch des Reisens. Es kommen oft Bezüge zu Reisezielen zum Vorschein – ob das in Frankreich, in Deutschland oder in Italien ist. Man merkt schon, dass das eine große Rolle spielt für diese Leute, die ja die längste Zeit über eingesperrt waren in ihrem Land.

Was verbirgt sich hinter dem Titel „Schwebebrücken“, der die Gedichte der Sammlung vereint?

Er ist kein Zitat aus einem der Gedichte, sondern meine Schöpfung, mein Wort. Der Schwebezustand ist, wie vorher erläutert, für mich die Freiheit und Leichtigkeit, die die Poesie einem verleiht. Dazu die Brücke, eine Verbindung zwischen zwei Ufern: zwischen dem Autor oder der Autorin – es sind ungefähr gleich viele Frauen wie Männer enthalten – und den Lesern. Zwischen dem lyrischen Ich und der Wirklichkeit.

Kommen wir zu Ihrem Gedichtband, „Schwebezustand Melencolia“. Sind Sie selbst ein melancholischer Mensch?

(lacht). Ab und zu. Nicht durchgehend, aber da ist schon manchmal eine gewisse heitere Traurigkeit. Wenn man nachdenkt über den Zustand, in dem sich die Welt befindet, wenn man sich in der Natur befindet, wenn man an die zwischenmenschlichen Beziehungen denkt oder wenn man seinen eigenen Erinnerungen nachhängt, kann man durchaus melancholisch werden. Die Zeit bleibt ja nicht stehen. Sie geht an uns auch nicht spurlos vorüber. Und auch diese Vergänglichkeit, die man immer wieder feststellt, wenn man ein gewisses Alter erreicht oder überschritten hat, führt eben dazu, dass man melancholisch wird im Sinne von nachdenklich, von überlegt und der Tiefe der Dinge, die uns umgeben, nachgehend.

Wie würden Sie den Zustand der Welt beschreiben? Was liegt im Argen?

Nun, im Argen liegt ja vieles, was man auch in den Tageszeitungen nachlesen kann. Die Leute sind zunehmend verändert worden, auch durch die Neuen Medien. Das sind nicht unbedingt immer erfreuliche Entwicklungen, auch wenn sie durchaus positive Seiten haben. Es ist zum Beispiel eine gewisse Vereinsamung der Leute feststellbar. Sie reden zwar miteinander übers Handy, sitzen aber nebeneinander und schweigen.

Welche Motive kommen in Ihren Gedichten am stärksten zum Tragen?

Die Zeit spielt eine große Rolle. Die Vergänglichkeit kommt als Motiv immer wieder vor. Die Unruh einer Uhr, die Sanduhr oder auch die Sonnenuhr – alles, was irgendwie Zeit misst, weil man ja feststellt, wenn man so ein bisschen in sich hineinhorcht, dass man ja doch eben nur für eine ganz begrenzte Zeit da ist. Ein weiterer obsessiver Gedanke, der immer wiederkehrt bei mir, ist die Liebesbeziehung zu einem Menschen oder mehreren, den oder die man liebt. Und dann die Schönheit der Natur, die uns umgibt und mit der wir so fahrlässig umgehen.

Natur, Liebe, die eigene Vergänglichkeit: Das sind drei Themen, die das Leben essenziell ausmachen. Wie hat sich Ihre Lyrik im Lauf der Jahre verändert?

Meine Lyrik ist viel ruhiger geworden, viel gedämpfter in den Tönen und weniger politisch. Wenngleich natürlich eine gewisse Beschäftigung mit der eigenen Befindlichkeit und mit der näheren menschlichen Umgebung auch eine Form von Umgang mit Politik ist. Früher war ich erklärtermaßen ein politischer und sehr kritischer Dichter. Das hat mir sehr viel Ärger gebracht in den ersten 35 Jahren meines Lebens, die ich in Rumänien gelebt habe. Ich bin nicht, wie viele meiner Landsleute, im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen, sondern als Persona non grata aus dem Land ausgewiesen worden. Ich bin also ein sehr politischer Mensch gewesen. Ich bin es auch geblieben.

Das Gespräch führte Melanie Maier.

Hellmut Seiler

Vita Am 19. April 1953 wird Hellmut Seiler in Rupea, im rumänischen Siebenbürgen, geboren. In Sibiu studiert er Germanistik und Anglistik, wird Lehrer. Mit 35 Jahren wird er des Landes verwiesen. Zuvor war er bereits aus dem Schuldienst entlassen worden, hatte drei Jahre Publikationsverbot.

Werk Seiler hat zehn eigene Gedichtbände verfasst. Sieben Jahre war er Generalsekretär des Exil-P.E.N. deutschsprachiger Länder. Seit zwei Jahren ist er Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbands Uniunea Scriitorilor din România. 2019 hat er den Rolf-Bossert-Gedächtnispreis für deutschsprachige Lyrik ins Leben gerufen. Kürzlich war er im Podcast „Donauwellen“ zu Gast.

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Erstellt:
5. November 2021, 16:00 Uhr

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