Einstürzende Neubauten: neues Album

Die Reifeprüfung

Deutschlands innovativste Band, die Einstürzende Neubauten aus Berlin, biegt auf ihrem neuen Album allmählich in die Zielgerade ihres Schaffens ein.

Die Einstürzenden  Neubauten: Rudolf Moser, N. U. Unruh, Blixa Bargeld,  Alexander Hacke und Jochen Arbeit (v. l.)

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Die Einstürzenden Neubauten: Rudolf Moser, N. U. Unruh, Blixa Bargeld, Alexander Hacke und Jochen Arbeit (v. l.)

Von Jan Ulrich Welke

Geahnt haben wir es schon länger, aber jetzt haben wir es auch schwarz auf weiß. Popmusiktexte sind im Laufe der letzten Jahrzehnte immer simpler geworden, ihre lexikalische und strukturelle Komplexität sowie ihr Wortreichtum haben abgenommen, die Selbstbezogenheit in den Texten ist gestiegen: So lauten die Forschungsergebnisse einer internationalen wissenschaftlichen Studie, die soeben in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ publiziert worden sind. Alles, was irgendeinen Anspruch hat oder auch nur ansatzweise kompliziert ist, hat in der Welt der Poplyrics also einen immer schwereren Stand. Und alles, was popmusikalisch nicht nur etablierte Songstrukturen wiederkäuen oder erfolgreiche Rezepte nachäffen will, sowieso.

Zum Beweis dessen bedurfte es freilich nicht der Dienste der Wissenschaft, dazu genügt ein Ohr am Puls des Formatradios unserer Zeit, insbesondere, wenn dort „vielversprechende Newcomer“ vorgestellt werden. Ist die Kunstform Pop also längst auserzählt, in sich erstarrt, zur ewigen Repetition des Immergleichen verdammt? Schippert der Unterhaltungsmusikdampfer in Gewässern, die mittlerweile so seicht sind, dass es dort gar keine Klippen mehr gibt, die zu umschiffen wären?

Erhörtes und Unerhörtes

„Alles schon geschrieben, alles schon gesagt“, singt Blixa Bargeld wie zum Beweis dessen gleich in den zwei ersten Zeilen des ersten Lieds auf dem neuen Albums der Einstürzenden Neubauten. Um in den folgenden veritablen 75 Minuten des von diesem Freitag an erhältlichen Doppelalbums mit dem sperrigen Titel „Rampen (APM: alien pop music)“ die Negation dieser These vorzuführen, indem er in seinen Songzeilen fein säuberlich das Gegenteil vorexerziert – und wieder einmal Worte findet und Texte erfindet, die in der deutschen Popmusiklandschaft nach wie vor ihresgleichen suchen.

Seit 43 Jahren machen die Einstürzenden Neubauten dies nun schon so; seit ihrem stupenden, 1981 veröffentlichten Debüt „Kollaps“ verblüfft ihr Sänger Blixa Bargeld, der vor 65 Jahren als Hans-Christian Emmerich in Westberlin geboren wurde, mit Lyrics, die sich wirklich dicht an der Lyrik entlanghangeln. „Alles schon geschrieben/alles schon gesagt/Der Längsschnitt durch die Zwiebel/Die Brust wird ausgefegt/Der Schnitt durchs Ladekabel“ – so jedenfalls geht der Text des Lieds „Wie lange noch“ weiter, das wie die Hälfte des Albums auf Deutsch gesungen wird (die andere Hälfte der 15 Tracks ist auf Englisch) und schon andeutet, dass es der Band gewiss nicht an ästhetischer Gestaltungshöhe gebricht. So weit zumindest ist bei der wohl stilprägendsten Band aus deutschen Landen nach wie vor alles beim (bewährten) Alten geblieben.

Auch das Nichtgesungene zählt

Doch Vokalmusik besteht bekanntlich nicht aus Text allein, womit wir beim Titel wären. „Rampen“ nennen die Neubauten-Mitglieder selbst jene Phasen ihrer Konzerte, in denen auf Fragmenten oder nicht komplett ausformulierten Songstrukturen aufbauend mehr oder weniger improvisiert wird. Und mit dem Zusatz „alien pop music“ möchte die Band – ihr bisweilen etwas kauziger Vorsteher macht in den zahlreichen Interviews dieser Tage auch kein Hehl draus – gerne so verstanden wissen, dass ihr Tun tatsächlich überirdisch und quasi nicht von dieser Welt ist. Das mag man anmaßend finden, wie man die Musik der Einstürzenden Neubauten noch immer mit den Worten „Krach auf Schrottinstrumenten“ assoziieren könnte, also mit Attributen, für die diese Band tatsächlich auch einmal stand. Aber das wäre ungerecht. Denn im gleichen Maße, in dem sich die einst jungen wilden Herren im Laufe der Dekaden dem deutschen Renteneintrittsalter angenähert haben, hat auch ihre Musik den Weg weg von der puren orgiastischen Lust am Infernalischen hin zur milden Liedform gefunden.

Stücke wie „Yü-Gung (Fütter mein Ego)“, die mit ihrem brachialen Industrialduktus so prägend für die frühen Tage der Berliner Band waren, sucht man auf dem aktuellen Album jedenfalls vergebens. Hier manifestiert sich vielmehr der lange Weg, den die Einstürzenden Neubauten in all den Jahren gegangen sind. An seinem Rand sind als Wegmarken etwa das bezaubernd milde „Sabrina“ (vom 2000er Album mit dem klingenden Namen „Silence is sexy“) oder das sanftmütige „Nagorny Karabach“ vom Album „Alles wieder offen“ (2007) zu finden. Und auf diesem Weg scheinen sie nun in die Zielgerade einzubiegen.

Wie immer alles richtig gemacht

Denn „Rampen“ erklingt vom ersten bis zum letzten Ton in einem milden, getragenen Ton, der mitnichten nach Improvisationen, sondern nach viel in Songstrukturen investiertem Gehirnschmalz klingt. Wenn man nicht wüsste, dass die Musik in großen Teilen noch immer mit einem im Baumarkt zusammengekauften Instrumentarium eingespielt worden ist, würde man auf sehr hochwertige Synthesizer wetten, die hier neben Gitarre, Bass und allerlei Schlagwerk zum Einsatz kommen. Und wenn da nicht Bargelds prägnante Stimme wäre, käme man bei der Hälfte der Lieder und ihrem Schönklang gar nicht auf die Idee, dass sie von jenen Einstürzenden Neubauten stammen könnte, wie man sie früher einmal kannte.

Im Wissen darum, dass diese Band gewiss keine kommerzgetriebene Konzessionsentscheidungen trifft, darf man das als stringente Fortentwicklung und vielleicht sogar als Altersweisheit werten. Auch wenn die Lust am Experiment ebenso wie ein besonders herausstechendes Stück diesmal ein klein wenig fehlen mögen: Gereift klingt dieses Album auf jeden Fall. Und ausgereift allemal.

Das Werk und die Tournee

Tour Die Europatournee der Einstürzenden Neubauten beginnt am 5. September in Wien und endet am 29. Oktober in Antwerpen. In Deutschland sind Auftritte in München (6.9.), Berlin (9.9.), Köln (14.9.), Hamburg (Elbphilharmonie, 15.9., ausverkauft), Frankfurt (8.10.), Hannover (9.10.) sowie Leipzig (17.10.) geplant.

Album „Rampen (apm: alien pop music)“ erscheint an diesem Freitag als limitiertes De-luxe-Doppel-Vinyl, als Standard-Doppel-LP sowie als Doppel-CD. 

Katalog Seit ihrem 1981 erschienenen Debütalbum „Kollaps“ haben die Einstürzenden Neubauten unzählige Alben, EPs, Kompilationen und Filme veröffentlicht, ihre Mitglieder haben daneben zahlreiche Soloprojekte verfolgt. Herauszuheben in der Bandgeschichte sind die Klassikeralben „1/2 Mensch“ von 1985, „Fünf auf der nach oben offenen Richterskala“ (1987), „Haus der Lüge“(1989), „Die Hamletmaschine“ (1991), „Tabula rasa“ (1993), „Silence is sexy“ (2000) und „Alles wieder offen“ (2007).

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Erstellt:
5. April 2024, 01:16 Uhr
Aktualisiert:
5. April 2024, 09:03 Uhr

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