Fast vergessene Oper wieder ausgegraben

Frieder Bernius präsentiert morgen im Backnanger Bürgerhaus Conradin Kreutzers romantische Oper „Der Taucher“ in zwei Akten nach einer Ballade von Friedrich Schiller. Die Musik Kreutzers ist inspiriert von der italienischen Oper.

Seit Jahren gastiert schon der Wahlbacknanger Frieder Bernius in der Reihe „Bernius in Backnang“ mit seinem Kammerchor und der Hofkapelle Stuttgart im Bürgerhaus. Foto: Musikpodium

Seit Jahren gastiert schon der Wahlbacknanger Frieder Bernius in der Reihe „Bernius in Backnang“ mit seinem Kammerchor und der Hofkapelle Stuttgart im Bürgerhaus. Foto: Musikpodium

Von Thomas Roth

Backnang. Mit Conradin Kreutzers Oper „Der Taucher“ bringt Frieder Bernius jetzt seine siebte Produktion von Werken ehemaliger Stuttgarter Hofkomponisten zur Wieder-Uraufführung. Das Konzert der Hofkapelle Stuttgart, des Stuttgarter Kammerchors sowie von hochkarätigen Gesangssolisten wie Sarah Wegener am morgigen Samstag, 21. Mai, im Backnanger Bürgerhaus wird vom SWR aufgezeichnet.

Vieles, sehr vieles finden die Menschen im Internet. Hörbeispiele von „Der Taucher“, neben dem „Nachtlager von Granada“ eine der eher bekannten Opern des 1780 im badischen Meßkirch geborenen Komponisten Conradin Kreutzer, wird man dort vergeblich suchen. Während „Der Freischütz“ seines Zeitgenossen Carl Maria von Weber hunderttausende Male seit der Uraufführung 1821 auf die Bühnen gebracht wurde, landete „Der Taucher“ nach seiner Stuttgarter Uraufführung 1813 tatsächlich in der Versenkung. Bernius sagt dazu: „Das kann nicht sein.“ Er meint, das darf nicht sein – und ändert dies nun.

Die Musik ist inspiriert

von der italienischen Oper

Die Arbeit beginnt mit der Suche nach überlieferten Autografen, also handschriftlichen Noten des Komponisten. Eine gedruckte Partitur gibt es ja nicht. Beim „lesenden Hören“ der Partitur fällt für Frieder Bernius dann die Entscheidung: Gefällt mir das, ist diese Musik es wert, sich weiter mit ihr zu beschäftigen? Im Falle von „Der Taucher“: eindeutig ja. Diese frühromantische Musik gibt „keinen Ausblick in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts“, gefällt aber unter anderem durch „anrührenden, beseelenden, lyrischen Gesang“.

Die Musik Kreutzers sei inspiriert von der italienischen Oper, insbesondere von Salieri und zwischen Schubert und Mendelssohn anzusiedeln, so Bernius: „Was passiert denn 1813? Da ist der Mozart tot, dann hat der Beethoven den ,Fidelio‘ geschrieben, und dann erscheint am Horizont der Rossini. Und da dazwischen ist der Kreutzer. Ich finde gerade das Dazwischen spannend. Wir steigen gerne auf die Achttausender, und sagen, das ist der höchste Berg. Die Sechstausender finden wir dann nicht so interessant, dabei sieht man manchmal von einem Sechstausender mehr als vom Achttausender. Die Komponisten haben es meiner Meinung nach nicht verdient, ganz vergessen zu werden. Die Ouvertüre beispielsweise beginnt in d-Moll mit Tremolo. Das heißt, dass da nicht immer nur eine Melodie kommt, die begleitet wird, sondern dass die Musik durchaus dramaturgische Aspekte hat.“

Der Librettist Samuel Gottlieb Bürde siedelt seine Geschichte in typisch (früh-)romantischer Manier vorwiegend in der freien Natur an. Der Wald und das Wasser spielen eine große Rolle. Hier kommt auch Schillers Ballade „Der Taucher“ ins Spiel, die Bürde zu dem Libretto inspiriert hat. Im Gegensatz zu Schiller hat sich Bürde allerdings für ein Happy End seiner Geschichte entschieden, was ihm von Schiller in feinster Lästerzungenmanier den Kommentar „dünne Speise“ einbrachte.

Inhaltlich geht es um einen Bruderzwist, der nach dem Tod Lorenzos, des Herzogs von Messina, zwischen Alphonso und Lorenzo ausbricht. Lorenzos Tochter Alphonsine, eine Jägerin, soll gegen ihren Willen mit Prinz Antonio verheiratet werden. Ivo, ein bei seinem Vater im Wald lebender Bursche, hat genug vom Singledasein und wirbt um Alphonsine. Streit ist programmiert, wird aber von Alphonsine geschlichtet. Ivo hat nun einen Traum: Er taucht in den Strudel der Meerenge von Charybdis, um einen Becher herauszuholen, den Herzog Lorenzo dort hineingeworfen hat. Demjenigen, der diese Mutprobe wagt, will er seine Tochter zur Frau geben. Soweit die Parallele zu Schillers Ballade. Hinzu kommen typisch romantische Sujets: Halluzinationen, Visionen, eine Fee und eine Fata Morgana. Die Instrumentalmusik, die Kreutzer hierzu komponiert hat, gehört für Bernius mit zu den Highlights der Oper.

Für den international als (Vokal-)Klangästheten bekannten Maestro spielt nach eigenen Aussagen der Text per se eine tendenziell eher untergeordnete Rolle. Bei der Gesangsinterpretation zu sehr auf die semantische Betonung einzelner Wörter einzugehen lenke doch vom Eigentlichen ab: dem Klang an sich. So darf sich der Besucher des Konzerts am morgigen Samstag also auf ein brillantes Klangerlebnis à la Bernius freuen. Mit dabei ist neben der Sopranistin Sarah Wegener als Alphonsine der Sopranist Philipp Mathmann als Ivo. In der in Backnang zu Gehör kommenden Mischfassung aus der Stuttgarter Uraufführung und einer mit Rezitativen versehenen Aufführung von 1824 in Wien führt Pascal Zurek als Sprecher aus dem Off mit Reimen des Ulmer Dramaturgen Bernd Schmitt durch die Story und singt den Alphonso. Des weiteren sind Johannes Hill als Lorenzo und Daniel Schmid als Herzog Antonio zu erleben. Die Hofkapelle Stuttgart musiziert historisch informiert auf nachgebauten Blasinstrumenten der damaligen Zeit. Die Streicher arbeiten mit Darmsaiten, und die Gesamtstimmung ist etwas tiefer als heute üblich. Der Stuttgarter Kammerchor darf natürlich nicht fehlen, um die wichtigsten Auszüge aus Conradin Kreutzers Werk „Der Taucher“ zu einem akustischen Genuss werden zu lassen. Und Bernius ist überzeugt: „Der Kreutzer würde sich sicher darüber freuen, dass wir das machen.“

Frieder Bernius ist ein Klangästhet. Er gilt als reflektiert in der Theorie und perfektionistisch in der Praxis. Foto: Timo Kabel

© KabelArt

Frieder Bernius ist ein Klangästhet. Er gilt als reflektiert in der Theorie und perfektionistisch in der Praxis. Foto: Timo Kabel

Zweite Station ist Meßkirch

Zwei Konzerte Conradin Kreutzers Oper „Der Taucher“ wird am Samstag, 21. Mai, um 20 Uhr, im Backnanger Bürgerhaus aufgeführt. Am Sonntag, 22. Mai, 18 Uhr, ist eine weitere Aufführung in der Stadthalle von Kreutzers Geburtsstadt Meßkirch.

Eintrittskarten Karten gibt es unter www.backnanger-buergerhaus.de, unter 07191/894567, buergerhaus@backnang.de oder an der Abendkasse.

Neuausgrabung Frieder Bernius war es immer schon ein Anliegen, zu Unrecht fast vergessene Werke der südwestdeutschen Musiklandschaft aus den Archiven zu holen und dem Publikum vorzustellen. Nun steht mit Kreutzers „Der Taucher“ eine weitere Neuausgrabung auf dem Programm. Die Aufführungen werden in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg realisiert.

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Erstellt:
20. Mai 2022, 06:00 Uhr

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