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Frühe Liebe, Erfolge und Entschlossenheit

Der 15-jährige Emir Ilgen aus Istanbul gehört zu den jüngsten Teilnehmern bei der Murrhardter Klavierakademie

Eigentlich leuchtet es ein, dass jemand, der als Solist auf internationaler Bühne erfolgreich sein will, so früh wie möglich mit dem Unterricht beginnen sollte. Aber wie kommt es eigentlich, dass ein wirklich junger Mensch diesen Weg einschlägt? Emir Ilgen aus Istanbul erzählt von seinem frühen Aufbruch, seinen ersten Erfolgen und Plänen. Er ist gerade mal 15 Jahre alt.

Emir Ilgen (Mitte) im Unterricht mit Felix Gottlieb (links). Anna Krause (rechts) übersetzt vom Russischen ins Englische. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Emir Ilgen (Mitte) im Unterricht mit Felix Gottlieb (links). Anna Krause (rechts) übersetzt vom Russischen ins Englische. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. „Unsere Familie ist wirklich musikbegeistert“, sagt Emir Ilgen und seine Eltern, die ihn zur Internationalen Klavierakademie nach Murrhardt begleitet haben, lächeln. Der 15-Jährige stellt fest, dass er mit vielen Büchern über Komponisten und CD-Aufnahmen aufgewachsen ist. Auch Konzertbesuche gehörten dazu. Nach seinen groben Erinnerungen war ihm mit etwa sieben Jahren klar, dass er ganz in die Welt des Pianos eintauchen will, weil das Instrument so viele Möglichkeiten bietet. Der Traum: Klavier mit einem Orchester zu spielen.

Mit acht Jahren erhielt er in Izmir, wo er aufgewachsen ist, Unterricht in einem Konservatorium, rund ein Jahr später bekam Emir Ilgen bei einem Wettbewerb den Sonderpreis. „Das war natürlich ein Riesenansporn“, sagt er. Es bleibt nicht die einzige Auszeichnung. Seine ersten Erfahrungen auf europäischem Parkett sammelte er in Deutschland, beim Clara-Schumann-Wettbewerb in Baden-Baden bekam er den ersten Preis mit neun Jahren. Ein Jahr später siedelte die Familie nach Istanbul um. Mit elf Jahren hat Emir Ilgen im Rahmen von Wettbewerben in Russland und in der Türkei die Möglichkeit, das Klavierkonzert Nummer 11 von Joseph Haydn gemeinsam mit großen Staatsorchestern aufzuführen. Seine Mutter beschreibt die Schnelligkeit seiner Entwicklung: „Er hat nur vier Jahre gebraucht, um sich seinen Traum zu erfüllen.“ Es folgten erste Meisterkurse beispielsweise in Belgien.

Es wird klar, dass der Jugendliche auch sonst nicht gerade herumträumt, sondern sehr gezielt seine Fühler ausstreckt – und zwar in Bezug auf wichtige Namen, Schulen und Meisterkurse in der europäischen Klassikszene. Dabei ist er auf die Internationale Mendelssohn-Akademie in Leipzig und Professor Gerald Fauth gestoßen. „Ich wollte ihn gerne treffen“, sagt der 15-Jährige. Also hat er ihm Videos verschiedener Auftritte geschickt. Da Gerald Fauth abwechselnd bei Meisterkursen in Leipzig und Murrhardt unterrichtet, lädt er ihn in die Walterichstadt ein. Die Region ist der Familie nicht völlig unbekannt, vor einem Jahr war sie in Backnang, um dort den Pianisten Wolfgang Manz zu treffen.

All das ist möglich, weil seine Eltern ihn unterstützen, wo sie nur können. Lässt es die Arbeit zu, begleitet auch sein Vater ihn, wie nun bei der Klavierakademie. Freie Zeit ist rar. Aber so etwas wie Urlaub scheint Emir Ilgen auch nicht zu vermissen. Eher im Gegenteil. Seine Eltern achten mittlerweile darauf, dass – sollten sie unterwegs sein – immer ein Klavier in der Nähe ist. „Wir wollen ja, dass es Emir gut geht und er entspannt ist“, meint die Mutter.

Seine Eindrücke von der Internationalen Klavierakademie sind gut. „Es ist eher die Ausnahme, Unterricht bei gleich drei Professoren zu haben“, sagt er. Sechs Unterrichtsstunden mit so unterschiedlichen Einschätzungen zu den jeweiligen Werken zu bekommen, mache die Teilnahme zu einer reichen Erfahrung.

Unterricht bei drei Professoren macht die Akademie wertvoll

Gleichsam ahnt er schon, dass die Stunde bei Professor Felix Gottlieb nicht ganz einfach werden könnte, weil er ein ziemlich taufrisches Stück zum Unterricht mitbringt – die Ballade drei aus dem Opus 47 von Frédéric Chopin. Der 15-Jährige liegt in seiner Einschätzung richtig. Dass er sich erst drei Tage mit dem Stück beschäftigt hat, hält den Klavierakademie-Vater nicht davon ab, nach seinem Vortrag klare Worte zu finden. „An manchen Stellen haben Sie etwas gespielt, also mit dazugenommen, was so nicht in den Noten steht“, sagt Felix Gottlieb. Sein Credo für den jungen Pianisten: Sehr streng und diszipliniert arbeiten, absolut exakt am Notensatz bleiben. „Das ist deshalb so wichtig, damit Sie sich nicht an einen falschen Klang gewöhnen.“ Der erfahrene Dozent ist zwar deutlich, trotzdem geht er humorvoll an die Stunde heran. „Das war sehr schön, aber nicht korrekt“, sagt er. Felix Gottlieb geht das Stück sehr genau mit Emir Ilgen durch. Mal wird eine Stelle seziert, mal der Job von rechter und linker Hand analysiert. Unterrichten kann der Klavierakademie-Vater in seiner Muttersprache Russisch und auf Deutsch. Da der 15-Jährige sich im Englischen sicherer fühlt als im Deutschen, hat sich Anna Krause dazugesellt. Sie übersetzt vom Russischen ins Englische. Und so schnappt der Schüler neugierig nebenher noch ein paar russische Wörter auf. Das gute Hören und die Konzentration auf den Klang sind sozusagen immer auf Empfang.

Nach der tieferen Einarbeitung gibt Gottlieb dem jungen Pianisten noch ein paar generelle Tipps mit. „Wenn es an einer bestimmten Stelle nicht klappt, lieber runter mit dem Tempo und langsamer spielen. Geht es um starke Emotionen, ist es besonders wichtig, die Kontrolle zu behalten und mit einem kühlen Kopf zu spielen“, sagt er. Beim Schluss möchte Gottlieb, dass der Klang sich weit öffnet, um groß zu werden, was aber nichts mit Lautstärke zu tun hat.

Emir Ilgen muss die Stunde erst mal verdauen, gleichsam hat er eine ganze Reihe anderer Stücke dabei, an denen er schon länger arbeitet. Zweimal hat er bereits bei Teilnehmerkonzerten gespielt. Auch diese Auftrittsmöglichkeit ist für ihn wichtig, um weitere Erfahrung zu sammeln. Jürgen Riebesam von der gleichnamigen Stiftung in Murrhardt hat ihm bereits signalisiert, dass er sich vorstellen kann, ihn als Talent bei einem Studium in der Nähe zu unterstützen. In der Türkei wird er zurzeit von Güher und Süher Pekinel, zwei bekannten türkischen Pianistinnen, und deren Stiftung (Musicians on World Stages) gefördert.

Anders als viele der Teilnehmer der Klavierakademie studiert Emir Ilgen aber noch nicht. Bei der Rückkehr geht es für ihn erst mal mit der Schule weiter. Bei seinen Zukunftsplänen steht für ihn ganz klar die klassische, westliche Musik im Fokus, wie er sagt, und deshalb liegt für ihn auch der Gedanke nahe, in deren Heimat zu studieren. Ob das Deutschland, Frankreich, die Schweiz oder ein anderes Land sein könnte, hängt für ihn letztlich von seiner persönlichen Entwicklung bis dahin und ganz stark vom Dozenten ab, bei dem man unterrichtet werden möchte und kann. „Beim Musikstudium wählt man den Lehrer.“ Emir Ilgen ist nicht nur klar und entschlossen, er wirkt auch schon fast ein wenig erwachsen. Durch die Wettbewerbe und Kurse hat er natürlich auch schon einiges von der Welt gesehen.

Beim Gang durch den Stadtgarten trifft er die Mutter von Viktor Satler, ein Teilnehmer aus Deutschland, der in seinem Alter ist und mit dem er Kontakt geknüpft hat. Der 15-Jährige wechselt ins Deutsche. Unterhalten sich die beiden vielleicht auch mal über ihre Länder, Unterschiede oder politische Aspekte? „Wenn überhaupt Zeit bleibt, sprechen wir eigentlich nur über Musik“, sagt Emir Ilgen. „Es ist ihre gemeinsame Sprache“, ergänzt seine Mutter mit einem Lächeln.

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Erstellt:
7. September 2019, 11:30 Uhr

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