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Hoffnung im Herzen, Feuer im Bauch

Biennale I Die 58. Auflage der Kunstschau in Venedig öffnet ihre Tore, und erstmals sind dort mehr Frauen als Männer vertreten

Kunst - Klimawandel, Kriege, Emigration, technologische Umbrüche: Politische und soziale Gegenwartsprobleme geben in der höchst sehenswerten Schau den Ton an, sie werden aber nicht ideologisch überspitzt.

Am Eingang zur Hauptausstellung im zentralen Pavillon der Gartenanlagen Venedigs sieht sich der Besucher bunten aufgeblasenen Tafeln gegenüber. Wird die Luft abgelassen, kann man kurze Botschaften lesen: „Don’t worry“, „Hey, relax“ oder „It’s over“. Will uns der in New York lebende Franzose Antoine Catala mit seiner Arbeit sagen, alles sei unwiderruflich zu Ende? Oder zum Glück nur vorbei?

Es gibt viele Blickwinkel, die man auf die Welt von heute richten kann. Und viele Möglichkeiten, die Art der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu interpretieren. Das genau ist das Thema, das Ralph Rugoff, der Direktor der diesjährigen Kunstbiennale, vorgegeben hat. „May you live in interesting Times“, so ihr durchaus auch mehrdeutiges Motto, dass man in interessanten Zeiten leben möge.

Der 62-jährige Amerikaner, seit vielen Jahren Leiter der Hayward Gallery London für Gegenwartskunst, hat dafür 71 Künstler beziehungsweise Künstlergruppen nach Venedig eingeladen. Das sind besucherfreundlich deutlich weniger als in den vergangenen Jahren. Darunter sind einige bekannte Namen – Christian Marclay, Tomà s Saraceno, Rosemarie Trockel –, aber auch zahlreiche Newcomer. Viele stammen aus dem afrikanisch-asiatischen Raum, leben aber häufig in New York oder Los Angeles. Berlin ist nach wie vor Wohnsitz von Künstlern auch aus Spanien, Polen oder dem Iran.

Zum ersten Mal sind mehr Frauen als Männer auf einer Biennale vertreten. Wie die Deutsche Alexandra Bircken, die sich mit menschlicher Verletzlichkeit beschäftigt. Im Hauptpavillon der Giardini hängt sie einen Motorradanzug wie eine Jagdtrophäe an die Wand, daneben steht eine aufgeschnittene Rennmaschine, die ihre inneren Mechanismen bloß legt. Im zweiten Teil der Ausstellung, in den alten Werftanlagen des Arsenale, stülpt die Künstlerin in einer apokalyptischen Installation 40 Figuren aus Latex wie gleichsam luftleere Säcke über Leitern und Gerüste.

Ralph Rugoff bespielt die beiden traditionellen Ausstellungsbereiche der Biennale mit den jeweils selben Künstlern, aber mit verschiedenen Ausschnitten aus ihren Arbeiten. Vielseitig sei das Kunstschaffen der Welt, vielseitig auch die Blicke des einzelnen Künstlers, so seine Theorie. Was aber nicht zur Beliebigkeit verleiten soll. Denn der von Menschen verursachte Klimawandel, Kriege, Emigration, technologische Umbrüche von der Gentechnik bis zur Künstlichen Intelligenz werden auf dieser Biennale nicht ausgeklammert. Ganz im Gegenteil: Die Chinesen Sun Yuan und Peng Yu haben einen riesigen Roboter entworfen, der mit einem Schaufelarm unentwegt versucht, blutrote Farbe vom Boden zu wischen – aber die Farbe fließt immer wieder nach.

Gegenwart durchzieht viele Arbeiten, die Erde wird unbewohnbar wie der Mars, Mauern und Stacheldraht zerteilen Räume. Der Alltag wird in den Giardini mit Müllsäcken aus schwarzem Marmor des Albaners Andreas Lolis abgeladen. Und der Münchener Hito Steyerl plädiert in einem Leonardo da Vinci gewidmeten Video für Strategien, sich dem Machbarkeitswahn zu widersetzen.

Die Kunst, so Ralph Rugoff, könne Nationalismus nicht aufhalten oder das Drama der Emigration nicht beenden, aber sie könne Blicke auf sie öffnen und Denken anstoßen. So hat er eine vielleicht wenig spektakuläre, aber höchst vielseitige Ausstellung von Gegenwartskunst entworfen bis hin zur Thematisierung von Frauenrollen, zu Problemen wie Einsamkeit und Krankheit. Es bleibt wenig Raum für einen verspielten Umgang mit der Wirklichkeit zum Beispiel durch den Chinesen Nabuqi, der eine Kunststoffkuh auf Schienen rollen lässt. Die Zeiten sind einfach nicht danach.

Die Biennale kostet rund 13 Millionen Euro. Zu der vor zwei Jahren kamen 615 000 Besucher, auf mindestens ebenso viele hofft man auch diesmal. Kurz vor Toresschluss am 24. November wird Biennale-Präsident Paolo Baratta seinen 80. Geburtstag feiern können. Der Mailänder Politiker, Ökonom und Kulturmanager leitet die öffentliche Kulturstiftung der Biennale Venedig mit den Sparten Kunst, Architektur, Kino, Theater, Tanz und Musik. Er hat die Einrichtung reformiert, sie mit anspruchsvollen Programmen auch in den weniger wahrgenommenen Sparten Theater, Tanz und Musik bis hin zum Karneval für Kinder breit verankert.

Wie bei jeder Biennale zeigen sich die Länderpavillons von ganz unterschiedlichen Seiten. In diesem Jahr sind 79 Staaten vertreten, neu dabei zum ersten Mal Ghana, Madagaskar, Malaysia und Pakistan. Es überzeugt die Videoinstallation von Laure Prouvost im französischen Pavillon, die bei einer Reise von Paris nach Venedig Zugehörigkeiten und Identitäten hinterfragt.

Bei den Schweizern tauchen Pauline Boudry und Renate Lorenz mit einer Tanzperformance in urbanes Leben ein. Getanzt wird auch bei den Brasilianern. Trist spiegelt der verlassen daliegende Pavillon Venezuelas, den kein Geringerer als der italienische Architekturpapst Carlo Scarpa vor 61 Jahren als eine Ikone der Moderne errichtet hatte, den aktuellen Zustand des lateinamerikanischen Landes wieder. Und dem Iran ist es gelungen, trotz Boykottdrohungen der USA gegen Transport- und Versicherungsunternehmen, in ihrem Pavillon im Stadtgebiet eine Kollektivausstellung einzurichten.

Insgesamt kommt in der Schau zum Ausdruck, was sich der Biennale-Direktor Ralph Rugoff von Künstlern erwartet: Hoffnung im Herzen aber Feuer im Bauch.

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Erstellt:
11. Mai 2019, 02:04 Uhr

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