Neue Leiterin beim Tübinger Cinelatino

„Ich mache das Festival fit für die Zukunft“

María Vallecillos Soldado ist seit 2023 Co-Leiterin beim spanischsprachigen Filmfestival Cinelatino. Zusammen mit Paulo de Carvalho will sie die Reihe überarbeiten. Was hat das spanisch-brasilianisch-deutsche Duo in diesem Jahr vor?

María Vallecillos Soldado sieht für das Cinelatino in Stuttgart noch viel Potenzial.

© LICHTGUT/Zophia Ewska

María Vallecillos Soldado sieht für das Cinelatino in Stuttgart noch viel Potenzial.

Von Kathrin Waldow

Sie ist die Investition in die Zukunft und das neue Gesicht des spanischsprachigen Filmfestivals Cinelatino mit Hauptsitz in Tübingen, María Vallecillos Soldado. Die 30-Jährige steht seit 2023 als Co-Leiterin an der Seite des bisherigen Leiters Paulo de Carvalho, der das Festival vor mehr als 30 Jahren gegründet hat. Wer ist die Frau, die das Cinelatino in die Zukunft führen soll und was haben die beiden für die diesjährige Ausgabe geplant?

Frau Vallecillos Soldado, Sie haben nun seit einem Jahr die Co-Leitung beim Cinelatino. Wie haben Sie und Paulo de Carvalho sich die Aufgaben aufgeteilt?

Paulo ist nach wie vor der künstlerische Leiter des Festivals. Ich war die vergangenen sieben Jahre bereits im Team, zuletzt als Koordinatorin. Die gemeinsame Leitung hat den Grund, dass es irgendwann einen Nachfolger für Paulo geben muss und er sich auch jetzt schon etwas zurückziehen will. Manche Festivals sterben, wenn der bisherige Leiter geht. Das wollen wir nicht.

Sie sind, wenn man so will, die Investition in die Zukunft?

Ja, das stimmt. Außerdem ist es mein Ziel, das Cinelatino strukturell für die Zukunft fit zu machen.

Wie kann man sich das vorstellen?

Es muss zum Beispiel bessere Arbeitsmodelle für die Mitarbeitenden geben. Mehr strukturelle Sicherheit, etwa mit dauerhaften Verträgen. Außerdem will ich das Festival noch nachhaltiger machen, etwa durch Filme, die entsprechend produziert werden, aber auch durch die Ausstattung. Das fängt mit dem Papier des Programmhefts an und hört bei den ausländischen Gästen auf, die teils aus Lateinamerika kommen. Wir achten jetzt schon darauf, dass eine bessere Vernetzung in Deutschland erreicht wird, dass die Filmschaffenden nicht nur für das Cinelatino herkommen, sondern, dass sie ihren Aufenthalt gleich mit vielen Termine verbinden können.

Haben Sie auch inhaltliche Vorstellungen?

Ja, ich würde mir noch mehr inhaltliche Mitsprache wünschen und dann auch gerne noch mehr Frauenthemen in das Programm aufnehmen. Paulo de Carvalho hat einen sehr eigenen Geschmack. Das ist gut und er trifft eine tolle Auswahl. Mir persönlich ist es manchmal thematisch aber etwas zu schwer, da würde ich vielleicht etwas mehr Unterhaltung mit aufnehmen, um noch mehr Publikum zu erreichen.

Das Cinelatino ist bekannt für seine politische Ausrichtung.

Ja, das ist so und das ist gut und wichtig. Es ist eine Plattform für Filmschaffende aus Lateinamerika, und es wurde auch in den vergangenen Jahren noch politischer. Unser Ziel ist es, aufzuklären und Einblicke zu schaffen in die Lebensrealitäten von Menschen in Lateinamerika, auf ihre Schwierigkeiten – aber wir wollen auch positive Geschichten zeigen.

Wie kamen Sie zur Filmfestivalbranche ?

Ich komme aus einem streng katholischen Elternhaus und beinahe einem rechtsextremen familiären Umfeld. Ich bin genau das Gegenteil davon. Das hat mich geprägt und mich dazu gebracht, Spanien zu verlassen, weil ich meine Meinung nicht sagen und mein Leben nicht frei und gefahrlos führen konnte. Für mich bietet der Film die Möglichkeit, gemeinsam Dinge anzuschauen, sich weiterzubilden, gemeinsam zu lachen oder zu weinen, ohne dass man darüber sprechen muss. Aber man kann auch darüber sprechen, wenn man möchte. Das ist auch beim Festival mit verschiedenen Diskussionsrunden möglich. Für mich persönlich bietet die Arbeit auch einen Zugang zu einem Teil meiner Kultur, den ich lange vermisst habe. Daher finde ich mich in Sprache, Film, Storytelling, Fotografie und der Arbeit und Auseinandersetzung mit Filmen, mit dem Rahmenprogramm, mit Essen, Partys und Gesprächen wieder.

Der Länderschwerpunkt Peru setzt sich mit dem Leben im Altiplano, also der Hochebene, auseinander. Vor allem auch hier geht es um Ausgrenzung und Einzelkämpferinnen. Wie kam es zu dem Schwerpunkt?

Es gibt in Peru einen neuen Gesetzesentwurf: Ley Tuleda. Das soll bewirken, dass vor allem Blockbuster gefördert werden. Das soll dem Tourismus im Land helfen. Allerdings würde das Gesetz die ohnehin marginalisierten indigenen Minderheiten, die mehr als 20 Prozent der peruanischen Bevölkerung ausmacht, noch weniger in der Filmlandschaft sichtbar machen. Wir haben Filme ausgesucht, die sich mit ihren Lebensrealitäten beschäftigen wie „Sembradoras de vida“ oder „Yana Wara“.

Wie steht es um die Finanzierung des Festivals?

Das ist ein superschwieriges Thema, auch für die Kulturbranche im Allgemeinen. Wir haben immer mehr Arbeit und immer mehr Bürokratie. Wir stemmen die Finanzierung zu 30 Prozent aus Ticketverkäufen, die ist allerdings durch Corona eingebrochen und wir sind noch lange nicht auf Vor-Corona-Niveau. Der Rest sind Fördermittel, die wir jedes Jahr von neuem beantragen müssen. Wir bekommen Regelzuschüsse aus Stuttgart und Tübingen, die sind jedoch in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, obwohl der Aufwand und die Kosten das sind. Um die Kosten etwas zu verringern, haben wir dieses Jahr auf die Mittagsvorführungen verzichtet und rund zehn Filme weniger im Programm als im Vorjahr.

Können Sie davon leben?

Nein, Paulo und ich können von unserer Arbeit beim Cinelatino nicht leben und haben deshalb beide noch andere Jobs.

Welches sind Ihre persönlichen Lieblinge im Programm?

Mein Favorit ist „Memorias de un cuerpo que arde“ („Erinnerungen eines Körpers, der brennt“) aus Costa Rica und Spanien. Der Film erzählt von drei Frauen, sehr emotional und auf wahren Geschichten beruhend. Außerdem „Diogenes“, ein sehr spezieller Film in schwarz-weiß. Meine Empfehlung für ein breiteres Publikum ist „La Extorsión“ („Die Erpressung“), ein Thriller aus Argentinien und den USA. Sehr gutes Kino außerdem: der Eröffnungsfilm in Stuttgart: „Las hijas“ („Die Töchter“).

In Tübingen eröffnet ein anderer Film das Festival, warum?

Ja, das ist richtig, „Robot Dreams“, der für die Oscars nominiert war. Der Film läuft auf dem Trickfilmfestival, auch das gehört zu unserer Ausrichtung, dass wir uns absprechen mit anderen Festivals. Daher wollten wir ihn nicht noch mal in Stuttgart zeigen.

Der Hauptspielort ist und bleibt aber Tübingen. Was ist rund um die Filme geplant?

Es gibt ein Mezcal-Tasting, Partys, Diskussionen, Gespräche mit Filmschaffendem und Fotoausstellungen zu Peru. Allerdings würde ich mir wünschen, das Festival in Stuttgart noch weiter auszubauen, auch dafür suchen wir noch Möglichkeiten und weitere Kooperationen. Ich sehe hier sehr viel Potenzial.

Festival in vier Städten

ProgrammKlassischerweise stehen Spiel- und Dokumentarfilme aus Spanien und Lateinamerika auf den Spielplänen. In diesem Jahr speziell auch Filme aus Peru. In Tübingen (Kino Museum) findet das Cinelatino vom 1.– 8. Mai statt, in Stuttgart (Delphi Kino) startet es am 2. 5. Am Hauptspielort des Festivals, in Tübingen, gibt es zahlreiche Begleitveranstaltungen über die ganze Stadt verteilt. Außerdem nehmen Reutlingen (2.– 8. 5.) und Freiburg (1.– 7. 5.) teil. Alle Infos, Filmbeschreibungen und das Rahmenprogramm gibt’s unter: https://filmtage-tuebingen.de/latino/

Zur Person María Vallecillos Soldado ist in Madrid geboren und streng katholisch aufgewachsen. Als Teenagerin zog sie zu ihrer Mutter nach Deutschland. Heute lebt sie in Ludwigsburg.

Expertin An der Universität in Tübingen hat sie Sinologie und Kulturwissenschaften studiert. An der PH Ludwigsburg hat sie ihre Abschlussarbeit zum Thema „Filmfestivals in Baden-Württemberg – Potenziale, Herausforderungen und Bedarfe“ gemacht. Hauptberuflich arbeitet Vallecillos Soldado beim Filmfestival Naturvision in Ludwigsburg.

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Erstellt:
24. April 2024, 11:44 Uhr
Aktualisiert:
24. April 2024, 12:03 Uhr

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