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Martin Luther King prägt sein Leben

Albrecht Oethinger aus Backnang leistete Zivildienst an einer Hochschule für Schwarze und wandelt bis heute auf den Spuren der King-Familie

Dass das Chormusical „Martin Luther King“ auch in Ludwigsburg aufgeführt wird, freut Albrecht Oethinger ganz besonders. Martin Luther King bereicherte eines Tages zunächst nur in Form eines Buches sein Leben, dann ließ ihn der Themenkomplex rund um die Bürgerrechtsbewegung nicht mehr los. In Amerika wurde er sogar ein Teil von ihr.

Eine Vielzahl an Büchern und Fotografien zeigt: Albrecht Oethinger hat sich für die Bürgerrechtsbewegung in Amerika engagiert und dort bedeutende Vertreter getroffen. Coretta Scott King fotografierte er 1970 in Atlanta. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Eine Vielzahl an Büchern und Fotografien zeigt: Albrecht Oethinger hat sich für die Bürgerrechtsbewegung in Amerika engagiert und dort bedeutende Vertreter getroffen. Coretta Scott King fotografierte er 1970 in Atlanta. Fotos: A. Becher

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Das Chormusical „Martin Luther King“ wird in vielen Städten zwischen Offenburg und Thun in der Schweiz aufgeführt. Am 25. und 26. Januar ist es in der Ludwigsburger MHP-Arena zu erleben. Auch Sänger aus dem Backnanger Raum werden zusammen mit vielen anderen Beteiligten ein starkes Zeichen für eine gerechtere und friedvolle Welt setzen, für die Martin Luther King mit seinem Glauben, seinem Wirken, seinem gewaltlosen Kampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit eintrat. Auch Albrecht Oethinger wird am Wochenende unter den Besuchern sein. Er hat direkte Berührungspunkte mit der Bewegung der Afroamerikaner, die sich gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten der USA wandte.

Schon im Elternhaus wurden Albrecht Oethinger, der in Backnang geboren wurde und auf der Schwäbischen Alb aufwuchs, christlich-pietistische Werte vermittelt. Sein Patenonkel, den seine Eltern in England bei einer Jubiläumsfeier der methodistischen Kirche kennengelernt hatten, desertierte im Zweiten Weltkrieg, flüchtete nach Indien und arbeitete zunächst dort und einige Jahre darauf in Australien als Missionar. „Das hat Eindruck bei mir hinterlassen.“ Bereits als Jugendlicher beschäftigte sich Oethinger mit Ökumene, Politik, Geschichte und fernen Ländern. Sein Vater war als 18-Jähriger nach Seattle gegangen. Nach Backnang kam er wieder, als seine Eltern gepflegt werden mussten.

Als Austauschschüler
im Bundesstaat Delaware

Amerika blieb auch bei der nachfolgenden Generation Thema. 1963 nahmen die Oethingers einen Austauschschüler aus den USA auf, im Jahr darauf ging Albrecht Oethinger in Wilmington im Bundesstaat Delaware auf die Highschool. David Bakish, einer seiner Lehrer, sagte eines Tages sinngemäß zu ihm: „Ich freue mich, dass du in meiner Klasse bist.“ – „Er war Jude“, erklärt Oethinger die Besonderheit der Worte. Tief beeindruckt hat den Deutschen auch, dass Bakish eine Doktorarbeit über Richard Wright schrieb, von dem der Roman „Native Son“ stammt. Es geht um einen Schwarzen, dessen Leben von Angst und Gewalt geprägt wurde.

Und Oethinger schaute sich trotz des Widerstands seiner amerikanischen Familie an, wo deren schwarze Putzfrau wohnte. Hinterher bekam er zu hören: „Da warst du in Lebensgefahr.“

„Als ich nach Deutschland zurückkam, ist in mir gereift, dass ich mich sehr intensiv mit der Geschichte der Schwarzen und der Bürgerrechtsbewegung beschäftigen will“, sagt Oethinger. Der Glaube spielte dabei immer mit. Ganz im Sinne des Theologen Karl Barth, dessen Haltung Oethinger so auf den Punkt bringt: „Wenn du die Bibel liest, musst du in der anderen Hand die Zeitung haben.“ Der Backnanger meint heute: „Für mich persönlich hat Barth die Welt geöffnet.“

Neben der Bürgerrechtsbewegung interessierte sich Oethinger unter anderem für Albert Schweitzer. Auch mit dem Nationalsozialismus beschäftigte er sich. Für ihn war klar: „Ich bin Kriegsdienstverweigerer. Kirchen waren da nicht so begeistert und die Gesellschaft sowieso nicht.“ Nach der Anhörung 1968 in Tübingen kaufte er auf dem Nachhauseweg zwei Bücher: von Martin Luther King „Warum wir nicht warten können“ und von dem schwarzen Historiker Lerone Bennett „Martin Luther King.“ Im Nu waren sie ausgelesen. „Die Bücher haben mich so sehr beeindruckt, dass ich am Ende gesagt habe: Wenn es eine Möglichkeit gibt, würde ich gerne in der Bürgerrechtsbewegung arbeiten und Martin Luther King kennenlernen.“ Schließlich nahm Oethinger Kontakt mit der Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste auf. Seine Vorstellung war, ein Jahr in Amerika in einer Gettosituation und ein Jahr durch die Vermittlung der deutschen Friedensdienstorganisation Eirene in Gabun zu arbeiten, wo es ein auf einem Konzept von Albert Schweitzer basierendes Projekt für Waisenkinder aus dem Biafrakrieg gab. Das Schicksal führte ihn für zwei Jahre nach Amerika. Dort kam der Schwabe aber nicht in einer Gettosituation zum Einsatz, sondern an einer privaten Hochschule in Prentiss im Bundesstaat Mississippi. Das Prentiss Institute Jr. College war eine Ausbildungsstätte für benachteiligte schwarze Menschen.

Gleich am ersten Wochenende
gibt es eine Schießerei

Oethinger war verantwortlich für das Wohnheim der männlichen Studenten und unterrichtete die Studenten und die Lehrer am College in Deutsch. Analphabeten gingen in seinen Aufbaukurs in Englisch sowie Geschichte der Schwarzen. Zudem war er voll integriert in die Bürgerrechtsbewegung. Eine Zeit voller Hochs und Tiefs, die katastrophal begonnen hatte. Gleich am ersten Wochenende war er Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen Schwarzen: Männer aus Prentiss schossen auf Neuankömmlinge im College, von denen sie sich ihre Bräute nicht ausspannen lassen wollten. Den gerade vorbeikommenden Sheriff bat er, doch einzugreifen. Dessen Antwort war: „Let the niggers kill themselves.“ Sein Mut, den Sheriff anzusprechen, verschaffte ihm Respekt bei den Bewohnern des Wohnheims. „Sie hatten mich ab dem Punkt akzeptiert. Das war aber nicht durchgängig so.“ Und: „Der Sheriff hat mich immer verfolgt und bedroht und Strukturen und Menschen vom Ku-Klux-Klan genauso. Ich musste sehr überlegt und vorsichtig sein. Da gab es Tausende an Möglichkeiten, wie man mich am Schlafittchen gehabt hätte.“

Oethinger erzählt von korrupten weißen Sheriffs, die Schwarze für ihre Drogengeschäfte benutzten. Und von zu den Black Panthers gehörenden Elitekillern aus dem Vietnamkrieg, die auf das College in Prentiss geschickt wurden, weil sie in Chicago niemand haben wollte.

Doch da war auch Oethingers Mitgliedschaft in einem Chor für klassische Musik und im Debating Club. 1970 war der Club zu einem Wettbewerb am Morehouse-College, das auch Martin Luther King und sein Vater besucht hatten, eingeladen. Im Vorfeld der Reise nach Atlanta (Georgia) schrieb Oethinger an Kings Witwe Coretta Scott King und bat darum, sie besuchen zu dürfen. Ermutigt dazu wurde er durch eine Postkarte seiner Eltern, auf die Coretta Scott King eine Nachricht an Oethinger geschrieben hatte: „Ich hätte Sie gerne während meines Aufenthalts in Deutschland kennengelernt. Vielleicht das nächste Mal, wenn ich komme. Beste Wünsche, Coretta Scott King.“ Die Amerikanerin hatte 1970 in Stuttgart ihr Buch „Mein Leben mit Martin Luther King“ vorgestellt. Oethingers Eltern hatten sie dort getroffen.

Zunächst kam allerdings ein langer, mit Schreibmaschine geschriebener und persönlich unterzeichneter Brief zurück, in dem King ihr Bedauern darüber ausdrückte, dass es an dem vorgeschlagenen Termin mit einem Treffen wohl nichts werde. Dann wurde aber doch wenige Tage später, am 27. April 1970, eine persönliche Begegnung möglich. Was Oethinger nicht wusste: An diesem Tag hatte Coretta Scott King Geburtstag. Oethinger fotografierte die berühmte Frau. Das später von King signierte Bild befindet sich heute in seinem Archiv.

Fünf Jahre Engagement
für die Bürgerrechtsbewegung

Oethinger hat einen wahren Schatz an Geschichten parat. Zu dem Namen Martin Luther King sei es gekommen, weil King Senior von Martin Luther gehört hatte, weiß er. Dieser habe ihn so beeindruckt, dass er seinen Vornamen Michael und den gleichlautenden Vornamen seines Sohnes in Martin Luther änderte.

In Amerika fotografierte der Backnanger das Geburtshaus von Martin Luther King jr., dessen Grabmal und die berühmte schwarze Kirche, an der King Vater und Sohn Pastoren waren. Bis heute trifft er immer wieder Menschen, die zum Umfeld der King-Familie gehören.

Nach seiner Zeit als Zivildienstler studierte er in Chicago Theologie und Friedenskonfliktforschung, arbeitete, um Geld zu verdienen, und engagierte sich mit Unterbrechung von einem Jahr für die Bürgerrechtsbewegung. Als seine Mutter krank wurde, kehrte er, wie einst sein Vater, zurück nach Deutschland. Das war 1975. Am Berufsbildungswerk in Waiblingen, für das er arbeitete, lernte er seine Frau kennen. 33 Jahre lang war er für die Fair Trade Company Gepa tätig und half, den Weltladen in Backnang aufzubauen. Trotz all dieser Erfahrungen rührt ihn auch heute noch ein Satz einer schwarzen Verwaltungsangestellten an der Hochschule in Prentiss: „Für uns bist du ein Weißer. Wir haben zwei Möglichkeiten. Wir hassen dich oder wir schauen, wer du bist. Aber du weißt ganz genau, dass wir dich schätzen und achten.“ Martin Luther King hat er nicht kennengelernt. King jr. wurde ein Jahr vor seiner Zivildienstzeit in Amerika ermordet.

Albrecht Oethinger schrieb 1965 nach seinem Amerikaaufenthalt als Austauschschüler Martin Luther King an und bekam von ihm das Buch „Why we can’t wait“ mit persönlicher Widmung: „To Albrecht Oethinger. With Best Wishes – Martin Luther King jr“. Die Büste zeigt ebenfalls den Pastor.

© Alexander Becher

Albrecht Oethinger schrieb 1965 nach seinem Amerikaaufenthalt als Austauschschüler Martin Luther King an und bekam von ihm das Buch „Why we can’t wait“ mit persönlicher Widmung: „To Albrecht Oethinger. With Best Wishes – Martin Luther King jr“. Die Büste zeigt ebenfalls den Pastor.

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Erstellt:
25. Januar 2020, 11:30 Uhr

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