Archäologische Forschung

Nur Rom und Athen? Demokratie hat breitere Wurzeln

Dass die Demokratie von den alten Griechen erfunden wurde, lernt man in der Schule. Jetzt sagen Forscher: Das ist eine sehr eurozentrische Sicht - es gibt Ursprünge rund um die Welt.

Die Akropolis steht stellvertretend für die attische Demokratie im alten Griechenland - es gab jedoch noch viel mehr partizipative Regierungsformen in der Antike. (Archivbild)

© Laurent Gillieron/KEYSTONE/dpa

Die Akropolis steht stellvertretend für die attische Demokratie im alten Griechenland - es gab jedoch noch viel mehr partizipative Regierungsformen in der Antike. (Archivbild)

Von Von Christoph Driessen, dpa

Berlin - Die Akropolis mit dem Parthenon hoch über Athen gilt als bekanntestes Symbol für die antiken Ursprünge der Demokratie. Auch das Wort wurde hier erfunden, zusammengesetzt aus "demos" (Volk) und "kratos" (Macht). Später herrschte der Senat über die römische Republik, abgeleitet von "res publica", die öffentliche Sache. 

"Unter Archäologen ist die Vorstellung tief verankert, dass Athen und die römische Republik die einzigen beiden Demokratien in der antiken Welt gewesen seien", sagt der US-Archäologe Gary Feinman vom Field Museum in Chicago. Eine umfangreiche Studie unter seiner Leitung zeige nun aber, dass dies eine völlig einseitige, eurozentrische Sicht sei. Demnach hat die Demokratie viel breitere Wurzeln.

Für die Studie, die jetzt im Fachmagazin "Science Advances" veröffentlicht wurde, untersuchte das Forscherteam 31 verschiedene prähistorische und antike Gesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien. Die wenigsten dieser Gesellschaften haben schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen. Wer heute noch etwas über sie erfahren will, muss deshalb vor allem archäologisch arbeiten.

Antike Gesellschaften im Autokratie-Index

Feinman und seine Kolleginnen und Kollegen leiten ihre Schlussfolgerungen unter anderem vom Aufbau antiker Siedlungen und Städte ab. "Wenn man städtische Gebiete mit großen offenen Flächen findet oder öffentliche Gebäude mit weitläufigen Bereichen, in denen Menschen zusammenkommen und Informationen austauschen können, dann sind diese Gesellschaften tendenziell demokratischer", glaubt Feinman. "Wenn man Pyramiden mit sehr kleinen Räumen an der Spitze sieht oder Stadtpläne, bei denen alle Straßen zur Residenz des Herrschers führen, dann sind das alles Hinweise auf eher autokratische Systeme."

Weitere Indizien für die Wissenschaftler waren Gebäude, Inschriften und Hinweise auf wirtschaftliche Ungleichheit. Auf dieser Grundlage entwickelte das Team einen "Autokratie-Index" und ordnete darauf alle untersuchten Gesellschaften ein – von stark autokratisch bis stark kollektiv organisiert. Das Ergebnis: "Unsere Forschung zeigt, dass viele Gesellschaften auf der ganzen Welt Wege entwickelt haben, die Macht von Herrschern zu begrenzen und gewöhnlichen Menschen eine Stimme zu geben." 

Dazu gehörte demnach das indigene Volk der Irokesen in Nordamerika, die sich in Stammesräten und einem übergeordneten Bundesrat organisierten. Die Irokesen sind bekannt dafür, dass in ihrer Gesellschaft Frauen eine starke Stellung hatten, indem sie zum Beispiel Anführer ernennen, aber auch wieder absetzen konnten. Entscheidungen mussten oft im Konsens getroffen werden. 

Als weiteres Beispiel nennen die Forscher die mexikanische Ruinenstadt Teotihuacan. Da hier keine eindeutigen Herrscherdarstellungen gefunden wurden, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass diese Gesellschaft im ersten Jahrtausend nach Christus nicht von einem König, sondern von einer breiteren Elite geführt wurde.

Großes Schwimmbad statt Herrscherpalast

Eines der interessantesten Beispiele ist Mohenjo-Daro am Unterlauf des Indus im heutigen Pakistan, die größte erhaltene Stadt aus der Bronzezeit und Unesco-Weltkulturerbe. Es gilt als das Hauptzentrum einer frühen Hochkultur im dritten Jahrtausend vor Christus. Diese Ausgrabungsstätte verfügt über keine der üblichen Herrschaftsstrukturen wie Paläste oder Tempel. Stattdessen steht eine Badeanlage im Zentrum. Die Häuser unterscheiden sich zwar in ihrer Größe, aber nicht sehr, und viele von ihnen hatten Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen. 

Die Studie zeigt demnach auch, dass Gesellschaften mit inklusiveren politischen Systemen meist geringere wirtschaftliche Ungleichheit aufwiesen. Die Forscher halten das für besonders relevant, "weil wir heute eine Konzentration von Reichtum und Macht bei einer sehr kleinen Anzahl von Individuen erleben". 

Ein besseres Verständnis der Kennzeichen von Autokratie und Demokratie könne helfen, aktuelle Bedrohungen zu erkennen und aufkommende totalitäre Regime vielleicht noch rechtzeitig zu bremsen. "Heute, da sich viele moderne Demokratien auf schwankendem Boden befinden, ist es wichtiger denn je, die Wurzeln (…) demokratischer Regierungsinstitutionen zu verstehen."

Damit schlagen die US-Historiker den Bogen zur Gegenwart, in der liberale Demokratien vielfach bedroht sind, nicht zuletzt in ihrem eigenen Land. Aber sind ihre Schlussfolgerungen wirklich überzeugend? 

Dorothea Rohde ist eine renommierte Althistorikerin an der Universität zu Köln, ihre Spezialgebiete sind das klassische Athen und das kaiserzeitliche Rom. Rohde hält es für einen guten Ansatz, die Antike stärker durch eine sozialwissenschaftliche Brille zu betrachten und eine globale Perspektive einzunehmen. "Das ist im Moment auch ein ziemlich starker Trend, besonders in den USA – genauso wie die Suche nach den Ursprüngen der Demokratie."

Sagt die Studie wirklich etwas über früher - oder eher über heute?

Dies geschehe aus dem lobenswerten Impuls heraus, die heutigen Demokratien stark zu machen. "Mein Problem mit der Studie ist, dass das Ergebnis letztlich recht banal ist", so Rohde. "Denn dass die Demokratie keine rein westliche Erfindung ist, bestreitet heute niemand mehr." 

Wobei man hier einschränken müsse, dass es eher um partizipative Gemeinschaften gehe als um Demokratien im modernen Sinne. "Die römische Republik als demokratisch zu bezeichnen, so wie das hier geschieht, halte ich zum Beispiel für ganz schön gewagt. Das war eine Aristokratie, eine Oligarchie. Und ebenso wenig würde man heute noch so pauschal sagen, dass Athen die Wiege der Demokratie war."

Vielmehr habe es überall auf der Welt und zu allen Zeiten auch Gesellschaften gegeben, in denen nicht nur ein einzelner Herrscher alles diktatorisch bestimmt habe, sondern sich die Macht auf eine größere Gruppe von Menschen verteilte. "Das ist aber eben absolut nichts Neues." Die Angaben zu den vielen anderen prähistorischen und antiken Gemeinschaften, die in der Studie genannt werden, hält Rohde teils für sehr hypothetisch und schwer überprüfbar. "Es ist eben meist nicht viel Gesichertes darüber bekannt, und dann ist es schon problematisch, so weitgehende Folgerungen zu ziehen und antike Gesellschaften auf einem Index einzuordnen. Wie will man zum Beispiel Ungleichheit in der Antike messen? Das ist unglaublich schwierig."

So sympathisch Rohde den Ansatz der Forscher auch findet: "Ich glaube, ihre Studie sagt letztlich vor allem etwas über ihre eigene Angst um das Fortbestehen der Demokratie aus. Und das ist natürlich derzeit sehr nachvollziehbar."

Zum Artikel

Erstellt:
26. März 2026, 07:12 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen