Premiere in der Tri-bühne

Politische Revue-Groteske „Konfetti“

Christine Gnann inszeniert Ingrid Lausunds politische Revue-Groteske „Konfetti“ am Theater Tri-bühne. Mit Klamauk, Witz und Gebrüll.

Konfetti! Stefanie Matkovic und Manuel Krstanovic

© Tribühne/Anton Avdielev

Konfetti! Stefanie Matkovic und Manuel Krstanovic

Von Kathrin Horster

Ein rotzgrüner Fliesenspiegel, die Tapete darüber ebenso geschmacklos, ein verbeulter Metallspind, unbequeme Stapelpolsterstühle, eine Bank in Kunstleder-braun: die Psychiatrie, in der die fünf archetypischen Protagonisten in Christine Gnanns Inszenierung von Ingrid Lausunds Groteske „Konfetti“ am Stuttgarter Theater Tri-bühne eingesperrt sind, ist kein schöner Ort. Die Insassen dieses Irrenhauses, auch ‚Welt‘ genannt, haben sich trotzdem in Schale geworfen. Alle tragen billig glitzernde Paillettenstoffe, in Farben des aktuellen politischen Spektrums der Bundesrepublik Deutschland; von Türkisblau über Schwarz bis hin zu Grün und Rot. Nur Gelb fehlt, statt dessen gibt es einmal Weiß mit Silber.

Überzeitliche Zauber-Revue

Aki Tougiannidis spielt den Mann in Rot, der zu Beginn des Abends mit einem Aktenlocher in mühevoller Handarbeit Konfettischnipsel aus einem Papierbogen drückt. Natalja Maas, ganz in Schwarz, schlürft aus dem Strohhalm ihres pinkfarbenen Bechers irgendein Gesöff, sie kichert ständig, aber immer ohne Anlass, so wie sie es in der Lachtherapie gelernt hat. Silvia Maria Passera gibt die Dame in Weiß mit starker Meinung, Stefani Matkovic wechselt im Verlauf des Abends für eine Gala von ihrem grün-schwarzen Anzug zum lachsfarbenen, figurbetonten Albtraum, während Manuel Krstanovic ein türkisfarbenes Sakko zu blau-rot-karierten Hemd präsentiert. Trotz ihrer aussagekräftigen Kostüme sind die Figuren selbst keiner eindeutigen politischen Richtung zugeordnet. Ingrid Lausunds Text stammt aus dem Jahr 2003 und verhandelt in einer Zauber-Revue ganz überzeitlich das Verhältnis des Menschen zur Politik.

Zu Beginn geht es darum, das Publikum von realen Problemen mithilfe falscher Panikmache und anderer mieser Tricks abzulenken. „In jeder Hochsteckfrisur kann eine Bombe sein!“, warnt Aki Tougiannidis. „Keine! Panik!!!“ schreit er, und erreicht so natürlich das Gegenteil. Auf dem Bühnenboden mehren sich Hundehaufen, doch wie die dahin kommen, geht im überdrehten Tohuwabohu unter.

Scheinheiliger Voyeurismus

Auch mit der (Stuttgarter) Zeitung kann man muntere Scherze treiben, zeigen die fünf. Da wird Wasser zwischen die Seiten geschüttet, ohne, dass es unten wieder herausläuft, dazu heißt es: „Die Zeitung ist der Zweck oder die Ablenkung, aber was ist der Kontext?“ Die Szene ist vor allem wegen des simplen, aber sehr wirkungsvollen Wassertricks komisch, sie bleibt aber kryptisch. Ob es um die Rolle der Medien als Meinungsmacher gehen soll, die ihre Konsumenten mit bewussten Fehlinformationen von echten Nachrichten ablenken wollen, oder ob die Medien ihrerseits von anderen für ihre Ablenkungsmanöver instrumentalisiert werden, bleibt in den vagen Anspielungen offen.

In der Szene darauf geht es um die Frage nach der Empathie, wenn ein Mann beim Abendessen im Fernsehen vom Unglück anderer erfährt. Ob es sich um einen blutrünstigen Film oder um dokumentarische Nachrichtenbilder handelt, spielt keine Rolle. Doch der Mann wird von den Bildern in ein Dilemma gestürzt. „Ich kriegte plötzlich ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Pizza wegschmeiße, nur weil jemand in die Luft fliegt“. Darf man also aus sicherer Entfernung zusehen, wie andere leiden und sterben? Oder ist die Empörung über den Voyeurismus nicht auch scheinheilig?

Manchmal findet die Autorin starke Situationen, um dem Publikum den Wahnsinn dieser Welt vor Augen zu führen. Manchmal treibt es Christine Gnanns Regie allzu kunterbunt und vor allem zu laut, mit viel Gebrüll und Megafon, aber das ist wiederum notwendig, weil man ja gar nicht alles verstehen soll, was die Figuren zu sagen haben. Zwischen Klamauk, Magie aus dem Kinderzauberkasten und einer lokalkolorierten Comedy-Szene mit Stuttgarter Polizisten, die ein Kuscheltier zum Killer aufpumpen, scheint die Kritik an der menschlichen Sensations- und Katastrophenlust auf, die keinen Platz lässt für ausgewogenes Denken und Handeln und so immer neue Missstände produziert. Oberflächlich betrachtet, ist das zwar lustig, aber irgendwie auch niederschmetternd.

Termine: 20., 21. März, 17., 18. April, jeweils um 19 Uhr

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Erstellt:
2. März 2026, 11:34 Uhr

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