„Säwentitu“ im Bürgerhaus: Eine 13-Jährige erlebt das Jahr 1972

„Säwentitu“? Hinter diesem kryptischen Begriff verbirgt sich die lautmalerische Umschreibung von seventy-two – 72, einer Zahl, die auf 1972 verweist. Ein Jahr, in dem ein gleichnamiges Buch von Bea von Malchus spielt, mit dem sie eine Lesung im Backnanger Bürgerhaus gestaltete.

Bea von Malchus liest im Backnanger Bürgerhaus aus ihrem Buch „Säwentitu“, in dem sie auf das Jahr 1972 blickt. Foto: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Bea von Malchus liest im Backnanger Bürgerhaus aus ihrem Buch „Säwentitu“, in dem sie auf das Jahr 1972 blickt. Foto: Tobias Sellmaier

Von Klaus J. Loderer

Backnang. Das Jahr 1972 muss es wohl sein, weil dann immerhin ein paar dramatische Ereignisse den Lebensweg eines 13-jährigen Mädchens kreuzen, während vom Jahr davor oder danach einfach nur Banalitäten aus Familie, Schule und Ferien zu berichten wären. So findet in diesem Jahr zum Beispiel das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München statt. Von dort ist die Schülerin eines Mädchengymnasiums in Dortmund aber weit weg.

Die Schauspielerin Bea von Malchus, die in den vergangenen Jahren vor allem in ihren Theaterbearbeitungen in Ein-Frau-Besetzung zu sehen ist, erzählt in ihrem Buch „Säwentitu“ von ihrer Jugend in Dortmund, wohin sie mit ihren Eltern aus Freiburg im Breisgau umgezogen war. Eindrücklich beschreibt sie Dortmund als schwarze Stadt, in der im Freien zum Trocknen aufgehängte weiße Wäsche schnell grau eingefärbt war. Man lernt, dass im Ruhrgebiet „Pommes Schranke“ solche mit Ketchup und Mayonnaise sind.

Mit unterschiedlichsten Stimmen gestaltet sie die Lesung lebendig

Am Sonntagabend liest Bea von Malchus im Backnanger Bürgerhaus mit sanfter Mädchenstimme, wie die kleine Beatrix im Geschichtsunterricht von anderen Dingen träumt und einen Urlaub in Irland erduldet. Für die mit ihrer Zigarre den weißen Teppichboden in der elterlichen Wohnung ruinierenden Tante Ilse setzt sie ein tiefes Timbre ein, während ihre kleine Schwester piepst. Und die ihre Heiligen verehrende katholische Großmutter bekommt ihren eigenen Dialekt. Auch die sich über den kaputten Spiegel beklagende Mutter, die in diesem eine dicke alte Frau zu sehen meint, hat ihren ganz eigenen Tonfall. Das macht die interaktive Lesung lebhaft. Allerdings gehen viele Details leider durch eine gelegentlich schlampige Artikulation der Schauspielerin unter.

1972 ist aber auch das Jahr der Verhaftung der Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Bei letzterer amüsiert sich die Autorin darüber, dass sie in Hamburg beim Einkaufen von Kleidung verhaftet wurde, wo die Terroristengruppe doch gerade in Kaufhäusern den Inbegriff des Kapitalismus sah. Bei der Beschreibung der Vorgänge bei den Olympischen Spielen in München ist Bea von Malchus pointiert in Bezug auf das Verhalten der Vertreter der Olympischen Komitees und die Unkoordiniertheit der bayerischen Polizei mit einem desaströsen Ende.

Mit Rätseln und Wünschen bezieht die Autorin ihr Publikum mit ein

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Aber eigentlich schwärmt die kleine Beatrix ja vom Schwimmer Mark Spitz. Dessen erotische Ausstrahlung scheinen die im Altersbereich der 1959 geborenen Schauspielerin liegenden Damen im Publikum durchaus nachvollziehen zu können. Jüngere Leute sucht man im eher licht besetzten Saal bei dieser Veranstaltung vergeblich. Sie könnten mit dem, worüber dieses Publikum kichert, wohl auch eher weniger anfangen.

Nach der Pause bezieht Bea von Malchus das Publikum mit ein. Zumindest kann das Publikum bei der Auswahl der Episoden Wünsche äußern. So darf es etwa Farben auswählen, zu denen es dann ein passendes Kapitelchen zu hören bekommt. Garniert wird das mit kleinen Ratespielchen, für die es Geschenke wie Nappo-Süßigkeiten und Prilblumen gibt, eben typische Dinge von damals. Bea von Malchus summt im Buch erwähnte Musikstücke und das Publikum darf raten. Brigitte erkennt auf Anhieb „Ich wünsch’ mir ’ne kleine Miezekatze“ – tatsächlich ein Lied aus dem Jahr 1972. Im Buch wird das Lied im mit „Orange“ überschriebenen Kapitel erwähnt. Bea von Malchus stichelt gegen diese für die Zeit so typische Farbe: „Orange ist die Farbe für Menschen ohne Eleganz.“ Dietrich erkennt „Von den blauen Bergen kommen wir“ und bekommt dafür eine Süßigkeit. Sein Wunsch, diese sofort abzuholen, wird ihm aber barsch verwehrt. Erst am Ende gibt es die Belohnungen. Auch die Titelmusik zu „Raumschiff Enterprise“ wird sofort erkannt. Ein Beatles-Song ist dem Publikum aber völlig unbekannt.

Dann geht es um Bäume, Tiere und schließlich um Personen. Dazu liefert Bea von Malchus mit der Episode von Heinz und Hertha im Zug und ihrer Kartoffelsalatkatastrophe ein Kabinettstückchen in Ruhrgebietsdialekt.

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Erstellt:
27. Februar 2024, 06:00 Uhr

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