Schillers „Wallenstein“ unter der Lupe

Der „Literarische Salon“ im Bandhaus-Theater hat sich am Sonntag mit Friedrich Schillers „Wallenstein“-Trilogie befasst.

Jasmin Meindl ist „schockverliebt“ in die Schiller-Biografie von Rüdiger Safranski.

© Alexander Becher

Jasmin Meindl ist „schockverliebt“ in die Schiller-Biografie von Rüdiger Safranski.

Von Carmen Warstat

Backnang. Mit unglaublicher Leidenschaft und Verve weiß die angehende Intendantin des Landestheaters in Dinkelsbühl, Jasmin Meindl, immer wieder von literarischen Phänomenen und Theatererfahrungen zu erzählen. Zuletzt teilte sie mit, „schockverliebt“ und „vollkommen berauscht“ von der Schiller-Biografie Rüdiger Safranskis gewesen zu sein.

Gemeinsam mit dem Theaterexperten Christian Muggenthaler und dem Pianisten Gerhard Kleesattel, beide nicht minder erfüllt von ihren Gegenständen, konnte das Publikum bei der jüngsten Ausgabe des „Literarischen Salons der Berta Zuckerkandl“ im Bandhaus-Theater am vergangenen Sonntag mitgenommen werden in die Erkundung historischer Quellen und ihrer künstlerischen Verarbeitung in Literatur und Musik. Es fand ein angeregter Austausch mit der vorsichtigen Annäherung an die anfängliche Frage „Warum ausgerechnet Wallenstein?“ statt. Sicher würde man „nur an der Oberfläche kratzen“ können, meinte Jasmin Meindl angesichts der komplexen Thematik einleitend. Umso beeindruckter zeigten sich die Gäste schließlich von der Leistung des Teams, das exorbitante Schiller-Werk historisch einzuordnen, Inhalt und Formen zu besprechen, die jeweils eigene Faszination dafür sichtbar zu machen und vor allem auch die Aktualität des Stoffes zu diskutieren.

Die kürzliche Nürnberger Premiere des Stücks habe den Anstoß gegeben, erzählten Meindl und Muggenthaler und warfen die Frage auf: „Warum spielen die ‚Wallenstein‘? Was hat uns das Stück zu sagen?“

Und Gerhard Kleesattel, der schon bei vielen Bandhaus-Projekten mitgewirkt hat und den „Literarischen Salon“ regelmäßig bereichert, machte am Piano sehr anschaulich Parallelen der Sonatenhauptsatzform zum klassischen Dramenaufbau sowie zur dialektischen Methodik deutlich. Einer der Giganten der Klassik, Joseph Haydn, erwies sich für diese Demonstration als ebenso geeignet wie die schlichtesten Kinderlieder, die Kleesattel miteinander verwob, um etwa die Durchführung als einen Teil des Sonatenhauptsatzes hörbar zu machen und quasi nebenbei musikalische Spezifika wie die harmonische Rückung anzureißen.

Gerhard Kleesattel begleitet den Abend am Klavier. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Gerhard Kleesattel begleitet den Abend am Klavier. Fotos: Alexander Becher

Weitere Themen

Schwerpunkte der Auseinandersetzung mit dem „Wallenstein“ waren zunächst Friedrich Schiller als Autor, dann der 30-jährige Krieg als historischer Hintergrund, Immanuel Kant als Vordenker der Aufklärung, der Inhalt des Stücks selbst und Zitate daraus sowie nicht zuletzt „Fragen ohne Antworten, weil Juliane (Putzmann) und ich das so lieben“, wie Jasmin Meindl bekannte. Etwa: Wie hält man das Leben aus? Wie steigert man es? Wie bewahrt man es vor zerstörerischen oder auch selbstzerstörerischen Einflüssen? Lieblingsanekdoten und -zitate aus Schillers Leben und Werk kamen zu Gehör und Jasmin Meindl nannte es „lieb von ihm, dass er an uns Menschen glaubte, uns für kulturfähig hielt. Der Weg zur Freiheit führte für ihn durch die Kunst. Das liebe ich an ihm!“

In seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“, die der Historiker Friedrich Schiller vor der „Wallenstein“-Trilogie verfasste, habe er Erkenntnisse der modernen Geschichtsforschung vorweggenommen: „So endigte Wallenstein in einem Alter von 50 Jahren sein tatenreiches und außerordentliches Leben; durch Ehrgeiz emporgehoben, durch Ehrsucht gestürzt...“ und: „So fiel Wallenstein, nicht weil er Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel“ ist dort zu lesen.

Und so ergeben sich Fragen, die noch uns in unserer Gegenwart angehen: Was ist wirkliche Loyalität? Was Freiheit? Muggenthaler nannte es „auch ein Muss, sich entscheiden zu können, ein Muss, mit dem Menschen sich schwertun“. Er nahm Bezug auf Schuldverschiebungen, die mit Befehlsgehorsam einhergehen, und zitierte Octavio mit der „Wohltat, eine Wahl zu haben“. Schillers „hoher Ton“, sein extremes Pathos, wurde an Beispielen thematisiert und noch einmal wurde die Faszination für die Nürnberger Inszenierung vermittelt, die die Schicksalsschwere mittels einer sich senkenden Betonplatte verbildlicht.

Das Bild einer dadurch auf der Bühne verlöschenden Kerze, von dem Jasmin Meindl erzählte, passt zu einer Parallele, die sich schließlich aufdrängt. Mit Hochachtung sprach sie von dem in einem sibirischen Straflager ums Leben gekommenen unbeugsamen ukrainisch-russischen Oppositionellen Alexei Nawalny. Seine innere Freiheit habe darin bestanden, sich ganz bewusst für seinen Weg zu entscheiden und in das Land seiner Kämpfe zurückzugehen – in Kenntnis aller möglichen Konsequenzen und mit aller Konsequenz.

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Erstellt:
20. Februar 2024, 06:00 Uhr

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