Sogar aus Bangkok kam ein Vorschlag

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Aus der einstigen Backnanger Gartenwirtschaft wurde ein Bahnhofhotel und ein Bürgerhaus. Bis es so weit war, durchlief das Gebäude zahlreiche bauliche Veränderungen. Auch die Namensfindung war nicht ganz einfach.

Im Jahr 1923 ließ der Lederfabrikant Fritz Schweizer einen neuen, großen Anbau mit Theatersaal errichten. Repros: P. Wolf

Im Jahr 1923 ließ der Lederfabrikant Fritz Schweizer einen neuen, großen Anbau mit Theatersaal errichten. Repros: P. Wolf

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Die Geschichte des Backnanger Bürgerhauses, der wichtigsten Veranstaltungsstätte der Stadt, geht zurück auf eine Sommerwirtschaft mit Kegelbahn, die der „Schwanenwirt“ Johannes Köhle in den 1830er-Jahren errichten ließ, informiert das Backnang-Lexikon. Damals befand sich die saisonal betriebene Gartenwirtschaft außerhalb der Stadt mitten im Grünen. Im Jahr 1844 entstand der noch heute existierende Felsenkeller als Bierlager für die Schildwirtschaft und Brauerei Schwanen, die sich in der Schmiedgasse (heute Schillerstraße) befand.

Mehrfach fiel die Gartenwirtschaft Bränden zum Opfer. Nach dem Ausbruch eines Feuers wurde die Sommergaststätte 1859 neu errichtet. Es wird gemunkelt, dass das Feuer durch einen zündelnden Lehrling ausgebrochen war. Zudem ließ ein Blitzschlag die „Wilhelmshöhe“, wie das Lokal zu jener Zeit hieß, 1883 abbrennen. Als „Café Mayer“ wurde es 1884 wieder eröffnet und um einen ersten Saalbau erweitert. Die Wirtin Bertha Härlin ließ das Gebäude abbrechen und ein Hotel mit einem eigenen Theatersaal errichten.

Inzwischen hatte sich in der einst entlegenen Gegend viel getan. Zwischen Waiblingen und Backnang war 1876 die erste Eisenbahnstrecke gebaut worden. 1877 wurde das Bahnhofgebäude eingeweiht und die Straße vom Stadtzentrum dorthin ausgebaut, die von der Verbindung in Richtung Erbstetten abzweigt und direkt am Standort der Wirtschaft vorbeiführte.

Das „Bahnhofhotel“ wurde am 14. Juli 1901 eröffnet. Reisende fanden nun ganz in der Nähe des Schienenverkehrs eine stattliche Unterkunft. Der Saal dort besaß eine kleine Bühne, auf der Theatervorstellungen stattfanden. Auch im Biergarten gab es im Sommer Konzerte. Eine kolorierte Postkarte aus Peter Wolfs Archiv zeigt das Bahnhofhotel mit dem Eingang zur Gartenwirtschaft um 1917. Übrigens wurden Ansichtskarten damals auch gerne auf der Vorderseite beschrieben.

Auch der Backnanger Liederkranz, der offiziell 1834 gegründet worden war, gab im Bahnhofhotel Konzerte. 1921 kam es zu einem schweren Zerwürfnis zwischen dem Liederkranz und dem derzeitigen Eigentümer des Bahnhofhotels Karl Kübler. Als dieser androhte, den Saal in ein Lederlager zu verwandeln, erwarb der Lederfabrikant und langjährige Vorsitzende des Liederkranzes, Fritz Schweizer, über Strohmänner das Bahnhofhotel, um die künftige Nutzung für den Verein zu sichern, heißt es im Backnang-Lexikon.

Auf eigene Kosten ließ Schweizer einen neuen und größeren Theatersaal an der Stelle des Biergartens errichten. Dieser wurde am 11. November 1923 mit einem Konzert des Liederkranzes eröffnet. Ein Foto aus den 1920er-Jahren zeigt das Bahnhofhotel mit dem neuen, großzügigen Anbau. Auf einer Innenaufnahme aus jener Zeit ist der Empfangsraum mit Diele zu sehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg belegte die US-Armee die Hotelzimmer bis 1952. Danach wurde der Hotelbetrieb eingestellt.

Ein Jahr später erwarb die Stadt das Bahnhofhotel und ließ den Saal renovieren. Neben dem hauptsächlich von der Württembergischen Landesbühne gestalteten Theaterabonnement wurde 1967 ein Konzertabonnement ins Leben gerufen, das namhafte Orchester nach Backnang führte, heißt es im Backnang-Lexikon. Aber es wurden auch Jugendbälle und Konzerte mit damals populären Sängern veranstaltet. Unter anderem trat im Bahnhofhotel 1967 vor kleinem Publikum der damals noch recht unbekannte Liedermacher Reinhard Mey auf, erinnert sich Manfred Kunkel vom Verein Club Junges Europa.

Nachdem sich 1979 die Pläne der Stadt für ein neues Kulturzentrum zerschlagen hatten, kam die Idee auf, das Bahnhofhotel für größere Veranstaltungen auszubauen. Die Pläne des Architekten Gerhard Keller wurden 1986/87 verwirklicht. Dabei wurde der große Saal stark erweitert und mit einem vergrößerten Bühnenbereich ergänzt. Richtung Schillerschule baute man einen neuen Eingangsbereich und einen zusätzlichen kleinen Saal. Am 31. Oktober 1987 konnte das neue Backnanger Bürgerhaus eröffnet werden.

In einer Chronik, die anlässlich der Neueröffnung von der Stadt Backnang 1987 herausgegeben wurde, beschreibt Klaus J. Loderer die Schwierigkeiten bei der Namensfindung. Die alte Bezeichnung „Bahnhofhotel“ hatte bereits früher zu mancher Verwirrung geführt. In Anbetracht des neuen Bürgerhauses stellten sich nun Anfragen von Agenturen für Saalveranstaltungen ein, die nicht selten im Bahnhofhotel auch Übernachtungen buchen wollten, obwohl schon seit dem Zweiten Weltkrieg keine Zimmer mehr vermietet wurden. Deshalb sollte die Veranstaltungsstätte umbenannt werden.

Dagegen rührte sich jedoch bei alteingesessenen Backnangern Protest, die sich ihr „Bahnhofhotel“ nicht nehmen lassen wollten. Verschiedene Vorschläge, wie etwa „Kulturzentrum Backnang“, stießen nicht auf große Zustimmung. Die Backnanger Kreiszeitung bot sich nun an, bei der Namenssuche mitzuwirken und veröffentlichte am 20. Dezember 1986 eine Meinungsumfrage, bei der die Bürger ihre Vorschläge einbringen konnten. Immerhin 652 Vorschläge, sogar einer aus Bangkok, seien bei der Redaktion eingegangen, so Loderer.

Schließlich entschied man sich für die Bezeichnung Backnanger Bürgerhaus „Bahnhofhotel“. Der große Saal wurde nach Ehrenbürger Walter Baumgärtner, der kleine Saal nach Fritz Schweizer benannt. Auf der Terrasse zur Schillerschule fand eine Skulptur des Bildhauers Karl-Ulrich Nuss ihren Platz. Nach einiger Zeit verschwand der Namenszusatz „Bahnhofhotel“. Die gastronomische Nutzung im Bürgerhaus mit dem Restaurant/Bar Markgraf befindet sich heute in den Händen von Anna und Sebastian Fruth Catering. Neben Veranstaltungen der Backnanger Vereine oder dem traditionellen Neujahrsempfang gibt es ein abwechslungsreiches kulturelles Angebot in den Bereichen Konzerte, Schauspiel, Tanz, Literatur und Veranstaltungen für Kinder, das derzeit coronabedingt leider nicht stattfinden kann.

Die kolorierte Ansichtskarte zeigt das Bahnhofhotel mit Eingang zur Gartenwirtschaft um 1917.

Die kolorierte Ansichtskarte zeigt das Bahnhofhotel mit Eingang zur Gartenwirtschaft um 1917.

Empfangsraum und Diele des Bahnhofhotels in den 1920er-Jahren.

Empfangsraum und Diele des Bahnhofhotels in den 1920er-Jahren.

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Erstellt:
10. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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