Neu im Kino

Spindoktor hinter Putin

Der Film „Der Magier im Kreml“ zeichnet den Aufstieg Wladimir Putins nach. Im Zentrum des Politthrillers steht, fiktionalisiert, Putins wichtigster Einflüsterer. Sehenswert!

Jude Law als Wladimir Putin in „Der Magier im Kreml“.

© IMAGO/Landmark Media

Jude Law als Wladimir Putin in „Der Magier im Kreml“.

Von Martin Schwickert

Als sich 1991 die Sowjetunion endgültig auflöst, ist Vadim Baranov (Paul Dano) mit Anfang Zwanzig im besten Alter, um sich dem Rausch der neuen Freiheit hinzugeben. In der Zeit des radikalen Umbruchs hat die junge Generation das Gefühl, dass die Welt und die Zukunft ihr gehört. Alles scheint möglich in diesen frühen Jahren, in denen sich die sozialistische Parteidiktatur in eine kapitalistische Demokratie verwandelt. Baranov stürzt sich mit Elan in das Partyleben der neu erwachten Künstlerszene. Der begeisterte Regisseur inszeniert avantgardistische Theaterstücke wie die Dramatisierung von Jewgeni Samjatins Romans „Wir“, der bereits 1920 die totalitären Tendenzen seiner Zeit vorhergesehen hat und als Vorlage zu George Orwells „1984“ gilt.

Vom Freigeist zum Architekt eines autoritären Russlands

Keine zehn Jahre später ist der junge, wilde Theatermann Baranov selbst im obersten Zirkel der Macht angekommen und trägt dazu bei, ein ähnlich autoritäres System aufzubauen.

Mit „Der Magier im Kreml“ verfilmt der französische Regisseur Olivier Assayas den gleichnamigen Roman von Giuliano Da Empoli, der – so ist im Vorspann zu lesen – auf historischen Ereignissen beruhend sich doch als „fiktionales Werk mit einer künstlerischen Intention“ verstehe.

Mehr als zwanzig Jahre umfasst der Zeitstrahl der Erzählung, die vom Untergang der Sowjetunion Anfang der Neunziger bis zur Annektion der Krim 2014 durch die jüngere russische Geschichte führt.

Im Zentrum der Handlung steht mit der Figur des Vadim Baranov unübersehbar die fiktionalisierte Reinkarnation von Putins Chefideologen Wladislaw Surkow, der bis 2020 als Berater des Präsidenten tätig war und das autokratische System entscheidend geprägt hat.

Paul Dano spielt den Spindoktor nicht als furchterregendes Polit-Monster. Vielmehr ist sein Baranov ein junger, aufgeweckter Intellektueller, der sich über viele kleine Schritte vom Freigeist zum Baumeister eines autoritären Regimes entwickelt. Assayas zeigt diese Genese weniger als individuelles, psychologisches Phänomen, denn als Teil eines dynamischen politischen und gesellschaftlichen Prozesses.

In rasantem Tempo verändern sich im Russland der neunziger Jahre die ökonomischen Machtverhältnisse. Innerhalb kürzester Zeit wird das Vakuum durch eine neureiche Klasse gefüllt, die sich hemmungslos am Zusammenbruch des Systems bereichert. Der junge Dmitri Sidorov (Tom Sturridge) steigt fast über Nacht zum Oligarchen auf, der ein Millionenvermögen anhäuft und Baranov zugleich seine Geliebte Ksenia (Alicia Vikander) ausspannt. Danach wendet sich der Theaterregisseur von der hohen Kunst ab und wird Chef eines privaten TV-Senders, der das Volk mit zynischen Show-Formaten bei Laune hält. Dessen Besitzer, der schwerreiche Geschäftsmann Boris Berezovski (Will Keen), spielt mit dem Präsidenten Boris Jelzin Tennis, welcher allerdings aufgrund seines Alkoholkonsums als Strohmann der Oligarchen nicht mehr lange durchhält.

Paul Dano spielt Baranov feinsinnig, Jude Law überzeugt als Putin

Auf der Suche nach Ersatz stößt Berezovski auf den Leiter des Geheimdienstes Wladimir Wladimirowitsch Putin (Jude Law). Baranov wird zum Wahlkampfleiter ernannt und macht dem Kandidaten klar, dass das russische Volk nach den chaotischen Jahren horizontaler Machtverteilung wieder an vertikalen Herrschaftsformen interessiert ist.

Nach der Wahl stellt sich sehr schnell heraus, dass Putin keineswegs gewillt ist als Marionette zu regieren, sondern seine eigene Vorstellungen von der Zukunft Russlands hat. Vom zweiten Tschetschenien-Krieg bis zur Verhaftung von Oligarchen reichen die Maßnahmen, mit denen Putin Volk und politischen Gegnern seine Machtbefugnisse demonstriert. Immer mit dabei: Baranov, der als innenpolitischer und geostrategischer Berater die Strippen zieht und mit machiavellistischer Kreativität das autokratische System zunehmend stabilisiert.

Mit „Der Magier im Kreml“ inszeniert Assayas einen ebenso komplexen wie verdichteten Ritt durch die jüngere, russische Geschichte. Das historische Material hätte sicherlich genug Stoff für eine Miniserie geliefert, wie sie Assayas in seinem phänomenalen Terroristen-Porträt „Carlos“ (2010) in Szene gesetzt hat. Aber auch auf zweieinhalb Kinostunden funktioniert dieser historische Politthriller, der äußerst nah an unsere Gegenwart heranreicht. Etwa wenn Baranov den Betreiber einer Trollfabrik darauf aufmerksam macht, dass es nicht darum gehe, die eigene Ideologie über soziale Medien zu verbreiten, sondern darum, cyberabhängige Nerds, Beauty-Influencer, Verschwörungstheoretiker oder Impfgegner aufzustacheln, um die westlichen Demokratien im Netz systematisch zu unterminieren.

In einer Ära zunehmender Autokratien ist es absolut erhellend, sich den unaufhaltsamen Aufstieg Putins noch einmal genau anzusehen. Jude Law verwandelt sich äußerst glaubwürdig in den kalt kalkulierenden Machtmenschen, der seine politischen Gegner systematisch zur Strecke bringt und in Stalin sein großes Vorbild sieht. Dass der Film nicht ihn, sondern seinen wichtigsten Einflüsterer ins Zentrum des Interesses stellt, gibt der Angelegenheit eine größere, analytische Tiefe jenseits eines spekulativen Autokratenporträts.

Der Magier im Kreml. F/USA 2025, Regie: Olivier Assayas. Mit Paul Dano, Jude Law und Alicia Vikander. 152 Minuten. Ab 12 Jahren

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Erstellt:
8. April 2026, 12:52 Uhr

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