Symphonisches Musikfest im Bürgerhaus

Frenetischen Beifall ernten das „Schwarzwald Kammerorchester“ und der Solist Frank Dupree am Flügel für ihren Auftritt in Backnang. Abgesehen von den coronabedingten Abstandsregelungen lässt dieser Konzertabend keine Wünsche offen.

Ein grandioser Auftritt: Das Schwarzwald Kammerorchester mit Klavier von Frank Dupree im Backnanger Bürgerhaus. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Ein grandioser Auftritt: Das Schwarzwald Kammerorchester mit Klavier von Frank Dupree im Backnanger Bürgerhaus. Foto: J. Fiedler

Von Christoph Rothfuß

BACKNANG. Ein symphonisches Musikfest mit dem Schwarzwald Kammerorchester in Backnang – ein Erlebnis für die Ohren, welches Wohlbekanntes in vitalster Neueinkleidung präsentierte – mit einem Solisten Frank Dupree, der momentan zu einer famosen internationalen Karriere ansetzt und im Bürgerhaus bewies, warum.

Lang ausgehaltene, tiefe Töne münden in gellende Aufschreie – Beethovens Coriolan-Ouvertüre beginnt trotzig-expressiv, dramatisch-handfest. Ein Drive, der unheimlich-gespenstisch vorwärtsdrängt, eine rastlose Bewegung, die immer wieder abrupt innehält – der Dirigent Karsten Dönneweg fordert von seinen Musikern mit effektiver Körpersprache dringlichste Plastizität. Sehnsüchtige Kantilenen sorgen für punktuelle Entspannung. Doch der atemlose Duktus ist letztendlich nicht aufzuhalten. Dem Orchester gelingt es, dieser Ouvertüre trotz häufig wechselnder Charaktere eine verblüffende Stringenz und Geschlossenheit einzuschreiben. Was für ein Auftakt. Das machte Lust auf mehr Beethoven: mit seinem 4. Klavierkonzert wurde sie gestillt. Frank Dupree darf am Flügel vor dem Einsatz des Orchesters seine Visitenkarte abgeben und tut dies bei aller Lyrik mit einer heiteren Serenität. Auffallend ist hier wiederum, wie die Mitglieder des Schwarzwald Kammerorchesters trotz ungewohnten Abständen sehr homogen musizieren, ein interpretatorisches Kollektiv bilden, welches der Dirigent unablässig einfordert und fördert. Rhythmisch-markante Passagen wechseln mit verträumt-schwärmerischen, immer wieder greift eine Schwerelosigkeit Raum, die sich über einem klar definierten Grund und Boden entfaltet. Dupree gelingt es, spielerisch den Solopart zu schärfen, ihm eigenständiges Profil zu verleihen. Zwischen Orchester und Pianist herrscht ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe.

Der zweite Satz ist auf seine Weise einzigartig in der Musikgeschichte: In größter Schroffheit und Unversöhnlichkeit stehen sich das unbarmherzige Schicksal (Orchester) und das empfindsame Individuum (Klavier) gegenüber. Doch im weiteren Verlauf passiert das komponierte Wunder. Die Orchestermusiker reagieren auf das subjektive Ich und überlassen diesem schließlich die Oberhand. Sensationell wie Dupree in einer sehr simplen, einstimmigen Passage jeden Einzelton als Ereignis gestaltet, allerdings als eines, welches in eine übergeordnete Linie eingebunden ist.

Im Finale herrscht allerorten eine triumphale, mitreißende Freude, die in ihrem Gestus schon die wonnetrunkene „Ode an die Freude“ der neunten Sinfonie vorausnimmt. Ein Fest der Farben und Stimmungen, zutiefst vielfältig und aufklärerisch und lebensbejahend. Frank Dupree spielt noch eine Zugabe, bei der er einmal mehr demonstriert, wie sehr ihm mitunter auch der Schalk im Nacken sitzt. Das Publikum im Backnanger Bürgerhaus ist begeistert und reagiert mit einem frenetischen Beifall, der alle Coronabeschränkungen vergessen sein lässt.

Nach der Pause dann also Felix Mendelssohn-Bartholdys „Italienische Sinfonie“. Energisch und vital der Einstieg, fulminante Steigerungsanläufe und eine treibende Streichermotorik, die allzu gerne von den bestens präparierten Holzbläsern übernommen wird. Wehmütige Klarinetteneinwürfe gemahnen zur Ruhe in der allerseits zu findenden Unruhe. Dirigent Dönneweg wählt ein schlechterdings perfektes Tempo für diese kontrastreiche und vor genialen Einfällen sprühende Musik. Die Mitglieder des Schwarzwald Kammerorchesters können ihre Phrasen ausmusizieren und die großen Bögen ausformulieren. Voller Esprit und Verve, voller südländischem Temperament, gekoppelt mit jubilierenden Blechbläserfanfaren, nehmen die Musiker ihr Publikum gefangen.

Der zweite Satz bietet ein episches Lamentoso unter einem beharrlich schleichendem Kontinuum der tiefen Streicher, gelegentlich blüht Hoffnung auf Trost auf. Und dann: gelöste Unbeschwertheit im dritten Satz, den auch einzelne fatalistische Hörnerrufe nicht bezwingen können. Ein beinahe verschämtes Vogelgezwitscher im Hintergrund verleiht der Szenerie eine pittoreske Heimeligkeit. Wird der vierte Satz von einem tollen Flötensolo eingeleitet, bricht doch eine dämonische Hetzjagd durch, bei der es extrem auf das Timing der Instrumentalisten ankommt. Dirigent Dönneweg lässt sein Ensemble von der Leine, indem er es selbst durch äußerst präzises Dirigat zu einem symphonischen Höhenflug animiert. Pure Begeisterung!

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Erstellt:
13. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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